FDA

Neue Therapie bei Hämophilie A mit Faktor-VIII-Antikörpern

Stuttgart - 20.11.2017, 11:45 Uhr

Hämophilie A ist eine vererbbare Blutgerinnungsstörung, die vor allem Männer trifft. (Foto: creativesunday / stock.adobe.com)                                   

Hämophilie A ist eine vererbbare Blutgerinnungsstörung, die vor allem Männer trifft. (Foto: creativesunday / stock.adobe.com)                                   


Am vergangenen Donnerstag hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA eine neue Routine-Therapie zur Prophylaxe von Blutungen bei Hämophilie A zugelassen. Der bispezifische Faktor-IXa- und Faktor-X-Antikörper Emicizumab-kxwh (Hemlibra®) wird subkutan einmal wöchentlich appliziert und ist sowohl bei Erwachsenen als auch Kindern indiziert, die an einem angeborenen Faktor-VIII-Mangel (Hämophilie A) mit Faktor-VIII-Antikörpern leiden. 

Auf Basis zweier klinischer Studien (HAVEN 1 für Erwachsene und HAVEN 2 für Kinder) wurde am vergangenen Donnerstag der neue Antikörper Emicizumab-kxwh – zur Behandlung der Hämophilie A – als Orphan Drug mit „Priority Review“ (Bearbeitung des Antrags innerhalb von sechs Monaten) und als „Breakthrough Therapy“ von der FDA zugelassen.

Weniger Blutungen und weniger Schmerzen

Hämophilie A ist eine vererbbare Blutgerinnungsstörung, die vor allem Männer trifft. In den USA ist einer von 5000 Männern von Hämophilie betroffen, wovon 80 Prozent an der Untergruppe Hämophilie A leiden. Diesen Patienten fehlt das Faktor-VIII-codierende Gen. In der Folge leiden Betroffene an schweren Blutungen, die in die Gelenke eindringen, wodurch die Gelenke stark geschädigt werden können. Die Behandlung der Hämophilie bestand bislang vor allem aus der Substitution der fehlenden Gerinnungsfaktoren – entweder prophylaktisch oder im Akutfall. Etwa 30 Prozent der Patienten entwickeln nach einigen Jahren der Substitutionstherapie mit Faktor VIII neutralisierende Antikörper, die die Wirkung bisheriger Hämophilie-A-Therapien beeinträchtigen. Patienten mit einer solchen Hemmkörperhämophilie werden mit Faktor VII oder Prothrombinkomplexen behandelt. Diese „umgehen“ den Faktor VIII. Die Effektivität dieser Bypass-Präparate ist jedoch suboptimal, und die erforderlichen häufigen Infusio­nen belasten die Patienten.

Die einmal wöchentliche subkutane Applikation des bispezifischen Faktor-IXa- und Faktor-X-Antikörpers soll in Zukunft Blutungen bei Hämaophilie-A-Patienten, die Faktor-VIII-Antikörper entwickelt haben, komplett vorbeugen oder ihre Häufigkeit signifikant reduzieren (um etwa 87%). Innerhalb der Zulassungsstudien konnte nicht nur eine deutliche Reduktion der Blutungen gezeigt werden, sondern auch eine Linderung der mit den Blutungen assoziierten Symptome: schmerzhafte Schwellungen und Gelenkschmerzen. Die Patienten konnten sich wieder besser bewegen.

Neue Arzneimittelklasse mit „boxed warning“

Emicizumab-kxwh besitzt keine strukturelle Ähnlichkeit oder Sequenzhomologie zu Faktor-VIII und regt somit auch nicht die Entwicklung von Faktor-VIII-Antikörpern an. Stattdessen bindet der Antikörper gleichzeitig an Faktor X und an Faktor IXa. Emicizumab-kxwh übernimmt sozusagen die Aufgabe von Faktor VIII und stellt so die Gerinnungsfähigkeit des Blutes der Hämophilie-A-Patienten wieder her. Es handelt sich um einen humanisierten monoklonalen modifizierten Immunglobulin-G4-Antikörper, der durch seine Struktur bispezifisch sowohl an Faktor IXa und Faktor X binden kann. Der Antikörper wird in CHO-Zellen (Chinese Hamster Ovary) hergestellt.

Häufige Nebenwirkungen sind Reaktionen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen. Die Gebrauchsinformation enthält außerdem die Warnung („boxed warning“), dass es unter der Therapie mit Emicizumab-kxwh zur Entwicklung von Blutgerinnseln kam (thrombotische Mikroangiopathie und Thromboembolien) - jedoch bei Patienten, die zusätzlich wegen einer akuten Blutung über mindestens 24 Stunden ein aktiviertes Prothrombin-Komplex-Konzentrat erhalten hatten. 

Efmoroctocog alfa und Lonoctocog alfa in Deutschland

2016 kam in Deutschland zuletzt das vollständig rekombinante humane Faktor-VIII-Präparat Efmoroctocog alfa (Elocta®) zur Therapie der Hämophile A auf den Markt. Im Unterschied zu den bisherigen Präparaten hat es eine vergleichsweise lange Eliminationshalbwertszeit und ist frei von fremden Plasmaproteinen (vgl. Octocog alfa oder Simoctocog alfa, die mithilfe von tierischen oder menschlichen Zelllinien produziert werden).

Dieses Jahr wurde Lonoctocog alfa (Afstyla®) in der EU zugelassen. Lonoctocog alfa ist ein einkettiges Polypeptid mit einer verkürzten B-Domäne, die eine kovalente Verbindung der schweren und leichten Kette des Faktors VIII erlaubt. Im Vergleich zum vollständig rekombinanten humanen Faktor-VIII weist Lonoctocog alfa eine höhere Affinität zum von-Willebrand-Faktor (vWF) auf. Der von-Willebrand-Faktor stabilisiert Faktor VIII und verhindert dessen Abbau.



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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