Nebenwirkung bei Antibiotika

Tagesthemen warnen vor Ciprofloxacin

Stuttgart - 03.11.2017, 15:45 Uhr

Nur noch als Reserveantibiotika einsetzen: Fluorchinolone (Foto: picture-alliance / Sven Simon)

Nur noch als Reserveantibiotika einsetzen: Fluorchinolone (Foto: picture-alliance / Sven Simon)


Ciprofloxacin als Auslöser für chronische Schmerzen, Schwindel, Erschöpfung. Darüber berichten die Tagesthemen. Auch das pharmakritische Arzneitelegramm kommt zu Wort: Fluorchinolone setzten Ärzte noch immer zu unkritisch ein. Die EMA bewertet derzeit die „Persistenz“ der Nebenwirkungen von Fluorchinolonen wie Cipro-, Levo- und Moxifloxacin auf Muskeln, Nervensystem und Gelenke.

In einem Beitrag der Tagesthemen vom 1. November warnen Ärzte, eine betroffene Patientin und das Arzneitelegramm vor Fluorchinolonen: Konkret geht es um Ciprofloxacin. Eine 35-jährige Patientin erhielt das Antibiotikum aus der Gruppe der Fluorchinolone zunächst gegen eine Harnwegsinfektion, dann gegen eine Sinusitis. Seither sei sie krank, berichten die Tagesthemen; sie leide seit anderthalb Jahren an „Erschöpfung, Schwindel, Schmerz“, sei arbeitsunfähig und habe mehrere Klinikaufenthalte hinter sich.

Die Patientin ist wegen ihrer seither bestehenden Nervenschäden bei einem Allgemeinmediziner in Behandlung. Dieser gibt sich erstaunt, ob des toxischen Potenzials der antibiotischen Wirkstoffklasse: Ihm sei vorher auch nicht so richtig klar gewesen, „was Ciprofloxacin für ein Nebenwirkungsspektrum hat … und welche Nebenwirkungen speziell dazugehören“, erklärt der behandelnde Arzt der betroffenen Patientin. Im Prinzip müsse jeder Arzt über das Nebenwirkungspotenzial der Fluorchinolone Bescheid wissen - man warne seit 30 Jahren vor der antibiotischen Wirkstoffklasse, erklärt Wolfgang Becker-Brüser vom Arzneitelegramm.

Fluorchinolone verordnen Ärzte zu unkritisch

Der Beitrag geht auf die „lange Liste der Nebenwirkungen im Beipackzettel“, teilweise mit Warnhinweisen, bei Fluorchinolonen ein – deswegen sollten die Reserveantibiotika nur verordnet werden, wenn andere Wirkstoffe wirkungslos gewesen seien. Lange Listen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen sind allerdings kein Spezifikum der Fluorchinolone, auch bei anderen antibiotischen Wirkstoffen sind potenziell auftretende unerwünschte Arzneimittelwirkungen zahlreich, vielleicht jedoch nicht so schwerwiegend. Was ist also dran an den Vorwürfen der Patientin und des Arzneitelegramms?

Wirkstoffe Verordnungen in Tausend Packungen  Nettokosten in € je Tagesdosis
Ciprofloxacin (z.B. Cipro BASICS®) 3.747,6 2,51
Levofloxacin (z.B. Levofloxacin Heumann®) 1.202,8 1,94
Moxifloxacin (z.B. Avalox®) 467,9 4,71
Ofloxacin (z.B. Oflox BASICS®) 267,4 2,62
Norfloxacin (z.B. NorfloHEXAL®) 230,9 2,34
Enoxacin (z.B. Enoxacin®) 27,1 4,62
Alle Fluorchinolone (J01MA) 5.943,8 2,59
Alle systemisch wirkenden Antibiotika (J01)
ohne Fluorchinolone (J01MA)
32.065,0 1,60
Alle systemisch wirkenden Antibiotika (J01) 38.008,8 1,70
Quelle:  http://arzneimittel.wido.de/PharMaAnalyst   © WIdO 2017



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
cmueller@daz.online


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5 Kommentare

habs überlebt

von Dr. Matthias David Vogelsgesang am 05.11.2017 um 22:33 Uhr

Spannende Sache.
Habe in meinem bisherigen Leben etwa 8 mal Ciprofloxacin genommen, 2x 500mg, 3x 500mg. Sollte nicht so komplex sein, herauszufinden was Cipro Levo Nor Moxifloxacin wem warum machen. Denke, es liegt an der Mischung Fluorchinolon - Infektion. Vielleicht ist die offene Blut-Hirnschranke im infizierten Körper schuld? Oder eine Autoimmunerkrankung.

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Cipro

von Chris am 04.11.2017 um 8:13 Uhr

Sicher wäre eine Anpassung ds Beipackzettels schön. Nur würde das allein nicht den gewünschten Erfolg bringen. Was sagen die Leitlinien? Hätten die Heilberufe mehr Zeit pro Patient, bei entsprechender Vergütung, wäre m.E. viel gewonnen.

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Chinolone aus Patientensicht

von Stefan L. am 03.11.2017 um 18:56 Uhr

Bereits im Jahre 2007 gab es ein 300 Seitiges Dokument, welches die chronische Erkrankung durch Chinolone beschreibt. Es wurde anhand von tausenden Paper und Befragungen von Mediziner von Patienten für Patienten erstellt. Es umfasst über 80 Symptome, Verläufe, Fallbeispiele,... Sie finden es im Netz unter: "flox report" In den USA gibt es eine Studie die die Verläufe der Nebenwirkungen untersucht zu finden unter: fqstudy.info. In den Selbsthilfegeuppen befinden sich 10.000 aktive Nutzer, in Deutschsprachigen Raum gibt es allein schon 4. Sogar Unterrubriken wie: Chinolon induzierte Sehschäden, Partnerbörsen für Erkrankte etc. Die Nebenwikrungen können verzögert auftreten und Jahre anhalten. Mir allein sind schon 5 erkrankte Mediziner bekannt, welche von ihren eigenen Kollegen deswegen geschnitten wurden und bestenfalls nur einen Teil ihrer Beschwerden anerkannt bekamen.

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Schon die erste Tablette kann tödlich sein!

von Anonym am 03.11.2017 um 17:25 Uhr

Fluorchinolone sind äußerst gefährlich und können schon nach wenigen Tabletten zu dauerhaften Behinderungen führen. Da die schweren Nebenwirkungen oft zeitversetzt auftreten, können die Patienten während der Einnahme nicht reagieren.

Die in dem Video gezeigte Betroffene musste aufgrund der durch Nebenwirkungen verursachten Magenlähmung operiert werden und wurde danach zwei Wochen auf der Intensivstation künstlich über die Vene ernährt werden. Bis heute kann sie nicht normal essen.

Fluorchinolone sind in Deutschland mit 6 Mio Packungen 2016 die viert-häufigsten verordneten Antibiotika. Jeder 100te erleidet schwere und potenziell dauerhafte Nebenwirkungen wie Sehnen oder Knorpelschäden. Bei den über 65 Jährigen ist etwa jeder zweite Sehnenriss auf Fluorchinolone zurückzuführen.

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Tagesthemen warnen vor Ciprofloxacin

von Christian am 03.11.2017 um 17:15 Uhr

Mit recht wird hier noch mal das Thema Fluorchinolone aufgenommen. Unzählige Menschen leiden an den Nebenwirkungen die wie in der Packungsbeilage beschrieben nicht Dauerhaft sein sollen, was offensichtlich nicht stimmt. Deswegen muß dieser Beipackzettel durch die entsprechende Behörde ( die sich übrigens zu nichts äussert, das war jetzt schon die Xte Anfrage an die BfArM ) sich für eine BlackBox Warnung bei der EMA aussprechen, sowie den Beipackzettel der Realität anpassen und Ärzte müssen offenbar dazu gezwungen werden sich in Arzneimittelkunde unterrichten zu lasen.

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