Baden-Württemberg

Ärztekammer genehmigt erstmals Fernbehandlung

Stuttgart - 23.10.2017, 15:50 Uhr

In Baden-Württemberg kann es losgehen: Dortige Ärzte dürfen Patienten erstmals ausschließlich aus der Ferne behandeln. (Foto: Fotolia / rocketclips)

In Baden-Württemberg kann es losgehen: Dortige Ärzte dürfen Patienten erstmals ausschließlich aus der Ferne behandeln. (Foto: Fotolia / rocketclips)


Bislang dürfen Ärzte in Deutschland Patienten nur dann per Telefon oder Internet behandeln, wenn sie sie zuvor gesehen haben. In einem einmaligen Modellprojekt erprobt die Ärztekammer Baden-Württemberg nun neue Möglichkeiten, bei denen Patienten ausschließlich aus der Ferne behandelt werden. Das erste Angebot richtet sich an Privatversicherte. Rezepte dürfen die Ärzte nicht ausstellen – doch das könnte sich ändern.

Wie das Münchener Unternehmen Teleclinic mitteilte, startet am heutigen Montag das bundesweit erste Fernbehandlungs-Projekt Deutschlands. Als erstem und bislang einzigem Anbieter gestattete die Ärztekammer Baden-Württemberg der Firma, in einem auf zwei Jahre angelegten Modellprojekt die Kunden der Barmenia sowie einer weiteren, noch nicht genannten privaten Krankenversicherung über eine online-Sprechstunde zu behandeln. Dies bestätigte auch die Ärztekammer in einer Pressemitteilung.

Den Weg hierzu hatte die Kammer vor gut einem Jahr freigemacht, als sie das in der Berufsordnung verankerte Verbot ausschließlicher Fernbehandlungen kippte und den Weg für derartige Modellprojekte eröffnete. Mehrere Anbieter stehen in den Startlöchern – so auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg, die eine ärztliche Beratung per Video und Telefon plant, damit Patienten zukünftig seltener Krankenhausambulanzen aufsuchen müssen. Die KV habe ihren Antrag jedoch vorübergehend zurückgenommen, erklärte ein Pressesprecher der Ärztekammer auf Anfrage. 

Patienten auf dem Land sollen profitieren

„Durch die Fernbehandlung sind Patienten nicht an Öffnungszeiten von Arztpraxen gebunden“, erklärt Teleclinic in einer Pressemitteilung: Rund um die Uhr sei zumindest ein Bereitschaftsdienst erreichbar, betonte eine Pressesprecherin auf Nachfrage. Patienten könnten einen Video-Chat über eine App von Teleclinic nutzen oder zum Telefonhörer greifen. Ärztliche Behandlung würden damit leichter zugänglich – unabhängig vom Zeitpunkt oder davon, wo Patienten sich gerade aufhalten. „Insbesondere Patienten auf dem Land, wo Ärztemangel herrscht, profitieren“, erklärt Teleclinic. Auch für Ärzte sei diese Öffnung positiv: Sie können ihren Patienten nun etwas anbieten, was europäische Kollegen teils schon länger dürfen.

„Der heutige Tag markiert einen Meilenstein im deutschen Gesundheitswesen“, betont Katharina Jünger, Geschäftsführerin von TeleClinic. Das Projekt hat ihrer Ansicht nach das Potenzial, die deutsche Gesundheitsversorgung digitaler, effizienter und moderner zu gestalten – profitieren würden Patienten, Krankenversicherer und Ärzte gleichermaßen. „Die digitale Sprechstunde wird den normalen Arztbesuch keinesfalls ersetzen, ist aber eine sinnvolle Ergänzung und Alternative“, sagt sie. 

Laut Ärztekammer-Präsident „Neuland in Deutschland“

„Nach intensiven Vorarbeiten sind wir nun die erste ärztliche Körperschaft in der Bundesrepublik, die Ärzten die ausschließliche Fernbehandlung im Rahmen von Modellprojekten erlaubt, und wir betreten damit Neuland in Deutschland“, erklärte Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, in einer Pressemitteilung. „In Baden-Württemberg wird das möglich, was außerhalb Deutschlands längst tägliche Routine und zukünftig nicht mehr aufzuhalten ist: Arzt und Patient können sich beispielsweise am Telefon oder via Handy-App begegnen, und der Arzt darf eine individuelle Diagnose stellen und die Therapie einleiten."

Ein sogenannter „verantwortlicher Arzt“ garantiere auf Seiten des Anbieters dabei als Mitglied der Landesärztekammer Baden-Württemberg die gewissenhafte Einhaltung des berufsrechtlichen Rahmens gemäß der ärztlichen Berufsordnung sowie Patientensicherheit und Datenschutz. Die Modellprojekte werden fortlaufend wissenschaftlich evaluiert – um sicherzustellen, dass die Patienten bei der ausschließlichen Fernbehandlung „die gleiche Qualität und Expertise wie in Praxis oder Krankenhaus“ geboten wird. Wann immer die Behandlung auf Distanz im Einzelfall unmöglich sei, werde auf entsprechende regionale Experten und Behandlungsangebote verwiesen, betont die Ärztekammer: Lebensbedrohliche Notfälle würden immer sofort an die Rettungsleitstelle weitergegeben.

„Der diesjährige Deutsche Ärztetag hat die baden-württembergische Innovation sehr positiv aufgenommen und will sie sich zum Vorbild nehmen“, erklärte Clever – der Ärztetag hatte 2017 die Digitalisierung als Schwerpunkt. Der Kammerpräsident betont, dass jeder einzelne Modellantrag sehr kritisch geprüft werde, damit unter anderem Patientensicherheit und Datenschutz gewährleistet sind. „Die Behandlung in einem von uns genehmigten Modellprojekt darf ausschließlich durch unsere Kammermitglieder – Ärztinnen und Ärzte aus Baden-Württemberg – vorgenommen werden“, sagte er – „nicht etwa durch im Ausland ansässige und tätige Ärzte.“ 

Werden Fernverschreibungen für die Projekte wieder erlaubt?

Verboten ist den Video-Ärzten bislang der Griff zum Rezeptblock: Der Bundestag hatte mit dem Vierten AMG-Änderungsgesetz im vergangenen Jahr auch Fernverschreibungen einen Riegel vorgeschoben. Wie ein Sprecher der Ärztekammer gegenüber DAZ.online erklärte, will die Kammer jedoch auch das Verschreiben aus der Ferne ermöglichen, denn in der Gesetzesbegründung sind mögliche Ausnahmefälle erwähnt. Von Seiten der Landesregierung sei bereits signalisiert worden, dass Derartiges im Rahmen von Modellprojekten durchaus denkbar ist. „Wünschenswert wäre das natürlich – für den Patienten, den Arzt und insgesamt für diese Modellprojekte“, betonte der Sprecher.

Befürchtungen von Vor-Ort-Apothekern, dass Rezepte dann ähnlich wie beim Privatversicherer Ottonova ins Ausland gehen könnten, versucht er zu zerstreuen. „Wir sind mit den Apothekern hier im Ländle im engen Austausch – damit genau das nicht passiert, sind sie im Boot“, erklärt der Kammersprecher. „Grundsätzlich ist das möglich“, erklärt ein Sprecher der Apothekerkammer Baden-Württemberg gegenüber DAZ.online. Doch gebe es hier noch nichts Konkretes zu vermelden.

Teleclinic bietet bisher ärztliche Beratungen an

Das Unternehmen Teleclinic wurde 2015 gegründet. Schon bislang beraten rund 200 Ärzte in Teilzeit bundesweit Versicherte von drei privaten Krankenversicherungen sowie einiger kleiner Betriebskrankenkassen. Doch anders als bisher dürfen die Mediziner nur allgemein beraten, nicht jedoch Krankheiten behandeln – was zukünftig auch nur Ärzte dürfen, die in Baden-Württemberg ansässig sind.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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