EUROPA, DEINE APOTHEKEN – Niederlande

Viel pharmazeutische Expertise in einem deregulierten Markt

Berlin - 18.10.2017, 07:00 Uhr

Alte Apotheke in Enkhuizen (Foto: blickwinkel / dpa)

Alte Apotheke in Enkhuizen (Foto: blickwinkel / dpa)


Die niederländische Pharmazie genießt einen exzellenten Ruf. Zusammen mit Großbritannien ist das Land in Europa führend in Sachen Pharmaceutical Care. Ähnlichkeiten mit dem deutschen System sind die Maximalpreise oder das Gerangel mit den Kassen über Rabattverträge. Ein großer Unterschied zu Deutschland ist das deregulierte Apothekenwesen. Ohne Zugehörigkeit zu einer Kette, einem Franchise oder ohne einen „Versorgungs-Makler“ hat eine Offizinapotheke in unserem Nachbarland kaum eine Aussicht auf ein auskömmliches Geschäft. 

Die niederländische Krankenversicherung 

Das Gesundheitssystem der Niederlande gilt als eines der effizientesten und fortschrittlichsten der Welt. Im Euro Health Consumer Index war das Land 2016 unangefochten die Nummer eins und rangiert seit zehn Jahren unter den Top drei. 

Vor rund zehn Jahren wurde in den Niederlanden die strikte Trennung zwischen gesetzlicher (Ziekenfonds) und privater Krankenversicherung (Particulier) aufgehoben. Seitdem arbeiten die Versicherungsanbieter privatwirtschaftlich. Das heutige System basiert auf einer Basiskrankenversicherung, die für alle knapp 17 Millionen Einwohner verpflichtend ist, einer Pflichtversicherung für die Langzeitversorgung und privaten Zusatzversicherungen für bestimmte Leistungen, die meisten für die Zahnbehandlung.

Maximalpreise und Festbeträge

Der größte Teil der Arzneimittelversorgung in den Niederlanden fällt unter das Basispaket. Alle zugelassenen Arzneimittel sind prinzipiell erstattungsfähig. Zweimal pro Jahr legt das Ministerium für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport die Maximalpreise fest. Hierbei werden Belgien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien als Referenzländer für den Durchschnitt herangezogen. Der Preis wird auf der Ebene der Herstellerabgabepreise gedeckelt. Für Arzneimittel mit ähnlichen Wirkungen gibt es ein Festbetragssystem und für kostenintensive eine gesonderte Liste sowie ein extra Budget. Die Großhandelsmargen sind nicht fixiert, sondern dem Markt überlassen. Für OTC-Arzneimittel ist die Preisbildung auf allen Ebenen der Distribution frei. 

74 % Generikaanteil im Erstattungsmarkt

Generika spielen in der Versorgung eine große Rolle. Mit einem Anteil von fast drei Vierteln (2016) ist der Sektor mengenmäßig weitaus dominant, macht aber nur knapp 17 Prozent der Arzneimittel-Ausgaben im Erstattungssektor aus.

Die INN-Verschreibung und Generika-Substitution sind erlaubt, aber keine gesetzliche Pflicht. Verordnet der Arzt explizit ein Markenarzneimittel, so muss dieses abgegeben werden, es sei denn, Arzt und der Patient stimmen der Generika-Substitution zu. Auch bei medizinischer Notwendigkeit, bei Problemen mit der Bioäquivalenz oder wenn der Austausch mit einem Arzneimittelrisiko verbunden sein könnte, darf nicht substituiert werden.

Die Königliche Niederländische Apotheker-Vereinigung (KNMP) hat hierzu spezielle Leitlinien veröffentlicht. De facto liegt der Substitutionsgrad in den niederländischen Apotheken jedoch bei fast 100 Prozent.

KNMP – Was ist das?

Die „Koninklijke Nederlandse Maatschappij ter bevordering der Pharmacie“ ist der Berufsverband der niederländischen Apotheker. Er vertritt 90 Prozent der Apotheker des Landes. Etwa 2900 der rund 5200 Mitglieder arbeiten als Inhaber oder Angestellte in der öffentlichen Apotheke, knapp 600 im Krankenhaus, circa 300 in der Industrie, der Rest in anderen Funktionen. Über neue Entwicklungen und aktuelle Themen informiert die KNMP u.a. über ihr Verbandsorgan, das Pharmaceutisch Weekblad.

Bei der Abgabe müssen „Vorzugs-Policen“ beachtet werden. Dies liegt vor allem daran, dass die Krankenversicherungen für die Erstattung mit so genannten „Vorzugs-Policen“ (preferentiebeleid) arbeiten.

Hiernach werden im Rahmen des Basispakets des jeweiligen Versicherers nach Patentablauf eines Originalarzneimittels innerhalb einer bestimmten Arzneimittelgruppe vielfach nur eines oder mehrere ausgewählte Generika übernommen. Die anderen Präparate müssen die Patienten komplett selbst bezahlen. Die Versicherer wählen die „Vorzugs-Arzneimittel“ auf Basis des Preises oder durch Ausschreibungen aus. Der harte Wettbewerb, der dadurch ausgelöst wurde, hat die Preisspirale für Arzneimittel seither immer mehr nach unten gedreht. In den letzten zehn Jahren sind die Preise für rezeptpflichtige Medikamente in den Niederlanden um rund 40 Prozent gefallen. Die Regelung erzeugt auch zusätzlichen Druck in den Apotheken, wenn ein Vorzugs-Medikament nicht lieferbar ist. Auch in unserm Nachbarland sind Lieferengpässe ein großes Thema.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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