Gesundheitsnetzwerk ohne Apotheker

AOK auf der E-Health-Überholspur

Berlin - 10.10.2017, 12:45 Uhr

Eigene E-Health-Ideen: Der AOK-Bundesverband hat gemeinsam mit der AOK Nordost eine eigene digitale Patientenakte und einen eigenen e-Medikationsplan entwickelt, Apotheker sind vorerst nicht dabei. (Screenshot: AOK)

Eigene E-Health-Ideen: Der AOK-Bundesverband hat gemeinsam mit der AOK Nordost eine eigene digitale Patientenakte und einen eigenen e-Medikationsplan entwickelt, Apotheker sind vorerst nicht dabei. (Screenshot: AOK)


Scharfe Kritik an der gematik

Christian Klose, beim AOK-Bundesverband Projektleiter für das Gesundheitsnetzwerk, erklärte bei der Vorstellung des Netzwerkes am heutigen Dienstag in Berlin zum Thema Datenschutz: „Bei der Entwicklung haben wir selbstverständlich die aktuellen IT-, Sicherheits- und Datenschutz-Standards berücksichtigt. Ein besonderes Merkmal des AOK-Gesundheitsnetzwerkes ist die dezentrale Datenhaltung: Die Gesundheitsinformationen der Versicherten werden nicht zentral gespeichert, sondern bleiben bei demjenigen, der sie erhoben hat. Zentral  vorhanden ist nur die Information, bei welcher Klinik oder bei welchem niedergelassenen Arzt Daten vorhanden sind und wer darauf zugreifen darf.“ Die Kasse selbst speichere keine Daten. Zudem könnten die teilnehmenden Patienten jederzeit selbst entscheiden, welcher Arzt welche Dokumente digital zur Verfügung gestellt bekommt.

Die AOK sieht sich in ihrem Vorgehen durch eine eigens in Auftrag gegebene Umfrage gestärkt. Eine Befragung des Institutes YouGov hatte ergeben, dass 82 Prozent der befragten GKV-Versicherten es für sinnvoll erachten, dass medizinische Daten in einer digitalen Gesundheitsakte gespeichert werden, sodass Ärzte in der Praxis und im Krankenhaus diese abrufen und sich einen Überblick über den Gesundheitszustand des Patienten verschaffen können.78 Prozent der Befragten würden eine solche digitale Gesundheitsakte auch selbst nutzen.

Litsch: Die gematik ist gescheitert

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, übte bei der Vorstellung schwere Kritik am Fortschritt der Selbstverwaltung im Bereich E-Health. Litsch ist der Meinung, dass die in der gematik vertretenen Akteure den Digitalisierungsprozess nicht mehr vorantreiben können und sich gegenseitig blockieren. Zur Erklärung: In der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) sitzen Ärzte, Apotheker, Krankenhäuser und Krankenkassen gemeinsam, unter anderem, um die Telematikinfrastruktur aufzubauen, also eine digitale Kommunikationsstruktur zu entwickeln. Andere Projekte sind der digitale Medikationsplan, das e-Rezept und die elektronische Gesundheitskarte. Die gematik gibt es seit 2005, ihre Ergebnisse und die Arbeitsprozesse stehen immer wieder in der Kritik.

Litsch, der mit dem AOK-Bundesverband selbst in der gematik mitwirkt, erklärte dazu am heutigen Dienstag: „Aus unserer Sicht sind die Entscheidungsstrukturen in der gematik gescheitert. Die Vorteile, die eine Vernetzung im Gesundheitswesen bringen kann, werden durch diese nicht funktionierenden Strukturen immer wieder konterkariert. Um die Blockaden aufzulösen, müssen wir weg von der gemeinsamen Selbstverwaltung in der gematik.“ Vielmehr brauche es eine unabhängige Institution, eine Art „Bundesnetzagentur“ für das Thema E-Health. Diese Agentur solle die Leitplanken setzen, innerhalb derer die Akteure ihre Digitalisierungsprojekte entwickeln können.

Trotzdem hat die AOK eigenen Angaben zufolge darauf geachtet, dass das Gesundheitsnetzwerk an die Telematikinfrastruktur der gematik anschließbar ist. Mit Absicht habe man sich für zwei regionale Pilotprojekte entschieden, so Litsch. Denn auch bei der weiteren Ausarbeitung des Netzwerkes sollen sich die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung immer an die jeweiligen regionalen Gegebenheiten anpassen. Heißt konkret: In Thüringen könnte die AOK Plus das Gesundheitsnetzwerk mit anderen Partnern und anderen Modulen umsetzen als die AOK Bayern bei sich in der Region.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Wie es mit dem Medikationsplan weitergeht

Schon digitaler als gedacht

 „Digitalverband“ Bitkom

Digitalwirtschaft fordert Umbau der Gematik

Grüne fordern mehr Patientenautonomie – KBV kritisiert „Behördenpläne“ der Kassen

Weiter Streit um Gesundheitskarte

Was der bundeseinheitliche Medikationsplan leisten kann

Mehr als ein Stück Papier

Eine Analyse der Chancen und Herausforderungen

Nächste Runde für den Medikationsplan

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

1 Kommentar

Innovative? AOK übernimmt lange bekanntes ABDA Konzept.

von Heiko Barz am 11.10.2017 um 11:23 Uhr

Diese von der "Gesundheitskasse" angestrebte Konzentration medizinisch gebundener Patientendaten ist per se nichts Falsches aber auch nichts Neues. Dieses System aber kann nur mit Hilfe der Apotheker funktionieren.
Die KKassen bedienen sich dabei schon seit vielen Jahren eines allerdings regional begrenzten - wie auch bekannt - mehr oder weniger erfolgreichen ABDA Models : ARMIN
Der Wert der Apotheken soll offensichtlich immer weiter herabgesenkt werden, um sie später ohne großen Widerstand in die ABHÄNGIGKEIT der GKVen zu zwingen!
Eins seht für mich fest: das dem E-Health angebundene E-Rezept wird der Niedergang der Deutschen Vor-Ort-Apotheke bedeuten. Die rezeptgeilen Hollandversender werden Alles in Bewegung setzen, um die elektronische Wege der Rezepte nach ihrem Gusto zu erzwingen. Warum eigentlich sind immer nur die Hollandversender, allen Deutschen Gesetzen zuwider, impertinent aggressiv medial am Ball?
Am Ball, da war doch noch was!

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.