Misshandlungsfall

Apotheker kümmern sich auch um die Seele

Stuttgart - 28.09.2017, 14:30 Uhr

Wenn Pflaster nicht reichen: Apotheker sind für Patienten auch Anlaufstelle bei seelischem Kummer. (Foto: Robert Kneschke / stock.adobe.com)

Wenn Pflaster nicht reichen: Apotheker sind für Patienten auch Anlaufstelle bei seelischem Kummer. (Foto: Robert Kneschke / stock.adobe.com)


Das allgemeine Vertrauen zu Apothekern ist groß – und das geht über das Vertrauen in die richtige Arzneimittel-Beratung oft hinaus. So sind Apotheker als Zuhörer manchmal auch die Seelsorger ihrer Patienten oder – wie ein aktuelles Beispiel zeigt – Helfer in höchster Not.

Wenn Menschen weltweit gefragt werden, welchem Berufsstand sie am Meisten vertrauen, rangieren Apotheker ganz weit vorne. Nach Feuerwehrleuten, Sanitätern und Krankenschwestern beziehungsweise -pflegern finden sich Apotheker in Deutschland auf Platz vier der Berufe, denen die Menschen volles Vertrauen schenken. 90 Prozent der Befragten einer Studie des GfK-Vereins sagten dies. Weltweit betrachtet ist es mit 86 Prozent immer noch Platz Fünf.

Das gilt für Apotheker nicht nur in ihrer Eigenschaft als Experte und Ratgeber in Sachen Arzneimittel, sondern oft auch weit darüber hinaus. Dass sie regelrecht die Seelsorger ihrer Patienten seien, berichten viele Apotheker aus ihrer täglichen Praxis. Besonders ältere Patienten erzählten oft ausführlich über ihre Leiden und Krankheiten – was auch der Tatsache geschuldet ist, dass das Gespräch beim Arzt häufig recht kurz ausfällt. Hohen Zeitdruck bemängelten Befragte in mehreren DAK-Studien zur Patientenzufriedenheit beim Arztgespräch und eine Studie der Barmer kam im Jahr 2010 auf einen durchschnittlichen Wert von acht Minuten für das Gespräch zwischen Arzt und Patient, Tendenz sinkend.

Misshandelte vertraute sich erst dem Apotheker an

Über solch notwendige ergänzende Beratung in medizinischer Hinsicht hinaus geht es aber in vielen Gesprächen auch um die Alltagsprobleme der Patienten, wie viele Apotheker aus ihren Erfahrungen berichten. Ein besonders krasser Fall, in dem die Angestellten einer Apotheke letztlich zum Retter aus der Not wurden, fand jetzt vor dem Schöffengericht im bayrischen Augsburg seinen Abschluss. Über viele Monate hinweg hatte in einem kleinen Ort in der Nähe von Augsburg ein Mann seine Verlobte zum Teil schwer körperlich misshandelt – aus unbegründeter Eifersucht. Grün und blau habe er sie geschlagen, sagte die Frau später vor Gericht, sie an den Haaren gezogen bis diese ausfielen und ihr glühende Zigaretten auf der Schulter ausgedrückt. Der Polizei und den Ärzten im Krankenhaus erzählte sie Geschichten von einem Fahrradunfall oder Missgeschicken – erst den Angestellten einer Apotheke in ihrem Heimatort vertraute sich die misshandelte Frau schließlich an und traute sich nach dem Gespräch schließlich, die Polizei zu alarmieren. Der Täter wurde Anfang September nun zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Das ist sicherlich ein außergewöhnlicher Fall. Dass Apotheker aber auch sonst ein sorgendes Auge in sozialer Hinsicht auf ihre Stammkunden haben, zeigen etwa Initiativen wie die „Demenzfreundliche Apotheke“, bei der die Pharmazeuten von sich aus Angehörige und Patienten ansprechen, wenn ihnen Veränderungen an den Patienten auffallen.

Fortbildungen in „Seelsorge“ gibt es nicht direkt

Seelsorgerische Kompetenz als Bestandteil des Apothekerberufs müssen sich die Apotheker allerdings überwiegend selbst erarbeiten oder als menschliche Grundeigenschaft einfach bereits besitzen. „Spezielle Fortbildungen sozusagen im Bereich ‚Seelsorge‘ bietet die ABDA jedenfalls nicht an“, sagt eine Sprecherin der Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände. Das stehe den Apothekern natürlich frei, sich in dieser Hinsicht bei anderen Institutionen weiterzubilden. „Das Thema steht bei uns allerdings nicht im Fokus“, sagt der Sprecher. Auch im Studium ist dieser Aspekt nicht unbedingt vertreten. Allerdings decke natürlich die Schweigepflicht der Apotheker auch solche sozialen Geheimnisse ab, die Patienten ihren Apothekern anvertrauen.

In Italien geht man zum Teil sogar einen Schritt weiter. Seit Anfang des Jahres gibt es in Südtirol das zuvor in anderen Regionen Italiens getestete Projekt „Der Psychologe in der Apotheke“. Ganz bewusst wird dabei die Apotheke als Anlaufstelle für psychosoziale Probleme genutzt, wenn an bestimmten Wochentagen neben dem Apothekenpersonal auch ein ausgebildeter Psychologe Dienst in der Apotheke tut. 



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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