Nach mutmaßlichem Betrugsfall

Apothekerkammer fordert schärfere Zyto-Kontrollen

Bottrop - 25.09.2017, 07:15 Uhr

Der Zyto-Apotheker aus Bottrop sitzt wegen den schwerwiegenden Vorwürfen seit Ende letzten Jahres in Untersuchungshaft. (Foto: hfd / DAZ.online)

Der Zyto-Apotheker aus Bottrop sitzt wegen den schwerwiegenden Vorwürfen seit Ende letzten Jahres in Untersuchungshaft. (Foto: hfd / DAZ.online)


Aufgrund der fehlerhaften Herstellung von laut Anklage zehntausenden Rezepturen eines Apothekers aus Bottrop soll eine Arbeitsgruppe der Apothekerkammer Westfalen-Lippe nun Vorschläge für strengere Kontrollen erarbeiten. Ein Plan sieht vor, dass statt den Amtsapothekern zukünftig eine bundesweite Expertenkommission hierfür zuständig ist.

Um das Vertrauen der Bevölkerung in die Zytostatika-Versorgung wiederherzustellen und ähnliche Fälle wie jenen aus Bottrop zu verhindern, hat die Apothekerkammer Westfalen-Lippe (AKWL) diese Woche beschlossen, über eine Arbeitsgruppe Vorschläge für neue Regularien zu erarbeiten. „Es gibt sehr viele Betroffene in Bottrop, die komplett das Vertrauen in die Arzneimitteltherapie verloren haben“, erklärte ein Kammersprecher gegenüber DAZ.online. „Wir leben als Berufsstand von dem Vertrauen – das ist durch den Einzelfall aufs Tiefste erschüttert worden und muss nun dringend wiederhergestellt werden.“

Am Donnerstagabend stellte sich die Münsteraner Zyto-Apothekerin Angelika Plassmann, die im Ausschuss für Qualitätssicherung der AKWL vertreten ist, im Büro des Recherchenetzwerks Correctiv Fragen von Betroffenen. „Wenn jemand meint, er muss das Finanzamt betrügen, dann soll er das machen – aber das Leben oder die Gesundheit von Menschen aufs Spiel zu setzen, ist ethisch nicht vertretbar“, erklärte die Apothekerin. Dass einzelne schwarze Schafe das Leben von Patienten gefährden – und auch den Ruf eines ganzen Berufsstandes zerstören – könne sie „absolut nicht nachvollziehen“.

„Das A und O ist Transparenz“

Wie ein Zuhörer bei der Diskussion anmerkte, sei es „der totale Ruin“ eines Berufsstandes, wenn Probleme ignoriert werden. Um Vertrauen wieder aufzubauen, sei es nun wichtig, Kontakt mit den Betroffenen zu suchen, erklärte Plassmann in ihrer Antwort. „Das A und O ist Transparenz“, betonte die Pharmazeutin, die auch der Arbeitsgruppe bei der AKWL angehört. Anhand von Fotos zeigte sie, wie es in ihrem Zyto-Labor aussieht – und erklärte, dass sie über eine Einkaufsgesellschaft bei rund 50 Zyto-Apotheken bereits seit mehreren Jahren den Ein- und Verkauf der Wirkstoffe kontrollieren und einheitliche Prozesse erarbeiten. Plassmann lud die Betroffenen darüber hinaus ein, sich in ihrer Apotheke selbst ein Bild zu machen.

Aber was genau will die AKWL ändern und erarbeiten? Bei den Teilnehmern der AKWL-Arbeitsgruppe herrsche einerseits die Überzeugung, dass das Vier-Augen-Prinzip stärker betont werden soll – indem beispielsweise alle bei der Herstellung Beteiligten gegenzeichnen. Andererseits brauche es unangekündigte Prüfungen, fordert Plassmann. „Die Kontrollen der etwa 200 Zytostatika-herstellenden Apotheken muss von einer ganz neutralen Kommission erfolgen, die aus Experten besteht“, schlägt sie vor. Sie sollten nicht mehr in der Hand von Amtsapothekern liegen, die sich mit der Zyto-Herstellung oft nicht ausreichend auskennen würden. Das Gremium solle bundesweit tätig sein, betonte Plassmann.

Patienten blieben monatelang im Dunkeln

Außerdem fordert sie, dass die Herstellung von Zytostatika ausreichend vergütet wird – so dass es keinen Anreiz gibt, auf anderen Wege an den teuren Mitteln zu verdienen. „Man muss ein Konzept finden, damit die Herstellungspauschale die Versorgung der Patienten entsprechend honoriert und die Fixkosten der Apotheke gut abgedeckt sind“, erklärt die Apothekerin gegenüber DAZ.online. „Ganz wichtig ist: Es muss eine transparente Vergütung sein, damit so etwas gar nicht passieren kann.“ Diese solle unabhängig geprüft werden. Derzeit führt eine Beratungsfirma im Auftrag des Verbands der Zytostatika herstellenden Apotheker eine Erhebung durch, um einen Vorschlag für eine angemessene Herstellungspauschale zu erarbeiten.

Heike Benedetti, die kürzlich eine Demo von Betroffenen organisiert hat, war vom Besuch Plassmanns angetan, wie sie gegenüber DAZ.online sagte – sie habe „echt gut geredet“. Doch sieht sie noch sehr viel Handlungsbedarf. Unfassbar sei, dass die Staatsanwaltschaft erst vor gut drei Wochen eine Patientin darüber informiert hat, dass ihre Infusion stark unterdosiert war – obwohl dies bereits seit Dezember oder Januar klar gewesen sein müsste. Die Patientin gehörte zu den nur 27, bei denen laut Staatsanwaltschaft klar ist, dass sie gepanschte Infusionen bekommen haben – bei Tausenden anderen lässt sich dies wohl nicht mehr nachweisen.

Treffen mit dem Gesundheitsminister fiel ins Wasser

Am Freitag wollte sich NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann im kleinen Kreis mit einigen Betroffenen sowie Kammerpräsidentin Gabriele Overwiening treffen. Laumann sagte das Treffen aufgrund eines Streiks bei Thyssen-Krupp kurzfristig ab - die Betroffenen zeigten sich darüber enttäuscht, dass der Minister nur für ein kurzes Gespräch mit der Kammerpräsidentin Zeit hatte, jedoch nicht für sie. Bei dem Gespräch, das am Ende mit einem Staatssekretär Laumanns stattfand, forderten sie unter anderem, dass eine Anlaufstelle zur Information und zur Aufarbeitung des Falles eingerichtet werde. Die Apothekerkammer unterstütze diesen Plan, erklärte der Sprecher gegenüber DAZ.online.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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