ARD-Magazin „Plusminus“ 

Methadon: Ärzte warnen vor unkritischem Einsatz 

Remagen - 21.08.2017, 10:00 Uhr

Ein Bericht im ARD-Magazin Plusminus war ein Mitauslöser des „Methadonhypes“,  vergangene Woche hat die Sendung das Thema erneut aufgegriffen.  (Foto: dpa)

Ein Bericht im ARD-Magazin Plusminus war ein Mitauslöser des „Methadonhypes“,  vergangene Woche hat die Sendung das Thema erneut aufgegriffen.  (Foto: dpa)


Seit einigen Monaten sorgt eine neue Botschaft in der Fachwelt und bei Tumorpatienten für Furore und heftige Diskussionen: Methadon soll eine zusätzliche und nebenwirkungsarme Therapieoption gegen Krebs sein. In der letzten Woche hat die ARD-Sendung „Plusminus“ das Thema erneut aufgegriffen. Die Ärzteschaft warnt unisono vor den Risiken und zu hohen Erwartungen.

Das ARD-Magazin „Plusminus“ hatte das Thema „Methadon als Lebensretter für hoffnungslose Krebspatienten“ bereits am 12. April 2017 in seiner Sendung und hat nun am Mittwoch letzter Woche noch einmal nachgelegt. 

In beiden Sendungen wurden Tumor-Patientinnen vorgestellt, die sich in einer aussichtslosen Situation befanden und während der Chemotherapie Methadon eingenommen hatten. Bei allen waren der Tumor bzw. die Metastasen nach der zusätzlichen Einnahme des Opioids zurückgegangen, sodass sie wieder neue Hoffnung schöpfen konnten. „Ich gelte als ein kleines medizinisches Wunder unter den Kollegen“, sagte eine Leberkrebspatientin, die selbst Palliativmedizinerin ist. Die Ärzte hatten ihr nur noch wenige Wochen gegeben.  Viele Betroffene hatten durch die breite Berichterstattung im Fernsehen und auch in der Publikumspresse neue Hoffnung geschöpft und bedrängen ihre behandelnden Ärzte mehr und mehr mit dem Wunsch nach Methadon. Dort stoßen sie allerdings vielfach auf heftige Ablehnung. Was steckt wissenschaftlich dahinter, und was könnte der Grund sein, warum die Ärzte so vehement mauern?

Erfolge im Labor…

Bei „Plusminus“ kommt hierzu die Chemikerin am Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Ulm zu Wort. Sie hatte im Jahr 2008 im Labor beobachtet, dass Krebszellen in kürzester Zeit sterben, wenn sie zur Chemotherapie Methadon hinzufügte. Im Tierversuch fand sie dasselbe Ergebnis und hat die Wirkung mittlerweile bei mehreren Krebspatienten dokumentiert: „Es kann sein, dass eine Zelle mit einem Chemotherapeutikum zu zehn Prozent anspricht“, schilderte Friesen ihre Beobachtungen im Fernsehen. „Gebe ich Methadon dazu, kann ich einen hundertprozentigen Zelltod erreichen und das sieht man auch bei diesen Patienten, die dann dastehen und keinen Tumor mehr haben.“ Ihre Forschungen hätten gezeigt, dass Methadon die Wirkung der Chemotherapie bei den unterschiedlichsten Krebsarten drastisch erhöhen kann.

... und in der Praxis

Über ähnlich positive Erfahrungen berichtet der Palliativmediziner Hans-Jörg Hilscher aus Iserlohn. Er leitet ein Hospiz und setzt Methadon seit mehr als 20 Jahren als starkes Schmerzmittel ein. „Ich habe in den Jahren der Tätigkeit im Hospiz beobachtet, dass es den Patienten nicht nur besser geht, sondern dass sie auch länger leben", sagte Hilscher bei „Plusminus“. Anders als in der Drogenersatztherapie bekämen seine Krebspatienten Methadon in einer viel geringeren Dosis. Die Nebenwirkungen hielten sich dadurch in Grenzen. Das sollte doch eigentlich die Pharmaindustrie und die klinische Forschung auf den Plan rufen, meinte „Plusminus“, aber Fehlanzeige. 

Warum hat die Industrie kein Interesse?

Friesen berichtete vielmehr, dass sie bei wissenschaftlichen Kongressen auf Ablehnung gestoßen sei. Es handele sich nur um Patientenfälle, sei als Kritik vorgetragen worden, und das sei nicht evidenzbasiert. Bislang hätten weder Ärzte noch Pharmaunternehmen großes Interesse an einer Studie gezeigt. Für die Hersteller anderer Krebsmedikamente sei Methadon offenbar nicht attraktiv, weil der Patentschutz längst abgelaufen sei und Methadon keinen Profit mehr verspreche, vermuten die kritischen Journalisten von „Plusminus“, eine Auffassung, die auch die „Entdeckerin“ Claudia Friesen teilt. Außerdem werden einigen Methadon-kritischen Onkologen eventuelle Interessenskonflikte wegen Verflechtungen mit Pharmafirmen unterstellt, die teure Krebsmittel in den Verkehr bringen.

„Strohhalm ohne Evidenz“?

In der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts setzen sich fünf Krebs-und Palliativmediziner sowie der Direktor der Apotheke des Universitätsklinikums Jena Michael Hartmann in einem Beitrag mit dem Titel „Methadon in der Onkologie: ‚Strohhalmfunktion‘ ohne Evidenz“ kritisch mit dem neuen Hype um Methadon als Wirkverstärker einer onkologischen Behandlung auseinander. Sowohl Methadon als auch L-Polamidon (Levomethadon) bergen bei Tumorpatienten erhebliche Risiken, heißt es im Beitrag der Autoren um Jutta Hübner von der Klinik für Innere Medizin in Jena. Sie begründen dies unter anderem mit der problematischen Pharmakokinetik des Wirkstoffs. Wegen der sehr langen Halbwertszeit dürfe die Dosis nur sehr langsam gesteigert werden. Außerdem werde Methadon über CYP3A4 metabolisiert und könne deshalb zahlreiche Wechselwirkungen haben. In der Onkologie werde das Opioid in der Regel von schmerztherapeutisch erfahrenen Ärzten bei Palliativ-Patienten eingesetzt, die oft keine antitumorale Therapie mehr erhalten. Die Einstellung auf das Medikament bedürfe einer engen, mehrfach täglichen Überwachung, die in den meisten Fällen nur unter stationären Bedingungen zu leisten sei. Beim Einsatz während aktiver antitumoraler Therapien sei das Risiko von Wechselwirkungen und dadurch bedingten gravierenden Nebenwirkungen möglicherweise deutlich höher.  

Onkologen und Palliativmediziner warnen

Die Autoren verweisen außerdem auf gleichlautende Stellungnahmen mehrerer Fachgesellschaften dazu, wie sie betonen, eine selten einmütige Reaktion innerhalb kürzester Zeit. Die Dokumente können hier abgerufen werden: 

Der Arbeitskreis Tumorschmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft betont in seiner Stellungnahme, dass Methadon nur zur Schmerztherapie oder zur Substitution bei Opiatabhängigkeit zugelassen sei. Die Anwendung in der onkologischen Tumortherapie erfolge „off label“, ohne Absicherung eines Haftungsrisikos und Begründung für eine Kostenerstattung. 

Bloß kein Methadon in Eigenregie

Die Autoren des Beitrags im Deutschen Ärzteblatt warnen eindringlich davor, Methadon ohne Wissen der behandelnden Ärzte als Wirkverstärker onkologischer Therapien einzusetzen. Hierzu stellen sie drei Fallberichte mit schlimmen Folgen vor, von denen einer tödlich ausging. Die Patienten hatten sich für eine zusätzliche Methadon-Einnahme entschieden und ihre Onkologen nicht darüber informiert. Überdies befürchten die Ärzte, dass Patienten durch solche „Fehlinformationen“ etablierte und wissenschaftlich belegte Therapien ablehnen, um stattdessen mit Methadon behandelt zu werden. 



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

ein Schelm ..

von HF am 27.12.2017 um 14:47 Uhr

..genau dieses dachte ich auch beim Lesen des Artikels
Austherapiert mit einer anderen letalen Erkrankung würde ich sonstwas für eine weitere Möglichkeit geben
Man sollte mir doch die Entscheidung überlassen, was und wieviel ich mir für eine (vielleicht berechtigte) Hoffnung antun will
Da bewahrheitet sich wieder der Satz : nicht ich bin behindert, ich werde behindert
und nicht nur ich passe nicht in die Standardschublade mancher weißgekleideten geschlossenen Gesellschaft ...

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Warnung vor Nebenwirkungen

von IL am 22.12.2017 um 10:19 Uhr

Ein Patient mit der Diagnose Krebs und einer Lebenserwartung von wenigen Monaten oder vielleicht 1 Jahr, der sich mit einer Chemotherapie in die Hölle begibt, soll sich Sorgen um die Nebenwirkungen von Methadon machen? Verstehe, ich könnte mir beim Ziehen der Reißleine ja den Nagellack ruinieren

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