Diskussion in Niedersachsen

Kammer hält Stationsapotheker-Pflicht für richtig

Hannover / Stuttgart - 11.08.2017, 12:50 Uhr


Die Apothekerkammer Niedersachsen hat keine Sorge, dass Apothekerstellen in Krankenhäusern nicht besetzt werden könnten. Die Aufgaben von Stationsapothekern seien sehr beliebt, so die Kammer. Sie reagiert damit auf Proteste der Krankenhäuser gegen die verpflichtende Einführung von Stationsapothekern in Niedersachsen.

Am gestrigen Donnerstag hat die niedersächsische Krankenhausgesellschaft vor dem Landtag in Hannover gegen die verpflichtende Einführung von Stationsapothekern protestiert. Das Bundesland will so nach Pflegemorden die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen – doch die Krankenhäuser argumentieren, sie könnten die nötigen Stellen gar nicht besetzen. Die dortige Apothekerkammer hingegen begrüßt die Novellierung des Niedersächsischen Krankenhausgesetzes ausdrücklich als richtigen Schritt. So erklärt Kammerpräsidentin Magdalene Linz: „Wir halten den Weg der Landesregierung, Stationsapotheker in allen 180 niedersächsischen Kliniken einzuführen, für konsequent und richtig. Gerade hier können Apotheker und Ärzte als interdisziplinäres Behandlungsteam patientenindividuelle Therapiealternativen entwickeln und damit die Patientensicherheit erhöhen“.

Zudem verweist die Kammer auf die Ergebnisse einer Krankenhausstudie des Instituts für Patientensicherheit der Universität Bonn. Die Initiative der Regierung sei auch eine Reaktion darauf. Die Untersuchung belegt, dass es im Krankenhaus sogenannte Risikoschwerpunkte gibt, die die Patientensicherheit gefährden. Seit Jahren führen Schnittstellen und die Arzneimitteltherapiesicherheit die Liste an. 

Großer Run auf Stationsapothekerstellen

Auch die Bedenken der Krankenhausgesellschaft, nicht ausreichend Apotheker zu finden und dann gegen das Gesetz zu verstoßen, kann Kammerpräsidentin Linz nicht nachvollziehen. So seien die Aufgaben eines Stationsapothekers bei den Absolventen des Pharmaziestudiums sehr beliebt, erklärt sie. Bundesweit ausgeschriebene Stellen stießen auf sehr großes Interesse und veranlassten sogar Apotheker zur Rückkehr aus den angelsächsischen Mutterländern der Stationsapotheker. Auf eine ausgeschriebene Stelle des Klinikums Region Hannover hätten sich in kürzester Zeit 26 Apotheker beworben, so Linz. Gerade die pharmazeutischen Herausforderungen im Krankenhaus seien für viele Apotheker reizvoll.

Die Kliniken haben neben der Angst kein Personal zu finden, noch weitere Probleme mit dem Gesetz. Sie befürchten, dass an anderen Stellen Personal abgebaut werden muss, um die zusätzlichen Apothekerstellen zu schaffen. 

Ein Apotheker pro 300 Betten

Die zukünftigen Stationsapotheker sollen laut dem Gesetzesentwurf insbesondere zu Fragen der Arzneimitteltherapie bei Aufnahme und Entlassung, der Anwendung und des Verbrauchs von Arzneimitteln und apothekenpflichtigen Medizinprodukten sowie der Einhaltung der arzneimittelrechtlichen Bestimmungen beraten. Stationsapotheker sollen Weiterbildungen zum „Fachapotheker für Klinische Pharmazie“ absolviert oder zumindest begonnen haben. Innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten des geplanten Gesetzes ist in jedem Krankenhaus in Niedersachsen sicherzustellen, dass die Krankenhausapotheke oder die krankenhausversorgende öffentliche Apotheke in hinreichendem Verhältnis zur Anzahl der Betten Stationsapotheker „als präsente Beratungspersonen auf den Stationen und in den Funktionsbereichen einsetzt“, heißt es. Konkret bedeutet das: Pro 300 Betten soll es zukünftig mindestens einen Stationsapotheker geben, ansonsten drohen Bußgelder.


jb / DAZ.online
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3 Kommentare

Ein Apotheker pro 300 Betten?

von Andreas Grünebaum am 14.08.2017 um 19:06 Uhr

So schön das auch klingen mag: was macht ein Apotheker mit 300 Patienten am Tag, wenn das doch im Durchschnitt oft die gleichen Patienten sind? Geht man von einer "Liegezeit" von nur 5 Tagen pro Patienten und Vollbelegung (!) aus, sind das pro Tag im Durchschnitt 60 Patienten bei 7 Tagen die Woche. Bei 10 Tagen wären es.... wenn man die Arbeitszeiten, Urlaub und Krankheitstage eines Angestellten Apothekers mit einbezieht, sieht es düster aus.

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Verdrängung?

von Reinhard Rodiger am 12.08.2017 um 14:25 Uhr

Es ist die Höherbewertung der "komplexen" Tätigkeiten gegenüber dem Alltag, die den sozialen Kern des Berufs aufweicht. Es wir alles getan, das Interesse daran zu minimieren und die Schwierigkeiten im Alltag zu erhöhen.
Die klammheimliche Freude über das perspektivische Ausfallen von etwa der Hälfte der Selbstständigen dringt durch alle Poren.Darin liegt die Gefährdung des Ganzen.Es ist kein Wunder, dass die Interessenlage des Berufs immer enger gefasst wird.Für die politische Seite ein willkommener Grund, den Sack enger zu schnüren und für die ausreichend Grossen Überlebenskalkül.Die eigentliche Aufgabe, die Motivation für den GANZEN BERUF zu sichern,bleibt unbearbeitet.

Für mich stellt sich die Frage, wann endlich die Vielseitigkeit,
Unabhängigkeit und gesamtgesellschaftliche Bedeutung in den Mittelpunkt gerückt wird.Mit dem Minimieren der breit gefächerten Selbstständigkeit sinkt die autonome Ausübung ev. auch die Berechtigung des eigenständigen Berufs.

Schliesslich war finanzielle Unabhängigkeit die Wurzel fachlich kompetenter Beratung ohne Dienstanweisung.Soll das wirklich bei Konzern/Staatsbetriebs-interessenvertretung enden?


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Kammer für wen eigentlich?

von Wolfgang Müller am 11.08.2017 um 14:04 Uhr

Ich als bisher sehr zufriedener Öffentlicher Apotheker (war ich schon bei meinen ersten Angestellten-Schritten, übrigens, sehr zufrieden sogar, in einer Winz-Bude) und familiär bedingt eher auch Ärzte-Versteher finde diesen Stationsapotheker-Zwangs-Kram nicht gut, das ist bekannt. Uns fehlen hinten und vorne motivierte Apotheker/innen für die Offizin, und hier wird ein weiterer nur vermeintlich attraktiverer Fluchtweg geöffnet. Mit dem wohlfeilen, unkritischen Verweis auf "Angelsachsen" können die Kammern ja dann in Zukunft auch zum noch zweifelhafteren Wohl der Angestellten die KETTEN fordern.

Es ist aber nur recht und billig, wenn eine Apotheker-KAMMER diesen Standpunkt vertritt, sie vertritt halt mehrheitlich die Interessen der Angestellten. Das muss dann aber auch mal klar gesagt werden, dass es hier eben unterschiedliche Interessen gibt, ebenso wie bei dem m. E. nicht nachvollziehbaren Vorgehen der Niedersächsischen Kammer gegen Öffentliche Apotheken, die für alle ihre Filialen die Rezepturen nur an einem Standort herstellen, BESSER und GÜNSTIGER.

Ich frage mich nur zum wiederholten Male: Wie ist die Position der Unternehmer-Vertretungen, der Verbände und Vereine, der ABDA-Spitze dazu? Gleiches gilt auch z. B. für die aktuell kontrovers diskutierte Frage: Müssten nicht eigentlich die Ausbildung, die Befugnisse und die Bezahlung von PTA den Apothekern deutlich angenähert werden, was zwar eben nicht im Knappheits-Interesse einer Angestellten-Kammer, aber im offensichtlichen Interesse der Unternehmer-Vertretung steht? Wo ganz offen immer weniger Approbierte in der Öffentlichen, und lieber im Krankenhaus etc. arbeiten wollen/sollen/können?

Das kann nicht weiter Alles unter den Tisch gekehrt werden, auch nicht in "Der ABDA", wie die beiden aktuellen Fälle in Niedersachsen. Was ja bei der Rezeptur-Sache sogar zu einem hochnotpeinlichen Gerichts-Verfahren gegen einen selbständigen Kollegen geführt hat.

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