Zu hohe Nachfrage

Bundesweite Lieferengpässe bei Cannabis

Remagen - 27.07.2017, 16:15 Uhr

Kaum erlaubt, schon vergriffen: Medizinisches Cannabis aus Apotheken ist derzeit fast überall in Deutschland vergriffen. (Foto: rgbspace / stock.adobe.com)

Kaum erlaubt, schon vergriffen: Medizinisches Cannabis aus Apotheken ist derzeit fast überall in Deutschland vergriffen. (Foto: rgbspace / stock.adobe.com)


Seit dem Inkrafttreten des „Cannabis-Gesetzes“ am 10. März dürfen Ärzte in Deutschland Patienten medizinisches Cannabis verschreiben. In der Folge ist der Bedarf sprunghaft angestiegen, und die wenigen Lieferanten kommen nicht mehr nach. Bundesweit sitzen Apotheken hinsichtlich der Versorgung auf dem Trockenen. Entlastung könnte es erst wieder im September geben.

Hat sich die Politik wegen der Umsetzung des vielgelobten „Cannabisgesetzes“ zu wenig Gedanken gemacht? Das Gesetz sei ein Schnellschuss gewesen, beklagen Kritiker. Fünf Monate nach Inkrafttreten spitze sich die aktuelle Versorgungslage für viele Schmerzpatienten zu. Infolge der sprunghaft angestiegenen Nachfrage sollen in Apotheken momentan nur Restbestände von medizinischem Cannabis erhältlich sein.

Fast 6500 abgerechnete Verordnungen bis Ende Mai

Vor dem Cannabisgesetz hatten in Deutschland rund 1000 Schmerzpatienten eine Sondergenehmigung, mit der sie auf Rezept medizinische Cannabisblüten beziehungsweise synthetisch hergestellte Medikamente auf Cannabis-Basis bekommen konnten. Eine solche Sondergenehmigung ist nun nicht mehr nötig. Statt dessen dürfen Ärzte medizinisches Cannabis auf einem BtM-Rezept unter bestimmten Voraussetzungen „ganz legal“ verschreiben. Nach Analysen des Marktforschungsunternehmens QuintilesIMS soll die Zahl abgerechneter Verordnungen infolgedessen im März um mehr als 1000 auf 3604 angestiegen sein und bis Ende Mai auf 6467. Hierbei wurden nur Fälle gezählt, bei denen die jeweiligen Kassen die Kostenerstattung genehmigt hatten.

Auf Importe angewiesen

Eigentlich soll die neue Cannabis-Agentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sicherstellen, dass Cannabis für die medizinische Verwendung in standardisierter Qualität angebaut wird. Die Agentur soll diese dann kaufen und an Hersteller und Apotheken abgeben. So weit ist es aber noch nicht. Vor 2019 oder 2020 werden wohl keine Cannabisblüten aus Deutschland auf den Markt kommen Bis dahin soll auf Importe zurückgegriffen werden.

ABDA: Lieferprobleme könnten bis September anhalten

Apotheken beziehen die Produkte derzeit von zertifizierten Importeuren aus den Niederlanden und Kanada. In Deutschland gibt es vier Importeure, die von der niederländischen Firma Bedrocan beliefert werden: ACA Müller ADAG Pharma in Überlingen, Cannamedical® Pharma in Köln, Fagron Deutschland in Barsbüttel und Pedanios in Berlin. Cannabisblüten des kanadischen Herstellers Tweed werden von dem Unternehmen MedCann in St. Leon-Rot (bei Heidelberg) importiert und Blüten von Peace Naturals, ebenfalls aus Kanada, von Pedanios.

Es „klemmt“ überall

Die Bezugsquellen sind demnach überschaubar, und so hätte der Engpass vielleicht vorausgesehen werden können. Die Berliner Morgenpost lässt den Geschäftsführer der Pedanios GmbH, Florian Holzapfel, zu Wort kommen: „Wir haben im Mai fünf Mal so viel verkauft wie im Februar“, sagte Holzapfel gegenüber der Zeitung. Obwohl Pedanios sich auf die höhere Nachfrage vorbereitet habe, komme man derzeit mit der Lieferung nicht hinterher.

Der niederländische Hersteller Bedrocan könne derzeit keine ausreichenden Mengen liefern. Stockungen der Versorgung aus Kanada führt Holzapfel auf die schleppende Bewilligung von Importanträgen durch das BfArM zurück, auf die das Unternehmen wartet. David Henn von Cannamedical in Köln, der von Bedrocan bezieht, teilte dem Focus mit: „Ich habe den Hersteller gefragt, wann er unsere Firma wieder beliefern kann. Spätestens Anfang nächster Woche, sagte man mir. Auch unsere Lager sind leer. Sobald was da ist, wird es uns aus den Händen gerissen“, so Henn. „Als Grund für die Verzögerung wurde uns die um 300 Prozent gestiegene Nachfrage genannt.“ Seine Firma habe 2017 bereits 150 Kilo Cannabis importiert und bis Ende des Jahres seien noch 800 Kilo geplant, fügte Henn an.

Lieferengpass könnte bis September anhalten

Medienberichten zufolge sollen in den meisten Apotheken lediglich drei oder vier der sechzehn erlaubten Sorten verfügbar sein. Von den fünf Sorten, die Tweed produziert (Bakerstreet, Houndstooth, Princeton, Penelope und Argyle) soll es keine einzige geben. Die ABDA sieht laut Berliner Morgenpost einen bundesweiten Lieferengpass, der bei den meisten Sorten noch bis September anhalten könnte.

Kein Versorgungsengpass für Patienten

DAC/NRF weist aktuell darauf hin, dass der derzeitige Defekt bei Cannabisblüten aller Sorten als Ausgangsstoff für Rezepturarzneimittel dennoch nicht automatisch eine medizinische Mangelversorgung der (Schmerz-)Patienten bedeute. Als ohnehin bessere Alternative zu Cannabisblüten seien Cannabis- und Cannabinoid-Fertigarzneimittel sowie Cannabinoid-Rezepturarzneimittel mit Dronabinol und Cannabidiol in guter Qualität und mit sofortiger Verfügbarkeit verordnungsfähig. Weitere Informationen und die Links zu den NRF-Vorschriften finden Sie hier.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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13 Kommentare

Leere Versprechungen!

von Weedman am 28.07.2017 um 10:21 Uhr

Handwerklich schlecht gemacht. Note 6...setzten.

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Es klemmt an allen Ecken ..

von Ben R. am 28.07.2017 um 1:51 Uhr

Ich wohne in einer Kreisstadt mit 19.000 Einwohnern und 21 Hausärzten, bin aufgrund meiner Behinderung nur eingeschränkt mobil und auch deswegen berentet. Ich habe von allen Ärzten Absagen erhalten. Keiner der Ärzte erklärte sich bereit dazu, mir auch nur mal testweise Cannabisblüten zu verschreiben. Und das, obwohl ich in den letzten 15 Jahren wirklich alle zur Verfügung stehenden medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft habe.

Ich habe mich auch schon ratsuchend an die Krankenkasse, die Landes-Ärztekammer, die kassenärztliche Vereinigung, den GKV-Spitzenverband, den Gemeinsamen Bundesausschuß, das BfArM, das Bundesgesundheitsministerium und an die Unabhängige Patienberatung Deutschland gewandt. Ohne Erfolg.

Und nun?

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Versagen auf ganzer Linie

von Karin G. am 28.07.2017 um 0:02 Uhr

Diese Gesetzesänderung sollte alles vereinfachen aber man wird vor unsinnige Hürden gestellt. 1. Arzt finden der es verschreibt erstmal privat aber wenigstens was, 2. der unverschämte Preis von 25,60€ für ein Gramm Cannabis, 3. wenn man chronisch und unheilbar krank ist übernimmt diese Kosten die Krankenkasse, lehnt Anträge aber grundsätzlich erstmal ab und man muss wieder über ein Widerspruchsverfahren seine Rechte einklagen. Hat man das alles geschafft gibt es nichts und nun sitzen mit mir noch viele andere Patienten ohne ihre Medinamente da. Man kann als Cannabispatient nicht mal schnell auf ne andere Sorte umsteigen, denn sonst beginnt das Kosternübernahmeritual von vorne, für jede Sorte. Da gibt es keinen günstigen Ersatz vom Pharmariesen mit den Zwillingen in der Werbung. Für mich und meine Angehörigen ist das ein unhaltbarer Zustand, wir sind mit unserer Kraft am Ende. Und niemand, der diesen Zustand für mich und viele Andere ändern könnte, interessiert sich für uns. Schwerkranke Menschen leiden und Herr Gröhe und Frau Mortler schauen untätig zu!

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Keine Mangelversorgung?

von sickofitall am 27.07.2017 um 21:18 Uhr

"Als ohnehin bessere Alternative zu Cannabisblüten seien Cannabis- und Cannabinoid-Fertigarzneimittel sowie Cannabinoid-Rezepturarzneimittel mit Dronabinol und Cannabidiol in guter Qualität und mit sofortiger Verfügbarkeit verordnungsfähig. "
Soll also heissen Cannabisblüten sind nicht genehm, weik die lassen sich schlecht in Pillenform pressen. Als wenn das helfen würde. Man könnte es ja machen, doch dann reichen die Ausgangsstoffe auch nicht für alle. Es wird durch Verarbeitung sogar etwas weniger an Wirkstoff übrig bleiben.
Von daher sind Blüten eigentlich am effizientesten in der Versorgung. Mit Verdampfern konsumiert natürlich, also mit schädlichen Rauch hat das nix zu tun.

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AW: Keine Mangelversorgung

von Patient am 28.07.2017 um 14:09 Uhr

Dronabinol wird z.B. aus Orangenhaut gemacht. Kein Witz.... Google einfach nach dem Statement vom THC-Pharm Geschäftsführer.

Märchenstunde bei med. Canbabis?

von Fabian Henrichs am 27.07.2017 um 21:06 Uhr

Gerne können wir einmal der vorsätzlichen Unfähigkeit Einhalt gebieten. Wir zeigen den Apothekern einmal wie man Gras nach Wunsch in erforderlicher Menge in Berlin bekommt.
Das ganze Spiel mit der nicht Verfügbar Masche ist abgekartert.
Händler, welche der Pharmaindustrie unterstehen dürfen gar nicht ausreichend Handel mit med. Cannabis treiben.
In Berlin gehts mit 12,50-€ für fünf Gramm los bis zu 75,00-€ per fünf Gramm.

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Noch was...

von Patient am 27.07.2017 um 21:02 Uhr

Wird bald einer ankommen, der es so rechtfertigt, dass wir ja gleich die "bessere" Alternative hätten beantragen können, um sowas zu vermeiden. Ne andere Rechtfertigung kann es da gar nicht geben.
Mega Nonsense....

Erst werden die seit Jahren bestehenden und immer wieder auftretenden Lieferengpässe total bei der Planung missachtet - für welche man ÜBER 2 JAHRE Zeit hatte - und dann zockt man die Patienten mit dem bisschen was man Lagert ordentlich ab und verlangt dafür 100% mehr als zuvor. 125€ für so ne blöde Dose mit gerademal 5Gramm....


Was hat man denn erwartet, wenn es bei 1000 Genehmigungsbeitzern, wovon auch nur rund 200 Geld für die eigene Versorgung hatten, schon 3-5 Lieferengpässen im Jahr kam? Ist doch wohl klar gewesen, dass es dann mit 1000+ die es bezahlt bekommen "würden" so nicht klappt.

Und der Apotheker, der hat sich die Sache von Anfang an unter den Finger reissen wollen und es letztlich auch geschafft. Mit dem Resultat, dass wir nun eben übelst abgezockt werden, von Leute die überhaupt keinen Plan von Cannabis haben, solang sie nicht selbst was rauchen.
Das dem eben sehr wohl so ist sieht man beispielsweise an dieser News.

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Wenn Patienten die ihnen verschriebene Medizin nicht erhalten, dann ist das ein Versorgungsengpass, der nicht hinzunehmen und so schnell wie möglich abzustellen ist.

von Hans D. am 27.07.2017 um 21:00 Uhr

Die Deutsche Pharmezeutische Gesellschaft (DPhG) empfiehlt terpenfreie Fertigrezepturen und verhindert mit Absicht und Kalkül die Offenlegung der Terpenprofile der besser wirksamen Cannabisblüten. Auf jeder Schokoladentafel steht mehr über die enthaltenen Inhaltsstoffe.

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Gebt den Eigenanbau für kranke Menschen endlich frei

von Andreas Kohlenberg am 27.07.2017 um 20:57 Uhr

Bei vielen Leuten helfen nur Blüten und kein Fertigeinzelcannabinoid.Es wird mal wieder mit den schwächsten in unserer Gesellschaft gespielt.Wenn die dafür Verantwortlichen nicht mal in der Lage sind sich ausreichend zu kümmern,dann lasst endlich zu das Menschen sich um sich selbst kümmern dürfen.Eine absolute Schande in meinen Augen.

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Wie bitte?

von Patient am 27.07.2017 um 20:50 Uhr

Von wegen kein Versorgungsengpass für Patienten.
So langsam merkt man, dass dieses ganze Problem künstlich herbeigeführt wird, um die Blütenpatienten zur Synthetik zur >bedeutend schlechter wirkenden< zwingen.
Sauerei was ihr da mit uns abzieht.

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Fertigarzneimittel sind keine Alternative ...

von Hans D. am 27.07.2017 um 20:47 Uhr

... zu Cannabisblüten, weil die Wirkstoffe THC und CBD erst durch die nur in den Blüten enthaltenen Terpene ihr vielfältiges Wirkspektrum entfalten. Das in den Blüten enthaltene Terpen Limonen wirkt mit THC am Serotoninrezeptor antidepressiv, das Pinen erhöht die geistige Konzentration, das Caryophyllen reduziert mit CBD die Schmerzen. Das schaffen Dronabinol und Sativex nicht. Ich bin Cannabis-Patient, warum muss ich dem Apotheker Cannabis erklären?

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Lieferengpässe bei Cannabis

von Gabriele Gebhardt am 27.07.2017 um 20:16 Uhr

schon mal was vom Entourage-Effekt gehört: http://edition.cnn.com/2014/03/11/health/gupta-marijuana-entourage/index.html,
oder die Mengen allein von THC in Cannabis-Blüten und Dronabinol verglichen?

Wie die Not der Patienten für die eigenen Interessen ausgenutzt werden, ist erbärmlich.

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Kein Versorgungsengpass für Patienten?

von Manuel P. am 27.07.2017 um 19:08 Uhr

Man muss für jedes einzelne Cannabis-Medikament separat eine Genehmigung, welche mehr als 5 Wochen bis zur Genehmigung braucht, erwirken. Wie soll dies funktionieren? Vor allem wird sowieso erstmal abgelehnt. Also ist der Absatz: "Kein Versorgungsengpass für Patienten" völiger Unsinn, geschrieben um die wirklichen Probleme unter den Tisch zu kehren.

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