Das Ende der Homöopathie?

Twitter-Gemeinde diskutiert über die „Globokalypse“

Berlin - 26.07.2017, 12:30 Uhr

Steht die Globokalypse bevor? Im sozialen Netzwerk Twitter freuen sich Homöopathie-Kritiker über die politische Diskussion über die Alternativ-Medizin. (Foto: dpa)

Steht die Globokalypse bevor? Im sozialen Netzwerk Twitter freuen sich Homöopathie-Kritiker über die politische Diskussion über die Alternativ-Medizin. (Foto: dpa)


Homöopathie-Gegner und dogmatische Verfechter der evidenzbasierten Medizin sehen in der derzeitigen politischen Debatte um die Homöopathie ihre Chance: Im sozialen Netzwerk Twitter, wo die Homöopathie seit Jahren am Pranger steht, wird die Diskussion derzeit besonders angeheizt geführt. Inzwischen hat sich der Hashtag „Globokalypse“ gebildet, unter dem die Feinde der Alternativ-Medizin das Ende der Homöopathie heraufbeschwören.

Die Diskussion rund um die Sinnhaftigkeit der Homöopathie kommt nicht zur Ruhe. Ganz im Gegenteil: Durch die sehr plötzliche Aussage der Unionsfraktion, homöopathische Arzneimittel aus der Apothekenpflicht entlassen zu wollen, wurde die Debatte zuletzt sogar angeheizt. Mechthild Heil, Verbraucherschutzbeauftragte von CDU/CSU im Bundestag, hatte Anfang dieser Woche überraschend erklärt, dass sie sich für deutsche Inhaltsangaben auf den Homöopathika-Verpackungen einsetze und dafür, dass die Apothekenpflicht solche Präparate grundsätzlich hinterfragt werden müsse.

Gegner der Alternativ-Medizin sehen in diesen Äußerungen nun die einmalige Chance, die Anwendung von homöopathischen Arzneimitteln in Deutschland stark einzuschränken oder sie gar ganz abzuschaffen. Im sozialen Netzwerk Twitter haben sich in den vergangenen Tagen einige dieser Gegner einen eigenen Hashtag eingerichtet, unter dem sie über das vermeintliche Ende der Homöopathie philosophieren: die „Globokalypse“.

Ein Nutzer zeigt auf, welche politischen/behördlichen Entscheidungen es in den vergangenen Jahren zur Homöopathie gegeben habe: In Australien habe eine Metaanalyse ergeben, dass es sich um Placebo handle, ein Jahr später habe es in den USA Warnhinweise geben mit der Aufschrift „wirkt nicht“, 2017 sei die Homöopathie dann in Russland als „Pseudowissenschaft“ bezeichnet worden, bevor der englische Gesundheitsdienst Homöopathika von der Erstattungsliste strich.

Ein anderer Nutzer schreibt: „Tag der #Globokalypse: Tag der Erinnerung daran, dass einst Pseudofakten den Menschen zu wahnähnlichem Gesundheitsverhalten bewogen.“

Ein weiterer Diskussionsteilnehmer zeigt auf, wie es seiner/ihrer Meinung nach weitergehen könnte mit der Homöopathie: „Schritt 1: Homöopathie aus den Apotheken schmeißen, Schritt 2: Keine Bezuschussung durch Krankenkassen, Schritt 3: Zuckersteuer auf Globuli.“

In einem weiteren, fast episch anmaßenden Beitrag heißt es: „Der esoterische Schleier wird gelüftet. Die Pseudomedizin wird gerichtet. Es werde Frieden zwischen Ärzten und Menschen.“ Eine weitere Diskutantin stellt die Anwendung von Homöopathika in Kindergärten in Frage.

Ein anderer Nutzer weist zudem auf die Preise homöopathischer Präparate in der Apotheke hin: „Würfelzucker kostet 1,30€/kg. Warum muss aromatischer Kullerzucker für 600€/kg in die Apotheke, obwohl man das Aroma gar nicht schmeckt?“



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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11 Kommentare

Wie weiter?

von 2xhinschauen am 27.07.2017 um 0:10 Uhr

Ach nochwas, es geht ja hier um die Apothekenpflicht für homöopathische Zubereitungen. Sicher gibt es unter den Mitlesenden hier welche, die Links zur Hand haben betr. Tests, wie es um die Beratungsqualität in Apotheken bestellt ist, auch wenn da jemand Anlass zu der Vermutung gibt, man sollte ihm/ihr das Gewünschte nicht "einfach so" verkaufen. Ich meine, auch die Stiftung Warentest hatte das mal.

Das Argument der quasi Zwangsberatung in der Apotheke ist m.E. ein bisschen hypothetisch. Zumal die Nachfrage nach dem Zeug sowieso stark nachlassen dürfte, wenn auf Deutsch draufsteht, was drin ist. Wie es bei jedem anderen zum menschlichen Verzehr vorgesehenen Industrieprodukt vorgeschrieben ist.

Aber zur Sache: Erinnert sich hier jemand an die FDP? Die könnte dem Gesundheitssystem und dem Verbraucherschutz einen großen Gefallen tun, wenn sie sich dafür einsetzt, die Kennzeichnungsvoschriften für Homöopathika zu ändern und die Apothekenpflicht zu beseitigen.

Den zu erwartenden Zorn der Apothekerschaft ob des (gewiss geringen) Umsatzverlustes könnte sie auffangen, indem sie sich dafür stark macht, die teilweise abartige Abrechnungsbürokratie abzubauen, die ein Apotheker aktuell zu leisten hat.

Ist hier jemand von der FDP? Ihr müsst bald Koalitionsverhandlungen führen! Also, erklärt Euch!

Könnte jede andere Partei natürlich genauso machen.

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Herr Rohrer

von 2xhinschauen am 26.07.2017 um 23:37 Uhr

Lieber Herr Rohrer,
Sie sprechen von den "Feinden der Alternativmedizin". Dazu zunächst, dass es keine alternative Physik und keine alternative Pharmazie usw. gibt und das Wort "Alternativmedizin" zwar suggestiv sehr erfolgreich, aber Unsinn ist. Das, was funktioniert, //ist// Medizin, egal //wie// es funktioniert. Nur muss es eben den Standards der wissenschaftlichen Medizin genügen und seine Wirksamkeit in vernünftigen Studien nachweisen. Was dabei durchfällt, ist weder eine Alternative noch ist es Medizin. Wenn es sich "Alternativmedizin" nennen muss, weiß man schon alleine wegen dieser Bezeichnung, dass man da lieber gaaanz vorsichtig ist.

Das Wort "Feinde" unterstellt niedrige Beweggründe, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie Ihre eigenen Kategorien auf diese Leute projizieren. Das beobachtet man oft, z.B. dass gläubige Leute sich gar nicht vorstellen können, dass andere Leute nicht gläubig sind, sondern nur das Falsche glauben. Die hier versammelten Kritiker argumentieren zwar bisweilen ironisch und sarkastisch, aber immer streng rational und faktenorientiert und nicht basierend auf Dogmen. Tun Sie das doch einfach auch.

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Argumente?

von Norbert Aust am 26.07.2017 um 18:50 Uhr

Herr Rohrer, Sie wiederholen viele Tweets und Kommentare, offensichtlich in einem derartigen Zorn, dass Sie vergessen haben zu erwähnen, inwiefern denn der Standpunkt der Homöopathiekritiker falsch ist und warum die Apothekenpflicht für Homöopathika erforderlich ist. Könnten Sie das noch nachreichen?

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Nanu?

von Udo Endruscheit am 26.07.2017 um 15:56 Uhr

Der Autor des Beitrags lässt seine persönliche Empörung über die Causa deutlich durchblicken -erkennbar an gar seltsamen Wendungen:

Was sind denn "dogmatische Verfacher der evidenzbasierten Medizin"? Was ist denn ein "episch anmaßender Beitrag" als Bezeichnung für einen Text, der die pseudoreligiöse Ausrichtung der Homöopathie auf die Schippe nimmt? Woher kommt der empörte Unterton bei der Feststellung, eine andere Diskutantin "stellt die Anwendung von Homöopathika in Kindergärten in Frage?"

Für einen journalistischen Beitrag vielleicht doch ein wenig zuckerkugellastig...!?

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Homöopathika sind Naturheilmittel?

von Bettina Frank am 26.07.2017 um 15:54 Uhr

Toller Artikel, witzig geschrieben. Danke dafür!

Aber bitte beim nächsten Mal im Header nicht suggerieren, dass Homöopathika Naturheilmittel wären. ;)

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Beratung???

von Bernd Harder am 26.07.2017 um 15:07 Uhr

@Thomas Brauer:

"die Leser, die Apotheker in der öffentlichen Apotheke, erwarten Argumente, wie sie in dieser unsäglich emotionalen, unsachlichen Diskussion sich und ihre tägliche Arbeit mit der „Ware der besonderen Art“ gegen Angriffe auf die Apothekenpflicht, Angriffe auf das Fremdbesitzverbot verteidigen können."

Was genau ist an Globuli eine "Ware der besonderen Art" und wo genau verläuft die Diskussion um die Apothekenpflicht in einer "unsäglichen, unsachlichen" Art?

Ich bin kein Apotheker, sondern nur Kunde/Patient. Wie oft ich bei dem Wunsch nach einem OTC-Präparat gegen irgendwas (Erkältung, Kopfschmerzen, Reisekrankheit etc.) in der Apotheke ungefragt und ohne jede "Beratung" ein homöopathisches Mittel hingestellt bekam (das ich umgehend zurückgegeben und die Apotheke verlassen habe), kann ich nicht mehr zählen.

Auch die regelmäßigen "Schüssler-Seminare" und "Homöopathie für die Reiseapotheke"-Veranstaltungen in der Apotheke direkt gegenüber meiner Wohnung haben mich dazu veranlasst, lieber kilometerweit zu fahren, als solchen Nonsens zu unterstützen.

Darf ich Sie, eingedenk solcher Erfahrungen, zu ein klein wenig Selbstkritik bezüglich der "Beratung" von Apotheken in Sachen Globuli und der Apothekenpflicht für wirkungslosen Zauberzucker ermuntern?

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traurig

von Thomas Brauer am 26.07.2017 um 14:43 Uhr

Ich kann Herrn Gottschalk nur zustimmen. Es ist erbärmlich, wie dieses Thema von der „Deutschen Apotheker Zeitung“ begleitet wird. „Apothekenpflicht von homöopathischen Arzneimitteln ist ein sehr wichtiges Thema für die Apotheker“. Hah, liebe Chefredakteure, wo lassen Sie das denn spüren? Wo sind denn die sachlichen Argumente für die „Institution öffentliche Apotheke“? Wo ist denn die Positionierung dieser „Fachzeitschrift“ zur Apothekenpflicht? Es geht doch auch hier bei DAZ.online nur um Klick-Zahlen um jeden Preis. Aber die Leser, die Apotheker in der öffentlichen Apotheke, erwarten Argumente, wie sie in dieser unsäglich emotionalen, unsachlichen Diskussion sich und ihre tägliche Arbeit mit der „Ware der besonderen Art“ gegen Angriffe auf die Apothekenpflicht, Angriffe auf das Fremdbesitzverbot verteidigen können.
Thomas Brauer (auch Apotheker)

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AW: RE: traurig

von Julia Borsch und Benjamin Rohrer am 26.07.2017 um 14:54 Uhr

vielen Dank auch für Ihren Beitrag. Wir möchten Sie gerne auf den Kommentar hinweisen, den Julia Borsch am gestrigen Dienstag im Newsletter geschrieben und veröffentlicht hat:

Die Unionsfraktion möchte die Apothekenpflicht für homöopathische Arzneimittel „überdenken“. Die Begründung: „Der ausschließliche Verkauf in Apotheken erweckt den Anschein es würde sich um wissenschaftlich anerkannte Alternativen zu schulmedizinischen Medikamenten handeln.“ Vermutlich sind sich manche Homöopathie-Anwendern der Tatsache sogar bewusst, dass der wissenschaftliche Nachweis dieser Arzneimittel nie erbracht wurde. Warum sie sie in bestimmten Situationen trotzdem nehmen? Sie haben gute Erfahrungen damit gemacht. Aber das nur am Rande.
Ob am Ende jedoch irgendwer seine Einstellung zur Homöopathie hinterfragt, nur weil die Präparate plötzlich im Drogeriemarkt statt in der Apotheke stehen, ist mehr als fraglich. Was allerdings sicher ist: Im Drogeriemarkt erfragt niemand, ob die Grenzen der Homöopathie erreicht sind und rät im Zweifelfall zu was „Richtigem“ oder gar zu einem Arztbesuch. Der ausschließliche Verkauf in Apotheken trägt also zum verantwortungsvollen Umgang mit diesen Präparaten bei – und zwar nicht nur dem Anschein nach, sondern tatsächlich.

Viele Grüße

Julia Borsch und Benjamin Rohrer

AW: AW auf die AW

von Christian Becker am 26.07.2017 um 16:19 Uhr

Nun, eigentlich ist es ganz einfach. Die Grenzen der Homöopathie sind erreicht, sobald jemand eine Erkrankung hat und meint, er brauche Homöopathika.

Naturwissenschaftliche Ausbildung

von Hermann Gottschalk am 26.07.2017 um 13:25 Uhr

Peinlich, so etwas in einer Zeitschrift von Naturwissenschaftlern (Apothekern) fuer Naturwissenschaftler lesen zu muessen.

MfG
Hermann Gottschalk

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AW: Naturwissenschaftliche Ausbildung

von Julia Borsch und Benjamin Rohrer am 26.07.2017 um 14:03 Uhr

Sehr geehrter Herr Gottschalk,

vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir finden, dass die Debatte um die Apothekenpflicht von homöopathischen Arzneimitteln ein sehr wichtiges Thema für die Apotheker ist. Wir haben dabei beobachtet, dass die Diskussion rund um dieses Thema nicht nur auf politischer Ebene stattfindet, sondern auch in der Gesellschaft sehr emotional geführt wird. Die Twitter-Debatte ist ein Beispiel dafür, wie emotional und kontrovers diese Diskussion ist, wie sehr sich an ihr die Geister scheiden. Ob es aus naturwissenschaftlicher Sicht nun sinnvoll ist, dass Homöopathika in der Apotheke stehen und wie die Evidenzlage zu Homöopathika ist, wollten wir zumindest mit diesem Artikel gar nicht aufgreifen.

Beste Grüße

Benjamin Rohrer, Julia Borsch (Apothekerin)

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