Positionen zur Bundestagswahl

Krankenkassen lobbyieren für Apothekenketten und Honorar-Transparenz

Berlin - 29.06.2017, 07:00 Uhr

System umstoßen: Der GKV-Spitzenverband kündigt an, in der kommenden Legislaturperiode sich für Apothekenketten und die absolute Vergütungstransparenz einzusetzen. (Foto: dpa)

System umstoßen: Der GKV-Spitzenverband kündigt an, in der kommenden Legislaturperiode sich für Apothekenketten und die absolute Vergütungstransparenz einzusetzen. (Foto: dpa)


Der GKV-Spitzenverband will sich in der nächsten Legislaturperiode verstärkt dafür einsetzen, den Apothekenmarkt zu deregulieren. In einem Positionspapier des Kassenverbandes heißt es, dass durch die Abschaffung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes mehr Wettbewerb geschaffen werden solle. Außerdem fordern die Kassen die absolute Preistransparenz, um Evidenz für alle anstehenden Änderungen am Apothekenhonorar zu erhalten.

Die Apotheker müssen sich darauf einstellen, dass die komplette Deregulierung des Apothekenmarktes in der nächsten Legislaturperiode ein politisch ernst zu nehmendes Thema sein wird. Denn der größte und im gesundheitspolitischen Berlin mächtigste Krankenkassen-Verband, der GKV-Spitzenverband, hat die Liberalisierung als eine seiner wichtigsten politischen Forderungen im arzneimittelpolitischen Bereich angekündigt. Der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes, in dem Vertreter der Arbeitgeber, der Versicherten sowie aller Kassenarten zusammenkommen, hat am gestrigen Mittwoch ein Positionspapier beschlossen, das DAZ.online nun vorliegt und in dem genau diese Forderung aufgestellt wird.

Der Apothekenmarkt wird in dem ca. 30 Seiten umfassenden Papier in dem Kapitel „Qualität und Finanzierbarkeit der Arzneimittelversorgung sichern“ thematisiert. Dort gibt es ein Unterkapitel mit dem Titel „Apothekenmarkt liberalisieren und Transparenz über die Vergütungen schaffen“. Zur Einleitung heißt es dort: „Um auch künftig eine sichere, zeitnahe und wirtschaftliche Versorgung mit Arzneimitteln zu gewährleisten, ist der Apothekenmarkt zukunftsfähig und patientenorientiert weiterzuentwickeln.“ Mit Blick auf die flächendeckende Arzneimittelversorgung heißt es weiter: „Die Vertriebsstruktur im Apothekenmarkt ist so anzupassen, dass eine bedarfsgerechte Arzneimittelversorgung der Patienten auch in Regionen mit einer geringen Bevölkerungsdichte sichergestellt bleibt. Jede Form der Arzneimittelabgabe muss sich zuvorderst am Bedarf der Patientinnen und Patienten messen lassen.“

Doch anstatt die bestehende, funktionierende Vertriebsstruktur durch die inhabergeführte Apotheke vor Ort auch auf dem Land zu stärken und somit zu erhalten, will der Kassenverband disruptiv in das System eingreifen. Denn es heißt weiter: „Ein ergänzender Versandhandel stellt deshalb ein geeignetes Mittel dar, dieses Ziel zu erreichen. Eine Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes ist aus Markt- und Wettbewerbsgründen geboten.“ Es fällt auf: Der GKV-Spitzenverband erwähnt die Apotheke vor Ort in seinen Zukunftsplänen nicht einmal.

Kassenverbände immer aggressiver gegen Apotheker

Auch bei der Diskussion über die Umstellung des Apothekenhonorars wollen die Kassen kräftig mitmischen. Der GKV-Spitzenverband stört sich daran, dass die Apotheker durch die steigenden Arzneimittelpreise mehr verdienen. Wörtlich heißt es in dem Papier zur Bundestagswahl: „Mit den kontinuierlich wachsenden Ausgaben für Arzneimittel ist auch die Apothekenvergütung gestiegen.“ Wie schon oft zuvor, fordert der Verband, dass beim Apothekenhonorar Evidenz über die wirtschaftliche Lage der Apotheken erbracht werden müsse. So heißt es in dem Papier: „Dringend verbessert werden muss jetzt die Transparenz über dieses Vergütungsgeschehen, um auf der Grundlage von Patientenbedarfen die Vergütungen besser gestalten zu können.“ Daraus resultiert die Forderung an die Politik: „Ohne diese Transparenz dürfen nicht mehr – wie in der Vergangenheit oftmals durch den Gesetzgeber geschehen – Apothekenvergütungen angepasst werden.“

Dass die Kassen gegen die Apotheker poltern, ist nicht neu. Erst kürzlich hatte der GKV-Spitzenverband seinen Geschäftsbericht veröffentlicht und einige für ihn wichtige politische Entscheidungen aus den vergangenen zwölf Monaten kommentiert. Darunter auch die Honoraranpassung für Apotheker in den Bereichen Rezepturen und BtM-Abgabe. Hier meint der Kassenverband auch, dass zu wenige Beweise vorgelegen hätten, um eine Gehaltserhöhung zu rechtfertigen.

Und auch in der Debatte nach dem EuGH-Urteil stellten sich die Krankenkassen aggressiv hinter die Versandhändler: Der GKV-Spitzenverband erklärte in seiner Stellungnahme zum Rx-Versandverbot sinngemäß, dass zur Not auch die Versender die Versorgung auf dem Land sichern könnten. Und der AOK-Bundesverband schrieb, dass er gerne Selektivverträge mit den EU-Versendern abschließen würde.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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7 Kommentare

Kranke Kassen

von Thomas Brongkoll am 29.06.2017 um 15:25 Uhr

Ich habe schon vor über 10 Jahren gesagt, der größte Feind des Apothekers sind die Krankenkassen! Damals wurde mir heftig widersprochen (das ist die druckbare Variante)!
Also komme ich noch einmal zurück auf meinen Vorschlag, die Forderung der Apotheke gg. die Krankenkasse an die Apothekerverbände abzutreten. Somit heisst es dann nur noch 17 gegen diese Verbrecher, aber mit der Macht, die Leistung zu verweigern.

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Freude

von Pillenpaule am 29.06.2017 um 9:52 Uhr

Ich freue mich. Transparenz bei der Vergütung ist lange überfällig, genauer gesagt seit dem 01.04.2007. Oder habe ich da was missverstanden, und die Transparenz gilt nicht für die Kassen im Bezug auf die Rabattverträge?

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Apotheken sind keine öffentliche Institution

von Peter Bauer am 29.06.2017 um 8:26 Uhr

Fall es der GKV-Verband vergessen hat:Apotheken sind keine
Körperschaft des öffentlichen Rechts oder Beamteneinrichtungen sondern selbstständig.Wir können nicht einfach sagen ,dass wir Miese machen und dann kommt ein Zuschuß von den Versicherten in Form von erhöhten Beiträgen oder staatliche Zuschüsse wie bei den Krankenkassen.Wir stehen gerade für Verluste ,nicht wie die Herrn überbezahlten Kassenvorstände ,die sich jedes Jahr ein Mehr in der Gehaltstüte gönnen.Wir quatschen bei der Gehaltsfindung und der Beitragshöhe auch nicht mit,denn dann hätten die Krankenkassen wesentlich geringere Verwaltungskosten

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Details

von Anita Peter am 29.06.2017 um 8:04 Uhr

Die Kassen bleiben, wie immer, jegliche Begründung, was Ketten besser machen als inhabergeführte Apotheken, schuldig.
Die inhabergeführte Apotheke arbeitet für die GKV de facto kostenlos. ( Rabattverträge, Kassenabschlag )

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AW: Details

von Christiane Patzelt am 29.06.2017 um 12:12 Uhr

Und genau dieser Satz "die Apotheke arbeitet faktisch kostenlos" macht mir den Gedanken an Ketten und großen Strukturen sympathisch! Genau der Punkt, dass wir laufend kostenlose Dienstleistungen erbringen, der wird bei einer Kette nicht mehr passieren - da muss die Krankenkasse JEDEN Handschlag bezahlen oder er wird nicht gemacht. Ich stelle mir auch vor, dass wir wie die Ärzte zum Quartalsende (wenn auch die Gelder alle sind für den Topf "Apotheke") einfach mal eine Woche oder 10 Tage schließen. Ich bin mittlerweile sehr für die Liberalisierung, denn unsere Standesvertretung vertritt uns überhaupt nicht, macht sich quasi jetzt schon überflüssig und wird auch im Kettenkonstrukt so nicht mehr gebraucht! Ich bin für die Kette, denn dort kann ich als ApothekerIn ENDLICH!! nach meiner Leistung bezahlt werden (wir sind momentan so herrlich wenig ApothekerInnen in D - wir sind Goldstaub für die Ketten - unsere Approbationen sind richtig was wert!). Ich bin für die Kette, dann kann sich mein Kettenboss mit den trutschigen Damen der SPD und der Grünen streiten -- ich muss mich dann nicht um jeden Kram alleine kümmern.
Ich bin für die Kette, die kann preislich viel besser gegen den Versand anstinken, als ich das als kleine Landapotheke kann -- und die Ketten machen dann auch nicht 13-tägig Notdienst! Ich will nicht in Schönheit sterben, ich will nur Apotheker sein! So wie ich es zur Zeit erarbeite, ist es nicht mehr zeitgemäß--dann denken wir jetzt eben mal zeitgemäß! Jeder will einheitliche Städte und Buden, das ist der mainstream...entspannen wir uns und schwimmen mit....

AW: Details

von Heiko Barz am 29.06.2017 um 12:51 Uhr

Die Frage ist nur, CHRISTIANE, werden in Zukunft wirklich so viele Apothekerinnen gebraucht? Die Kettenmanager werden es durchsetzen, dass ein Apotheker (10?) Betriebe überwachen muß, dann relativiert sich diese Frage.
Ob dann noch ABDA, Vereine, Gesundheitsämter und Pharmazieräte am Leben erhalten werden können, bezweifle ich. Dann ist endgültig Schluß seit Friedrich dem Staufer 1200 und ein paar zerquetschte Jahre mit der Apothekenkultur. Sie hat ja auch wirklich lange genug gehalten und ist auch digital nicht mehr zu vertreten jedenfalls für die Apo-Nerds.
Dass dann aber eine europäische Zentral Krankenkasse die Geschicke europaweit lenkt, haben die zukunfteifrigen KKassenbosse so noch nicht auf dem Schirm. Ihr eigenes Grab schaufeln sie gerade mit Nachdruck.
Welchen Rattenschwanz diese destruktive Gesundheitspolitik nach sich zieht, kann man nur erahnen.
Wieviel sozial abgefederte Arbeitsplätze vernichtet werden, wird dann einen zukünftigen Finanzminister mit größter Sorge belegen.
Vielleicht aber zeigt uns Polen ( ist noch nicht verloren!) dass es anders gehen muß. Zurück auf Anfang!!

Kassenverbände immer aggressiver gegen Apotheker

von Karl Friedrich Müller am 29.06.2017 um 7:34 Uhr

Warum?
Die Kosten für die Apotheken spielen bei den Ausgaben kaum eine Rolle.
Die Kosten für die KK sind doppelt so hoch.
Die Ausgaben für MwSt an den Staat sind höher als die Kosten für Apotheken.
Was will man da noch sparen?
Das scheint sich zu einer Psychose zu entwickeln.
Zudem redet man der Vernichtung von (Frauen) Arbeitsplätzen das Wort. Vernichtung von Einnahmen des Staates in Form von Steuern. und vor allem: einer Schlechterstellung der Patienten.
Das ist rational alles nicht mehr nachvollziebar.

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