Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

18.06.2017, 07:10 Uhr

Heute Sekt statt Selters! (Foto: Andi Dalferth)

Heute Sekt statt Selters! (Foto: Andi Dalferth)


Die schönste Nachricht seit langem: Der Videoautomat von Hüffenhardt steht still, ein Gericht hat den Stecker gezogen. Und ein Gutachten listet eine Reihe von Ordnungswidrigkeiten und Straftatbeständen auf. Die andere Front: Ausländische Versender wachsen weiter und picken sich Rosinen auf Rezept. Jetzt wundern sich sogar die Grünen, wollen aber immer noch 1-Euro-Boni. Und die Digitalisierung geht weiter, aber noch nicht beim Rezept. Zum Glück.

12. Juni 2017

Das Szenario: Das EuGH-Urteil ist in der Welt, ausländische Versender müssen sich nicht mehr an die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel halten, die Politik konnte sich bis jetzt nicht auf ein Rx-Versandverbot einigen – und bis zur Wahl geschieht nichts mehr und danach erst mal nicht so schnell, wenn überhaupt. Und die ausländischen Versender wie DocMorris und Europa Apotheek nutzen diese Zeit, um ihr Rx-Marktsegment kräftig auszubauen. Sie werben bei Versicherten und Krankenkassen und lechzen nach jedem Rezept. DocMorris beispielsweise hat im ersten Quartal beim Rx-Geschäft schon 6 Prozent mehr an Umsatz gemacht gegenüber dem Vorjahr. Und bald ist ein Jahr und mehr vergangen, die Versender haben ihre Positionen ausgebaut, Besitzstände geschaffen. Mein liebes Tagebuch, ein beunruhigendes Szenario, wie jetzt auch die Politiker feststellen. Die DocMorris-Mutter Zur Rose sammelt Geld, ein Börsengang wird wohl kommen, und will weiter wachsen. Die Übernahme eines weiteren Versandhändlers steht bevor. Der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich: „Die EU-Versandapotheken werden ihre Marktanteile unkontrolliert zulasten der Apotheken hierzulande ausbauen.“ Da sind sogar die Grünen nicht begeistert. Die Gesundheitspolitikerin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, hält aber weiter an der 1-Euro-Bonus-Idee fest. Mein liebes Tagebuch, auf 1 Euro gedeckelte Boni würden viele Apotheken wirtschaftlich nicht aushalten. Und warum ausländische Versender wie DocMorris sich dann ausgerechnet an solche Deckelungen halten sollten – darauf haben wir bis heute noch keine Antwort von Schulz-Asche bekommen. Und mit jedem Monat, mit dem wir mit dem ungezügelten Versand leben, wird ein Zurück ein bisschen unwahrscheinlicher…


13. Juni 2017

Jetzt hatte die Digitalisierung sogar schon ihren Gipfel – zwar noch lange nicht erreicht, aber als Gipfel der Bundesregierung. Bundesgesundheitsminister Gröhe und Bundesforschungsministerin Wanka legten ein Strategiepapier vor, wie’s denn nun weiter gehen soll. Man will eine Dialog-Plattform (klar, miteinander reden ist immer gut), die Einführung elektronischer Patientenakten soll vorangetrieben und weitere Projekte des digitalen Fortschritts gefördert werden. Und sie redeten viel von Videosprechstunde, telemedizinischer Befundbeurteilung bei Röntgenaufnahmen, vom elektronischen Arztbrief und vom Medikationsplan. Klingt schon alles ein bisschen nach digitalem High-Tech. Wenn man nicht so genau hinschaut. Die Videosprechstunde ruckelt, das Netz schwächelt, flächendeckendes schnelles Internet steht auf dem Wunschzettel, ist aber nicht Realität. Nach mehr als zehn Jahren sei mit dem E-Health-Gesetz endlich „Schwung in die Digitalisierung des Gesundheitswesens“ gekommen, schwärmt Gröhe digital-euphorisch – bei genauer Betrachtung schrumpft der Schwung eher zum Schneckentempo zusammen. Ein Blick auf den Medikationsplan genügt – nach wie vor in der Papierversion, nicht auf der elektronischen Gesundheitskarte. Und die Aussichten, dass sich das 2018 ändert, sind eher trübe. Und hört man sich mal bei den Apotheken um, so dürfte in der Mehrzahl der Apotheken wohl noch kein Papier-Medikationsplan gesichtet worden sein. Schwung sieht anders aus. Mein liebes Tagebuch, einen Vorteil hat der retardierte Schwung: Mit dem elektronischen Rezept wird in Deutschland nicht so schnell zu rechnen sein. Die Arbeiten zu diesem Projekt sollen erst ab 2019 starten. Ein elektronisches Rezept würde zwar vieles erleichtern, vom Kassenvorgang über die Lesbarkeit bis hin zur Abrechnung. Aber Apothekenrechenzentren hätten dann ein bisschen weniger zu tun und würden jammern und in- und ausländische Versandapotheken würden es noch leichter haben, die digitalen Rezepte abzugreifen. Insofern, mein liebes Tagebuch, lange lebe das Papierrezept!

Er bleibt dran, der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel (BfArM), Karl Broich, am Thema Lieferengpass. Nach wie vor ist das für uns Apotheker und erst recht für unsere Patienten ein Riesen-Ärgernis. Während auf Seiten unserer Berufsvertreter eine stoische Gelassenheit bei diesem Thema zu herrschen scheint, denkt Broich nun über längere Bevorratungszeiträume und eine Meldepflicht für die Hersteller nach. Schade, dass da keine Signale oder Unterstützung von den Arzneimittelfachleuten, sprich von der Apothekerschaft, zu vernehmen sind. 


14. Juni 20127

Da müssen wir jetzt genau hinsehen, was sich in Nordrhein-Westfalen unter Schwarz-Gelb entwickelt. Der Koalitionsvertrag soll schon unter Dach und Fach sein. Was durchgesickert ist: Die FDP will da deutlich herumliberalisieren, beispielsweise beim Ladenöffnungsgesetz. Damit der stationäre Handel im fairen Wettbewerb zum Online-Handel steht und Innenstädte belebt werden können… soll es statt vier künftig acht verkaufsoffene Sonntage geben. Mein liebes Tagebuch, und warum nicht sechzehn? Wenn die liberale Denke auf diese Weise einen fairen Wettbewerb zwischen stationär und online herstellen will, müsste sie noch weitergehen, nämlich für eine 24/7-Öffnung sorgen, also rund um die Uhr, jeden Tag. Ist natürlich Quatsch, das kann kein stationärer Handel leisten, von Ausnahmen abgesehen. Kann man nur hoffen, dass kein Liberaler auf den Posten des Gesundheitsministers kommt. Derzeit soll Karl Josef Laumann (CDU) im Gespräch sein.

Mein liebes Tagebuch, das war die schönste Nachricht dieser Woche: „Gericht verbietet Arzneimittel-Automaten von DocMorris“. Auch für das Landgericht Mosbach war es nicht nachzuvollziehen, dass das, was in diesen Räumen vor sich geht, Arzneimittel-Versandhandel sein soll – und machte den Laden dicht: keine Abgabe mehr von apothekenpflichtigen und/oder verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Schluss mit dem Spuk, aus. Für das Gericht ist es offensichtlich: Vorschriften des Arzneimittelgesetzes und der Apothekenbetriebsordnung wurden dort verletzt. Enttäuscht zeigt sich DocMorris und schwafelt von verhinderter patientenorientierter Versorgung der Gemeinde, von innovativen Lösungen im Apothekenmarkt und von Chancen der Digitalisierung als Lösung – mein liebes Tagebuch, was soll der Versender auch sonst dazu sagen. Freude dagegen beim Landesapothekerverband Ba-Wü, aber man weiß: Das ist nur ein erster Etappensieg. Das „ungleiche Kräftemessen einer großen Kapitalgesellschaft gegen kleine inhabergeführte Apotheken” werde weitergehen, sagte LAV-Geschäftsführerin Ina Hofferberth. Aber sie wird auch mit weiteren unterstützenden Entscheidungen rechnen dürfen, denn das Landgericht Mosbach wird noch vier weitere Eilverfahren zum Fall Hüffenhardt entscheiden. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn diese Entscheidungen anders ausfielen. Allerdings: Der Rechtsstreit wird nach DocMorris-Manier weitergehen: Es folgen Oberlandesgericht und weitere Instanzen, die Entscheidung eines Verwaltungsgerichts steht auch noch aus. Ob der Versender am Ende einen Dreh findet, ein neues EuGH-Urteil zu provozieren? Mein liebes Tagebuch, irgendwie ist das alles MCP-verdächtig. 


15. Juni 2017

Traurig über das Aus für den Automaten zeigten sich Vertreter der Gemeinde Hüffenhardt. Sogar Menschen aus den umliegenden Orten seien gekommen, um beim Automaten einzukaufen. Ach, mein liebes Tagebuch, mir blutet auch schon das Herz, der arme, arme Automat, steht er jetzt ganz einsam in seinem kalten Räumchen, keiner besucht ihn. Vielleicht können ihn die Gemeindevorsteher ab und zu mal besuchen und als kleine Streicheleinheit ein Stromstößchen verpassen. Oder sie gehen dann mit zu seiner Beerdigung, wenn Justitia das letzte Wort gesprochen hat, und er in seine Einzelteile zerlegt wird. Aber mal im Ernst, immer wieder erstaunlich, wie Bürgermeister, Kommunal- und andere Politiker dem Digitalisierungsgeschwafel von DocMorris auf den Leim gehen.
Was von Seiten der Gemeinde aber auch zu hören war: Als die Apotheke im Dorf geschlossen wurde, habe sich kein Apotheker verantwortlich gefühlt, hier eine Apotheke aufzumachen. Nun, mein liebes Tagebuch, da muss sich auch keiner verantwortlich fühlen und Harakiri machen. Was aber viel schneller hätte kommen sollen: eine Rezeptsammelstelle! Die wurde erst eingerichtet, nachdem DocMorris seine Pläne bekanntgemacht hatte. 
Aber mal ehrlich, mein liebes Tagebuch: Ein Blechbriefkasten mit aufgeklebtem Aufdruck „Rezeptsammelstelle“ bringt’s heute irgendwie nicht mehr, oder? Selbst wenn er „digitalisiert“ und das Rezept beim Einwurf gescannt und an die Apotheke übermittelt würde: Wir Apothekers sollten uns da schleunigst ein paar Gedanken machen, wie wir im digitalen Zeitalter die flächendeckende Versorgung samt Botendienst & Co irgendwie besser in den Griff bekommen. Hallo, ABDA, Hüffenhardt liegt zwar in Baden-Württemberg, ist aber ein bundesdeutsches Problem! Schon gemerkt? 

Übrigens, was DocMorris da in Hüffenhadt praktiziert hat, erfüllt eine Reihe von Ordnungswidrigkeiten und Straftatbeständen. Das hat ein Rechtsgutachten von Sabine Wesser und Valentin Saalfrank festgestellt, das im Auftrag des Deutschen Apotheker Verlags erstellt wurde und im Juli veröffentlicht wird. Und auch diese Rechtsexperten kommen zu dem Schluss, dass das kein Versandhandel war, was da ablief.


16. Juni 2017

CDU und FDP haben ihren Koalitionsvertrag in trockenen Tüchern. Und, was steht zu den Apothekers drin? Nicht allzu viel. Sie werden beim Thema Freie Berufe angesprochen und sind gerade für den ländlichen Bereich „ein unverzichtbarer Teil der Infrastruktur“, heißt es da. Och, mehr nicht? Nicht viel mehr, höchstes noch „ein wichtiger Bestandteil der Sozialen Marktwirtschaft“. Hätte schlimmer kommen können, mein liebes Tagebuch. Immerhin steht nichts drin von den Lindnerschen FDP-Phantastereien zum Fremd- und Mehrbesitzverbot oder zum Versandhandel. Jetzt heißt es einfach aufpassen, was aus diesem Bündnis wird. In rund 100 Tagen wird dann der Bundestag gewählt. 

Die Apothekerkammer Nordrhein musste ihre Zusatzversorgung für angestellte Apothekerinnen und Apotheker auflösen. Jetzt suchen 30 Mio. Euro ihre anspruchsberechtigten Apotheker, schreibt Thomas Hardt, Mitglied der Kammerversammlung. Was er nämlich nicht verstehen kann: Die Kammer Nordrhein informiert nicht aktiv mögliche Anspruchsberechtigte. Und warum nicht? Je weniger an alle potenziellen Anspruchsberechtigten verteilt wird, desto mehr bleibt für die anspruchsberechtigten Insider übrig, die sich rechtzeitig melden und damit auskennen. Und was sagt der Kammerpräsident zur Nicht-Information möglicher Anspruchsberechtigter: „Pech gehabt“ oder „hätten sich ja informieren müssen“. Oh, mein liebes Tagebuch, das wirft kein gutes Licht auf die Kammer. Warum verschickt die Kammer keinen Infobrief, in dem leicht verständlich die Voraussetzungen genannt werden, ob man anspruchsberechtigt ist oder nicht? 

Niederländische Versandapotheken haben mehreren Patienten Rezepturen verweigert. Die Patienten beschwerten sich bei der Kammer Westfalen-Lippe, die wiederum das Gesundheitsministerium des Bundeslandes auf diese Vorgänge aufmerksam machte. Und das Ministerium antwortet zu Recht: „Die Vorschriften der Apothekenbetriebsordnung finden nur im Geltungsbereich des Apothekengesetzes Anwendung, nicht im Ausland. Ausländischen Apotheken obliegt daher nicht die im öffentlichen Interesse gebotene Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung.“ Genau so ist es – und deshalb müssen diese Vorfälle und Antworten nach Berlin, zur SPD und zu den Grünen, geschickt werden, die immer noch meinen, man dürfe den Rx-Versand nicht verbieten. Von wegen! Rezepte sind im Inland einzulösen, nur hier gibt’s Vollversorgung samt BtM und Rezeptur. Ausländische Versender sind nur Rosinenpicker. Punkt.


Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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15 Kommentare

Fehlende Präsenz

von Reinhard Rodiger am 18.06.2017 um 17:47 Uhr

Auffällig ist das Missverhältnis von Steilvorlagen zur Nutzung.
Da ist die E-Debatte."Netterweise" schleppend.Doch
warum wird das E-Strategiepapier so kleingeredet und jede Meinungsbildung zum e-Rezept und damit unserer Zukunft verhindert? Es ist keine Frage,dass die Digitalisierung mehr verändert als wir heute denken. Die gestaltende Mitwirkung
erfordert mehr als ängstliches Hoffen auf die Unfähigkeit anderer.Hierzu bietet sich an, die Erfahrungen aus anderen Ländern zu bearbeiten und verbreiten.So hat Dänemark jüngst Bilanz gezogen und festgestellt, dass die Verschiedenartigkeit der Anwendungen keine durchgängige Kompatibilität ermöglicht. In USA machen neuartige Fehler - nicht routinemässig erfassbar-Probleme. usw.
(Korruptions/Erpressungs)-Risiken durch e-Rezeptsteuerung müssen bewusst gemacht werden.Sie betreffen die Gesellschaft,nicht nur unsere Geschäftstätigkeit. Das geschieht nicht durch wegsehen. Jedenfalls fehlt der Diskurs um all das, was Automatisierung an Chancen und eben auch Risiken bringt.
Also gilt es BEIDES herauszuarbeiten- auch in der Öffentlichkeit.



» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Fehlende Präsenz

von Heiko Barz am 18.06.2017 um 20:26 Uhr

Wir haben noch keine E-Rezept Steuerung, und Sie machen mit Recht darauf aufmerksam, dass die zu erwartende Korruption gehändelt werden muß.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie Sie unsere Kernkompetenz, die Übergabe der Arzneimittel und die dazugehörende Bewertung der Patientenfragen digitalisiert darstellen wollen.
Das Zauberwort bei Gesundheitsfragen ist nicht "Digitalisierung" sondern patientenorientierte Zuwendung.
Das kann kein Computer.
Was haben wir eigentlich studiert? Bits und Bites und Festplattenmanagment oder die Wirkung diverser BTMs und z.B. Rezepturherstellung etc.

AW: Fehlende Präsenz

von Reinhard Rodiger am 18.06.2017 um 23:03 Uhr

@ Heiko Barz

Aus meiner Sicht ist Umsicht die Kernkompetenz, die Computer/Digitalisierung/Algorithmen nicht ausser Kraft setzen
können.Meine Erfahrung ist,dass die erlebte Kombination von Faktoren oft genug einmalig war.Das zu sehen und zu handeln brachte Sinn.Es geht also einerseits um notwendige Kapazität zur Ausübung der Umsicht, andererseits um den Nachweis der Grenzen der Digitalisierbarkeit. Politisch übersetzt heisst das Festlegung der akzeptierten Fehlerquote.Diese Fehler sind nicht von bekannter Art. Was unterscheidet uns erhaltenswert von automatisierten Prozessen ?

Digitalisierung ist etwas wie die Inklusion im Schulwesen.Es soll eigentlich nur Personal gespart werden,es wird aber als Problemlösung verkauft.Es wurde nur vergessen, das Problem zu benennen.(ich weiss,es hinkt ein bisschen)



Den Realitäten stellen ...

von Reinhard Herzog am 18.06.2017 um 16:48 Uhr

„Wenn der Wind der Veränderung durchs Land weht, bauen die einen Mauern und die anderen errichten Windmühlen.“ Chinesisches Sprichwort ...

Es mag ja die Seele streicheln (Hüffenhardt), dass ein paar Paragrafen wieder die Existenz ein wenig weiter tragen.
Die entscheidenden Erkenntnisse sehen aber doch eher so aus:

- Lebenswichtige Teile unseres Geschäfts sind auslagerbar - austauschbar - automatisierbar. Das gilt übrigens erst recht für das Lieblingskind "AMTS"; eine Datenbank- und EDV-Aufgabe schlechthin. Was da an echter Expertenleistung trotzdem noch nötig wäre, ließe sich z.B. per Video / Internet wunderbar zuschalten. Aber klar, da findet man rechtlich bestimmt auch ein Haar in der Suppe ... Nichtsdestotrotz sollten diese sachlich nicht bestreitbaren Tatsachen mehr als zu denken geben.

- Lediglich Paragrafen, Lobbyismus und Haarspalterei verhindern (noch) Schlimmeres, aber eben nur wenig belastbare Sachargumente.

- Durch die Blockadepolitik wehren wir Innvoation nach Kräften ab und schaffen es so nicht einmal, wenigstens die Wertschöpfung neuer Technologien im Lande bzw. innerhalb des Berufsstandes zu halten.

- Dass die Politik genauso wettbewerbsfern und weltfremd agiert und in Jahrzehnten (!) nicht mal eine elektronische Krankenakte, ein E-Rezept oder nur mal einen Medikationsplan hinbekommt, sollte uns nicht als wohliges Ruhekissen dienen (wie schön, wenn andere noch unfähiger sind ...), sondern eher weiteres Unbehagen hervorrufen. Es gibt nicht nur Deutschland auf der Welt ...

- Unsere "Meinungsmacher" machen vor allem Meinung in eigener Sache, um ihre nicht zukunftstauglichen Geschäftsmodelle so lange wie möglich noch per "Zwangsbeatmung" (ironischerweise gerne auf Kosten ihrer Kunden, nämlich der Apotheken) am Leben zu erhalten. Daher auch die ständige Angstmacherei und die ganzen Gespensterdiskussionen; in den Hauptrollen der Gespenster: "böses Großkapital", "Fremdbesitz", "Fall der Preisbindung" ... man fragt sich, wie 90% der Wirtschaft funktionieren, die das hier übrigens alles tragen.

Parallelen zur Computer-, Gen- und Atomtechnologie (und etliche andere) liegen auf der Hand. Auch hier dominierte das Blockieren, Verhindern, Angst machen - und wo findet die Wertschöpfung jetzt statt, wo sind die gut bezahlten, hoch qualifizierten Arbeitsplätze?

Manche begreifen es halt nie ...

Wirklich schlimm ist es allerdings, den Nachwuchs sehenden Auges in Berufe ohne Zukunft laufen zu lassen. Genau das passiert nämlich én gros, statt mal die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. In die fernere Zukunft, nicht nur die bis zur nächsten Bilanzbesprechung oder Legislaturperiode ...

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Den Realitäten stellen

von Ulrich Ströh am 18.06.2017 um 21:42 Uhr

Lieber Kollege Herzog,
perfekt analysiert !
Schlage Sie als Referenten beim nächsten DAV-Wirtschaftsfoum im Mai 18 in Potsdam vor!

15.6.2017 Eppendorfer Dialog

von Christian Giese am 18.06.2017 um 15:18 Uhr

Prof. Glaeske fordert Evaluation von Rabattverträgen!
Wieviel Tresenapotheker wurden da gefragt, wieviele waren da dabei?
Eben, keiner!
Wir Apotheker üben mal wieder Selbstzensur: keine Präsenz!
Unser oberster Tresenapotheker sagt eh nichts dazu. Vor lauter Angst, er könnte ja was Falsches sagen, schlecht dastehen, einen negativen Eindruck machen.
Nicht präsent sein heisst, nicht zu widersprechen.
Und was entwickelt sich daraus?
Allerorts weiteres Schweigen, Reputationskaskaden, weitere Schweigekaskaden.
Anstatt sich bemerkbar zu machen zu über 10 Jahre Rabattverträge, Eppendorfer Dialog, sich wenigstens compliancehalber an die Öffentlichkeit zu wenden, mit der Öffentlichkeit zu reden, die Öffentlichkeit als Freund und Versteher zu gewinnen. Nichts!
Der Berufsstand schweigt und lässt schweigen. Was für ein Bild?
Schweigen gleich Selbstzensur, welche Dynamik soll sich daraus entwickeln?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: 15.6.2017 Eppendorfer Dialog

von Reinhard Rodiger am 18.06.2017 um 16:51 Uhr

Das ist Alarmzeichen und Skandal zugleich.Alarm,weil ein ausgewiesener Krankenkassenfreund die Nebenwirkungen der Rabattverträge anmahnt. Skandal, weil das so spät und ohne Beteiligung der eigentlich Verantwortlichen erfolgt.

Denn die Nebenwirkungen der Rabattverträge wie Complianceminderung ,Glaubwürdigkeitsverlust der Leistungserbringer, Monopolisierung der Herstellung , Marginalisierung der Arzneiproduktion , Lieferengpässe sind lange virulent, aber eben verniedlicht und verdrängt.

Wer soll Respekt haben, wenn die , die das bewusst machen (zB Kollege Dieffenbach) aus Kalkül allein gelassen werden ?

E-Rezept und Apothekenalltag?

von Heiko Barz am 18.06.2017 um 14:41 Uhr

Beim Handling mit dem E-Rezept wir die Korruption neue Urstände feiern.
Vielen Patienten ist doch egal von welcher Apo sie bedient werden, wenn in der Arztpraxis das Versprechen gegeben wird, dass das fragliche Medikament Ihnen noch am gleichen Tag vor die Tür gebracht wird und auch noch eine qualifizierte Medikamentenauskunft auf dem Flur mitgeteilt wird. ( Und die Nachbarn mit langen Ohren.....)
Die Damen an der Rezeption der Arztpraxen werden das Zünglein an der Existenwaage der Deutschen Vorort Apotheken sein.
Wir haben genügend "Aponerds" die nach Digitalisierung lechzen, denen aber offensichtlich nicht klar ist, dass in den meisten Fällen die eigene Apotheke zugrunde gehen kann.
Das E-Rezept ist für den Standartpatienten eine unberechenbare Katastrophe.
Die Krankheitslage des Patienten in Bezug auf seine Medikation ist eine grundsätzlich individuelle Schicksalslage, die nur durch eine persönliche Behandlung des Vorort Apothekers gelöst werden kann.
Alle oberflächlichen Versprechungen verantwortungsloser und desorientierter Politiker, haltlos versprechender Arzneimittel-Piratenversender aus Holland und rechtsverdrehender, rechtsmissachtender deutscher Verwaltungslinien dazu die pharisäeische Grundeinstellung der KKassen haben alle leider nur ein Ziel, das über die Maßen gute Verhältnis zwischen Patient und Apotheker zu erschüttern.

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6% Rx Zuwachs

von Karl Friedrich Müller am 18.06.2017 um 14:28 Uhr

6% mehr bei Rx im ersten Quartal. Bei niedrigem Ausgangsniveau. Kann also nicht so viel sein. Das ist natürlich trotzdem bedenklich.
Aber, was hier nicht erwähnt wird:
45% Zuwachs bei Non Rx. Bei schon hohem Ausgangsstand.
Das ist richtig schei.....
Ich behaupte mal, dass wir keine Probleme hätten und auch keine Honoraranpassung bräuchten, gäbe es den Versand nicht oder wenigstens die Preisbindung noch.
Die Apotheken sind leerer geworden.
Bei gleichen Preisen, egal ob bei Rx oder NonRx hätten die Versender keine Chance. Es zeigt, wie die Politik einseitige Vorteile für DocMorris & Co geschaffen hat, dass "gleichlange Spieße" schon immer eine Lüge war.
Man lässt uns unsere Arbeit nicht machen, man behindert uns, wo es geht. auch die ABDA.
Man redet uns allen möglichen Quark ein, von:
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Und noch mal beraten.
Wen denn bitte, wenn keiner mehr kommt, weil es im Internet Rabatte gibt? Wie wollen Sie die Leute noch erreichen? Wenn dann doch mal Not am Mann oder Frau ist?
Natürlich wird und ein Restkundenstamm bleiben. Aber das wird nicht reichen.
Es kapiert keiner, die ABDA schon gar nicht. Die Ausdünnung wird erheblicher ausfallen als dort vermutet oder gewünscht. Das Geplärre um die Landapotheke ist sowieso nur vorgeschoben. Sie werden es auch nicht überleben. Da müsste schon sehr viel subventioniert werden. Da bin ich dann sicher, dass die anderen wegen Ungleichbehandlung klagen werden.
Die 6% Zuwachs bei Rx sind nur der Anfang. DocMorris sieht das schon richtig. Die Lawine kommt nur langsam ins Rollen, ist dann aber immer größer und schneller, unaufhaltsam.
Ende.

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Lieferengpässe

von Dr.DIEFENBACH am 18.06.2017 um 14:16 Uhr

...sind schlimmer denn je.Kein Diclo von Ratio,für Wochen fehlt somit wieder mal der Vertragspartner der AOK jedenfalls Hessen.Interessieren tut es in Berlin in der Tat niemanden,nur die außerberuflichen Quellen fragen nach.Einfach nur noch peinlich.Und somit stellt sich immer wieder die Frage.Wozu dann ständig neue Leute auf irgendwelchen Posten installieren,wenn die Basis bereits Risse aufweist???ich merke wie gerade unser Nachwuchs "erstaunt"zur Kenntnis nimmt,dass das ABDA Haus weit weg ist von der Basis.Leider in einigen Punkten weiter denn je.

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Welcher französische Politiker…

von Gunnar Müller, Detmold am 18.06.2017 um 10:47 Uhr

... würde auf die Idee kommen, die Belieferung von inländischen Rezepten durch ausländische Versand-Apotheken zuzulassen,
und diesen ausländischen Versand-Apotheken obendrein erlauben, dass sie sich nicht an die inländischen Verordnungen zu halten haben....?!!

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

e-rezept

von frank ebert am 18.06.2017 um 9:34 Uhr

Warum soll das Rezept eigentlich nicht in meine Apotheke übermittelt werden ?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: e-rezept

von Christian Timme am 18.06.2017 um 9:56 Uhr

Sorry, weil es kein Versand-Rezept ist.

Papier und Blechkasten

von Ulrich Ströh am 18.06.2017 um 8:49 Uhr

Moin ,Moin Herr Ditzel,
Ihr Wunsch :
Lang lebe das Papierrezept in Verbindung mit dem Rezeptsammelblechkasten ist kein Überlebensrezept für"die kleine inhabergeführte Apotheke"!

Welche Antwort haben wir auf diese bevorstehendenVeränderungen?

Ein weiter so reicht nicht !

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Papier und Blechkasten

von Peter Ditzel am 18.06.2017 um 14:06 Uhr

Lieber Herr Ströh, ein weiter so reicht nicht, vollkommen richtig. Wir sollten gemeinsam überlegen, wie es weitergehen könnte. Und da ist höchste Eisenbahn. Das Papierrezept wird uns nicht in die Zukunft tragen. Aber wie erhalten wir flächendeckende Versorgung, Rx-Preisbindung und Rx-Versandverbot? Die ausländischen Versender stecken schon ihre Reviere ab - aufgrund eines Wettbewerbs, den wir so nicht mitmachen dürfen und nicht können.

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