Krankenhauspharmazie 4.0 

„Die Klinik als Treiber für den Medikationsplan“

Würzburg - 16.05.2017, 09:25 Uhr

Rudolf Bernard, Präsident des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, sieht die Probleme bei der Digitalisierung auch als Chance für die Apotheker. (Foto: ADKA / Peter Pulkowski)

Rudolf Bernard, Präsident des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, sieht die Probleme bei der Digitalisierung auch als Chance für die Apotheker. (Foto: ADKA / Peter Pulkowski)


Die Digitalisierung in Deutschlands Gesundheitswesen geht schleppend voran, auch in den Kliniken. Nach Ansicht des Präsidenten des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, Rudolf Bernard, ist das aber nicht nur ein Problem, sondern auch eine große Chance, für ihn und seine Kollegen die Zukunft aktiv mitzugestalten.  

„Krankenhauspharmazie 4.0“ – klingt etwas plakativ, aber auch modern und zukunftsweisend. Wie sehen die bundesweit in den Kliniken aktiven Apotheker die Zukunft der Krankenhauspharmazie? Langweilig wird es ihnen künftig zumindest auf keinen Fall, denn Herausforderungen gibt es offensichtlich zu Genüge: Digitalisierung, ATMP und weiterbasteln an der Multiprofessionalität bei Ärzten und Apothekern. Das zeigte der 42. Kongress des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) 2017, der vergangenes Wochenende in Würzburg stattfand. Doch hinter all den Problemen steckt auch Potenzial für die Krankenhausapotheker – beim Medikationsplan und Entlassmanagement. Das findet zumindest der amtierende ADKA-Präsident, Rudolf Bernard.

„Digitales E-Health-Gesetz in fördert Papier“

Hatte das im Dezember 2015 verabschiedete E-Health-Gesetz das fortschrittliche Ziel, eine sichere digitale Kommunikation im Gesundheitswesen voranzubringen, so entpuppte sich der Weg dorthin zunehmend als recht „holpriger Prozess“, erklärte er. Von Zielgeraden könne noch längst keine Rede sein, weder im ambulanten Gesundheitsbereich noch in den Kliniken. Der Stand der Digitalisierung – vergleicht man bundesweit die Krankenhausapotheken – sei darüber hinaus mitnichten einheitlich. Vielerorts kämpften Kliniken stattdessen mit digitalen Teilprozessen und den sich daraus ergebenden Medienbrüchen. Das sei unschön, doch vor allem berge es Gefahren. Vor diesen warnt der ADKA-Chef. Müssen Daten innerhalb eines Versorgungs- oder Informationsprozesses manuell eingegeben werden, koste dies nicht nur Zeit, derartige Medienbrüche gingen auch zulasten von Sicherheit und Effizienz, kritisiert Bernard. Bei den täglichen Prozessen der im Krankenhaus zu bewerkstelligenden Arzneimittelversorgung seien derartige Medienbrüche derzeit allerdings alles andere als eliminiert.

Mehr noch: Diese von Bernard kritisch eingestuften Medienbrüche sind seiner Meinung nach teilweise sogar hausgemacht und bewusst geschaffen, und zwar seitens der Politik. Zum Beispiel beim bundesweit einheitlichen Medikationsplan. Nahezu grotesk sei, dass gerade der in einem Gesetz für mehr Digitalität im Gesundheitswesen verankerte Medikationsplan bislang lediglich in Papierformat kursiere. Und das wohl auch noch eine geraume Zeit tun werde. 

Klinikapotheker sollen auf den digitalen Zug aufspringen

Offensichtlich hinke das Projekt der elektronischen Rundumversorgung – um es pharmazeutisch zu beschreiben, scheint „retardiert“ ein einigermaßen treffender Begriff. Das zeigt nach Ansicht von Bernard nicht nur der Medikationsplan. Auch von einer flächendeckenden elektronischen Patientenakte träumten viele Kliniken bislang noch. „IT und Digitalisierung sind eine gute Sache“, findet Bernard. Und dass diese bislang erst auf halbem Weg und noch nicht konsequent angekommen sei – darin sieht der ADKA-Präsident nicht nur ein Problem, sondern durchaus auch Chancen: Ergebe sich doch daraus die Möglichkeit, die zweite Hälfte sinnvoll zu gestalten. 

Der digitale Zug müsse Fahrt in Richtung Zukunft aufnehmen, betonte Bernard. Und Klinikapotheker müssten auf diesen Zug aufspringen und den Prozess hin zur sicheren Digitalisierung engagiert mitgestalten. Gerade – und das erstaunt viele Klinikapotheker vielleicht – das seit Oktober 2016 bundesweit eingeführte halbdigitale Konstrukt des Medikationsplans und das kommende Entlassmanagement erachtet Bernard als Chance für die Klinische Pharmazie, wo wir zu Problemlösungen im Krankenhaus beitragen können. Sie könnten Ausgangsbasis sein, um Krankenhausapotheker in den klinischen Prozess einzubinden, sagte Bernard. 

Entlassmanagement soll Medikationsplan verbreiten

Denn auch mit der derzeitigen Version des Planes ließe sich arbeiten, so Bernard. Zwar sei der Medikationsplan bei Patienten mit stationärer Aufnahme dieser Tage noch ein recht seltenes Ereignis. Doch durch die Möglichkeit, den Plan bei Aufnahme über einen Barcode einzulesen, lägen Patientendaten günstigerweise bereits elektronisch vor. Überführe man diese folglich in eine elektronische Verordnung und übertrage diese Daten dann an die Apotheke, könnten die Krankenhausapotheker den Patienten direkt auf die gelistete Hausmedikation der Klinik umstellen. „Sie bekommen so die Chance, die Medikation jedes einzelnen Patienten zu checken. Der logische konsekutive Schritt: Ein sinnvolles Medikationsmanagement zu realisieren, gemeinsam mit dem Arzt die Arzneimitteltherapie zu optimieren – „hier ist das Fachwissen des klinischen Apothekers sinnvoll eingesetzt“, erklärte Bernard.

„Wer hat diese Woche schon einen Patienten mit Medikationsplan gesehen?“, fragte der ADKA-Chef. Die recht übersichtlichen Rückmeldungen machen klar: Selbst in Papierform ist der Medikationsplan im deutschen Gesundheitssystem noch nicht zuverlässig etabliert. Das werde sich ändern, wenn im Zuge des Entlassmanagements Millionen Patienten mit Medikationsplänen das Krankenhaus verließen. Davon ist Bernard überzeugt: „Das Krankenhaus wird zum Treiber des Medikationsplans in Deutschland, zum Treiber bei dessen Verbreitung“.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Nicht verstanden

von Dr Schweikert-Wehner am 16.05.2017 um 11:00 Uhr

Da hat der Herr Bernhard das Prinzip des Medikationsplans nicht verstanden. Er ist zwar auf Papier gedruckt, aber mit dem QR-Code digital lesbar, änderbar und leicht zu transferieren. Die Papierform als Kommunikationsmittel zwischen den EDV-Systemen hat zudem den Vorteil, dass er überall, jederzeit und von jedem lesbar ist. Gerade in Gefahrensituationen unverzichtbar.

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