Kritik vom AOK-Institut

Fluorchinolone zu oft bei Bagatellerkrankungen

Stuttgart - 04.05.2017, 12:30 Uhr

Ciprofloxacin ist das Fluorchinolon, das am häufigsten über die HV-Tische deutscher Apotheken geht. (Foto: picture-alliance / Sven Simon)

Ciprofloxacin ist das Fluorchinolon, das am häufigsten über die HV-Tische deutscher Apotheken geht. (Foto: picture-alliance / Sven Simon)


Einschränkungen sind in der Praxis nicht angekommen

In der Praxis scheint das allerdings nicht angekommen zu sein. Aller Empfehlungen zum Trotz  werden diese Antibiotika immer noch zu häufig bei Bagatellerkrankungen wie unkomplizierten Harnwegsinfekten oder Bronchitis und Sinusitis ambulant verordnet. Das geht aus einer Veröffentlichung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervor. Mit knapp 5,9 Millionen verordneten Arzneimittelpackungen stellen Fluorchinolone die viertgrößte Gruppe der Antibiotika dar, die von niedergelassenen Ärzten verordnet wurden. Damit entfielen laut WIdO 16,4 Prozent der insgesamt rund 38 Millionen Antibiotikaverordnungen auf diese unter Beobachtung stehende Wirkstoffgruppe.

Nach einer Hochrechnung des WIdO auf der Grundlage der AOK-Versicherten haben 2015 mehr als vier Millionen GKV-Versicherte und damit sechs Prozent der mehr als 70 Millionen GKV-Versicherten diese Antibiotika erhalten. Führend bei diesen Wirkstoffen ist Ciprofloxacin mit fast 63 Prozent der Verordnungen. Mehr als zwei Drittel (70 Prozent) dieser Verordnungen werden von Hausärzten vorgenommen. Daraus und aus dem Ausmaß der Verordnungen bei den niedergelassenen Ärzten schließt das WIDO darauf, dass Fluorchinolone nicht ausschließlich bei schwerwiegenden und lebensbedrohlichen Erkrankungen zum Einsatz kommen.

Sie sollten als Reserve zurückgehalten werden

Dabei wäre es auch vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Resistenzentwicklung sinnvoller, die Fluorchinolone als Reservesubstanzen zurückhaltend einzusetzen, heißt es weiter. Bei vielen Indikationen solle den „älteren“ und langjährig erprobten, aber dennoch gut wirksamen Substanzen der Vorzug gegeben werden. Hier sieht das WIdO Aufklärungsbedarf sowohl in Richtung Patienten als auch der Ärzteschaft. Patienten sollten über die Gefahren und Alternativen von Antibiotika, die auf „floxacin“ enden, vor deren Einnahme aufgeklärt werden. So ist beispielsweise  bei unkomplizierten Harnsweginfekten Fosfomycin-Trometamol eine Alternative. Bei ambulant erworbenen Atemwegsinfekten wie Rhinosinutis oder Pneumonie ist in den meisten Fällen Amoxicillin das Mittel der Wahl. 



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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