Kritik vom AOK-Institut

Fluorchinolone zu oft bei Bagatellerkrankungen

Stuttgart - 04.05.2017, 12:30 Uhr

Ciprofloxacin ist das Fluorchinolon, das am häufigsten über die HV-Tische deutscher Apotheken geht. (Foto: picture-alliance / Sven Simon)

Ciprofloxacin ist das Fluorchinolon, das am häufigsten über die HV-Tische deutscher Apotheken geht. (Foto: picture-alliance / Sven Simon)


In Deutschland stellen Fluorchinolone nach Betalaktamen, Makroliden und Tetracyclinen die viertstärkste Verordnungsgruppe innerhalb der Antibiotika dar. Allerdings scheinen sie allzu oft bei Bagatallerkrankungen, wie ambulant erworbene unkomplizierte Harnwegsinfekten, Bronchitis oder Sinusitis, verordnet zu werden, kritisiert das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). In diesen Indikationen ist das Nutzen-Risikoverhältnis nämlich umstritten. 

Aortenaneurismen, Sehnenrupturen und anderes – eine ganze Reihe von Nebenwirkungen wurden in den letzten Jahren in Zusammenhang mit Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone genannt. Bei der europäischen Arzneimittelbehörde läuft derzeit ein Verfahren, um das Nutzen-Risikoverhältnis bei bestimmten Indikationen neu zu bewerten. Bereits in der Vergangenheit war die Sicherheit entsprechender Präparate auf europäischer Ebene ein Thema: Die Norfloxacin 2008, Ciprofloxacin 2008, Moxifloxacin 2008 sowie Levofloxacin 2012 wurde bewertet und daraus resultierend dieIndikationen eingeschränkt.

Wirkstoffe Verordnungen in Tausend Packungen  Nettokosten in € je Tagesdosis
Ciprofloxacin (z.B. Cipro BASICS®) 3.747,6 2,51
Levofloxacin (z.B. Levofloxacin Heumann®) 1.202,8 1,94
Moxifloxacin (z.B. Avalox®) 467,9 4,71
Ofloxacin (z.B. Oflox BASICS®) 267,4 2,62
Norfloxacin (z.B. NorfloHEXAL®) 230,9 2,34
Enoxacin (z.B. Enoxacin®) 27,1 4,62
Alle Fluorchinolone (J01MA) 5.943,8 2,59
Alle systemisch wirkenden Antibiotika (J01)
ohne Fluorchinolone (J01MA)
32.065,0 1,60
Alle systemisch wirkenden Antibiotika (J01) 38.008,8 1,70
Quelle:  http://arzneimittel.wido.de/PharMaAnalyst   © WIdO 2017

Deswegen und auch wegen zunehmender Resistenzen wurde die Anwendung zuletzt eingeschränkt. So sind sie beispielsweise bei unkomplizierten Harnwegsinfekten nicht das Mittel der Wahl. In den USA gibt es sogar die Empfehlung, Fluorchinolone nur dann einzusetzen, wenn es keine andere Möglichkeit gibt. Denn nur dann überwiegt der Nutzen das Risiko.

Das findet auch Helmut Schröder, der stellvertretende Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Seiner Meinung nach sollten angesichts der möglichen schwerwiegenden und lang andauernden Nebenwirkungen wie Sehnenrissen, psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen diese Reserveantibiotika nur nach gründlicher Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt eingesetzt werden. 



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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