Lieferengpass Remifentanil

Ultiva-Hersteller GSK korrigiert FAZ

Stuttgart - 27.04.2017, 14:45 Uhr

„Es gibt Alternativen“, sagt GSK zum Ultiva-Engpass. (Foto: dpa)

„Es gibt Alternativen“, sagt GSK zum Ultiva-Engpass. (Foto: dpa)


Dank FAZ und BILD beschäftigt der Lieferengpass mit Remifentanil derzeit deutschlandweit die Gemüter. So liest man in der FAZ, das Opioidanästhetikum verschwinde vielleicht in lukrativere Märkte und GlaxoSmithKline beliefere nur mehr zwei Kliniken mit Ultiva. „Diese Aussage ist nicht richtig. Fakt ist ... “, korrigiert nun GSK die FAZ. 

Dass Kliniken und ambulante OP-Zentren derzeit Schwierigkeiten haben, ausreichend Remifentanil zu bekommen, macht derzeit bundesweit die Runde. Nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), hat auch die Bild-Zeitung das Thema aufgegriffen: „Engpässe bei Narkosemittel: Muss jetzt meine OP verschoben werden?“ titelt die Boulevardzeitung am heutigen Donnerstag. Vor allem die FAZ ging mit den pharmazeutischen Herstellern hart ins Gericht.

Über mögliche Ursachen, die zum Versorgungsengpass mit Remifentanil seitens des Originators GlaxoSmithKline (GSK) beigetragen haben könnten, schrieb die FAZ, es sei zu hören, „GSK habe das Chaos durch eine unternehmerische Entscheidung ausgelöst. GlaxoSmithKline (...) habe den Vertrieb an die südafrikanische Aspen Pharma verkauft. Aspen leite die Mittel womöglich in Märkte um, in denen höhere Margen zu verdienen seien“.

Außerdem berichtete die FAZ, „das Unternehmen sichere derzeit nur die Belieferung von zwei Großkliniken zu, mit denen Direktverträge bestünden, sowie die der Bundeswehr, wozu es eine Verpflichtung gebe. Alle anderen Mediziner müssten sich gedulden.“

Was ist nach Ansicht von GSK falsch in der FAZ?

Schwere Anschuldigungen, die GSK so nicht kommentarlos hinnehmen wollte. Das Unternehmen hat Stellung bezogen – und die Aussagen in der FAZ korrigiert.

In der Tat gesteht GSK die Lieferschwierigkeiten mit ihrem Remifentanil-Originalpräparat Ultiva® ein. Allerdings widerspricht das Unternehmen der Aussage, zurzeit lediglich zwei große Kliniken zu beliefern: „Diese Aussage ist definitiv falsch“, betont GSK, „es sind wesentlich mehr als zwei“. Über die exakte Versorgunssituation schweigt sich der Hersteller allerdings aus.

Auch relativiert GSK die FAZ-These, Ultiva®-Bestände würden im Rahmen des neuen Vertriebs durch Aspen in andere Märkte – möglicherweise lukrativere – verschwinden. Es sei korrekt, dass das Anästhesie-Geschäft an Aspen verkauft ist, „die Übertragung liegt allerdings in der Zukunft“, korrigiert GSK. Somit vertreibe zum aktuellen Zeitpunkt immer noch GSK Ultiva® in „Eigenregie“.

GSK: Hohe Ultiva-Nachfrage verursacht Engpass

GSK gibt auch seine Sicht für die Gründe des Engpasses wider: Die hohe Nachfrage nach Ultiva® und die nur begrenzte Produktionskapazität sei ursächlich für eine nicht lückenlose und vollumfängliche Versorgung mit dem Opioidanästhetikum. Allerdings, so GSK, gebe es neben dem Original Ultiva® auch generische Anbieter für Remifentanil. Diese ergänzen den Remifentanilmarkt seit Ablauf des Patents im Jahre 2011. Zwar wisse man nicht um deren Lieferstatus, jedoch gebe es definitv Alternativen im Markt – mit identischem Wirkstoff oder in Form anderer bewährter Wirkstoffe, die anstelle von Ultiva® eingesetzt werden könnten. Hier verweist der pharmazeutische Unternehmer auf die Kompetenz der Anästhesisten: „Der kann sicher am besten entscheiden, auf welche Alternative er in welchem Fall zurückgreift“.

Alles kein Problem?

Auch wenn die Aussagen des Unternehmens zu Alternativen – sei es in Form generischer Anbieter oder anderer Wirkstoffe wie beispielsweise Sufentanil – möglich sind, zeigt die Praxis in Kliniken dennoch, dass derartige Substitutionen nicht reibungslos und ohne Aufwand verlaufen. Alternative Bezugswege wollen gefunden sein, entsprechende Kontingentierungen für die anfordernden Stationen anhand deren Verbräuche berechnet und klinikintern kommuniziert.

Zumal – das verdeutlicht einerseits die BfArM-Liste zu Lieferengpässen bei Arzneimitteln andererseits die Recherche von DAZ.online – sind derzeit generische Remifentanil-Hersteller wie B. Braun, Fresenius, Hameln, Hexal und Teva nicht in der Lage, die Remifentanil-Lücken vollständig abzufangen. Das ist nicht sonderlich verwunderlich: Ihr Marktanteil bei der Remifentanilversorgung beträgt lediglich 20 Prozent – und darauf hin ist auch deren Produktionskapazität ausgerichtet.

Ärztepräsident fordert Reserve und internationale Produktionsüberwachung bei Arzneimitteln

Frank Ulrich Montgomery sieht in den Arzneimittel-Lieferengpässen ein generelles Problem. Der Präsident der Bundesärztekammer fordert unter anderem „für wichtige Arzneimittel in Deutschland eine Medikamentenreserve“. Es könne nicht sein, dass ein industrialisiertes Land wie die Bundesrepublik die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht sicherstellen könne, erklärte der Ärztepräsident.

Außerdem pocht Montgomery darauf, für eine bessere internationale Überwachung der Arzneimittelproduktion zu sorgen. „Wir müssen wissen, welche Medikamente wo und wie produziert werden“. Hier sieht er die Bundesregierung in der Verantwortung, ein „internationales Kataster für Arzneimittel“ aufzubauen.  



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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