Interview Fritz Becker (DAV)

„Ich hatte wegen der Rabattverträge die Polizei in der Apotheke“

Berlin - 05.04.2017, 07:00 Uhr

Rückblick: DAV-Chef Fritz Becker berichtet im Interview, welche Probleme er und der DAV nach der Einführung der Rabattverträge für die Apotheker beseitigen konnten. (Foto: Sket)

Rückblick: DAV-Chef Fritz Becker berichtet im Interview, welche Probleme er und der DAV nach der Einführung der Rabattverträge für die Apotheker beseitigen konnten. (Foto: Sket)


Seit zehn Jahren müssen die Apotheker mittlerweile die Rabattverträge der Krankenkassen umsetzen. Dabei gibt es immer wieder Ärger: Nicht-Lieferfähigkeit, Retaxierungen, unzufriedene Patienten. Im Interview mit DAZ.online berichtet Fritz Becker, was er und der Deutsche Apothekerverband am System schon verbessern konnten und wo es noch hakt.

Fritz Becker ist seit 2009 Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV). Die Einführung der Austauschpflicht im Jahr 2007 hat Becker allerdings schon hautnah miterlebt: Denn schon seit 1998 ist er Präsident des baden-württembergischen Landesapothekerverbandes. Und nach 2001 gehörte er auch dem DAV-Vorstand an. Was hat der DAV also unternommen, um die Fehlentwicklungen der ersten Monate und Jahre in den Griff zu bekommen? Und welche Baustellen gibt es noch im System? DAZ.online hat nachgefragt…

DAZ.online: Lieber Herr Becker, sicherlich erinnern Sie sich gut an die ersten Apriltage im Jahr 2007. Welche Zustände herrschten damals in Deutschlands Apotheken?

Becker: Da gab es schon viele Probleme. Die Austauschpflicht hat die Arbeit des Apothekers komplett geändert. Jetzt musste der Apotheker jedes Rezept erst einmal in den Computer eingeben, um zu sehen, welches Medikament er abgeben muss. Ich kann mich noch erinnern, wie ich anfangs mit dem Rezept in der Hand ins Generalalphabet rannte, bis ich mich irgendwann daran gewöhnte, dass ich erst an den Computer muss. Auch die Lagerhaltung wurde umgestellt, auch die Software änderte sich. Vieles stockte, es war ein ganz neues Arbeiten.

DAZ.online: Welche Probleme gab es?

Becker: Anfangs schrieben die Kassen jährlich aus. Wenn wir ein Rabattarzneimittel über den Großhandel nicht bekamen, sagte uns die Kasse, dass wir es in einem anderen Bundesland probieren sollten. Außerdem gab es keinerlei Ausnahmen von der Austauschpflicht. Auch in meiner Apotheke spielten sich teilweise verrückte Szenen ab.

DAZ.online: Erzählen Sie uns doch mal eine kleine Anekdote…

Becker: Eines Tages hatte ich die Polizei in der Apotheke wegen der Rabattverträge! Mich besuchte ein Patient, ich musste sein Metoprolol aufgrund eines Rabattvertrages umstellen. Der Mann hatte keinerlei Verständnis dafür, verließ die Apotheke und kam später mit zwei Polizisten wieder. Ich musste dann erst einmal Aufklärungsarbeit leisten. Aber er ließ sich nicht beruhigen, zerrte mich hinter den HV-Tisch und zeigte den Polizisten, in welcher Schublade sich sein altes Medikament befand. Ich habe das alles dokumentiert – und später der Krankenkasse davon erzählt. Zum Glück konnten wir mit den Kassen viele Probleme schnell aus dem Weg räumen.

DAZ.online: Was waren denn die ersten Verhandlungsergebnisse?

Becker: Nach langen Diskussionen konnten wir die pharmazeutischen Bedenken als neue Sonder-PZN durchsetzen. Anfangs schrieben die Kassen noch alles exklusiv aus, weswegen es immer wieder zu Engpässen kam. Auch das änderten die Kassen aber schnell. Auch die Laufzeiten verlängerten sich auf zwei Jahre, so dass die Patienten und wir besser planen konnten. Das wirkte sich auch positiv auf die Compliance der Patienten aus.

Becker: Rabattverträge haben auch Vorteile

DAZ.online: Wie veränderte sich denn der Generika-Markt aus Ihrer Sicht?

Becker: Da waren schon enorme Veränderungen in kürzester Zeit zu beobachten. Schon nach der ersten Ausschreibung war klar, dass sich der Markt konzentrierte auf ein paar wenige Hersteller. Die Hersteller gaben den Preisdruck an ihre Wirkstofflieferanten weiter. Vor den Rabattverträgen hatten die Hersteller bis zu fünf verschiedene Lieferanten zur Auswahl, heute sind es oft nur noch zwei.

DAZ.online: Wie nahmen denn die Kunden die Rabattverträge an?

Becker: Auch das war extrem schwierig. Es gab sehr oft große Diskussionen. Die Kunden wussten nicht, was Rabattverträge sind. Es gab einen enormen Erklärungsbedarf. Das hat sich aber deutlich geändert: Die Verträge sind anscheinend in der Gesellschaft angekommen. Die Kunden vertrauen uns wieder. Sie wissen, dass es im Grunde das gleiche Medikament ist, obwohl die Farbe der Pille wechselt. Diese Gespräche hatten aber auch ihre Vorteile.

DAZ.online: Welche denn?

Becker: Man kam mit den Patienten ins Gespräch. Plötzlich merkten wir, was die Patienten teilweise alles gleichzeitig einnahmen. Durch diese intensiven Gespräche konnten wir meiner Meinung nach viel mehr Wechselwirkungen aufdecken.

DAZ.online: 2009 wurden Sie Chef des Deutschen Apothekerverbandes. Etwa zwei Jahre später wurde eine Änderung an den Rabattverträgen eingeführt: die Mehrkostenregelung. Jeder Kunde kann dabei das Medikament seiner Wahl bekommen, wenn er den vollen Preis in der Apotheke bezahlt und das Rezept bei der Kasse abrechnet. Warum wird die von den Kunden nicht angenommen?

Becker: Das hatte sich schnell wieder erledigt. Die Patienten mussten ja feststellen, dass die Kassen nur die Netto-Ausgaben erstatten. Wenn das Medikament für die Versicherten also 20 Euro kostet, erhalten sie oft nur 8 oder 9 Euro von der Kasse zurück. Alle Abschläge fallen ja weg.

Becker: Substitutionsausschlussliste muss offen sein

DAZ.online: Als nächste große Änderung folgte die Substitutionsausschlussliste. Warum gab es da so einen Krach mit den Kassen, der sich nur mithilfe des Gesetzgebers klären ließ?

Becker: Die Kassen wollten die Liste eng und verschlossen halten. Uns war es aber wichtig, dass man sie stetig weiterentwickeln kann. Aber das waren schon sehr kleinteilige Diskussionen, die aber für den einzelnen Patienten enorme Auswirkungen haben. Ich erinnere mich an einen Streit mit dem GKV-Spitzenverband, der sich um den Austausch von Fentanyl-Pflastern drehte. Die Kassen wollten einfach nicht einsehen, dass die Pflaster unterschiedlich schnell wirken.

DAZ.online: Jetzt legt der G-BA die Austausch-Verbote fest. Sind Sie zufrieden damit?

Becker: Die wichtigsten Wirkstoffe sind dabei, obwohl wir uns die Liste schon breiter vorgestellt haben. Wichtig ist nur, dass sie fortlaufend überprüft und weiterentwickelt wird. Problematisch wird es allerdings, wenn der Arzt auf die Idee kommt, trotz des Austausch-Verbotes einen anderen Hersteller zu verordnen. Das passiert ab und zu. Dann dürfen wir das Medikament nicht abgeben. Die beste Lösung wäre es daher, dass wir auch für die Medikamente auf der Liste die Sonder-PZN für pharmazeutische Bedenken setzen dürften.

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DAZ.online: Die Entwicklung der Rabattverträge zeigt: Sie sind ein lernendes System. Welche Baustellen sind aus Ihrer Sicht noch offen?

Becker: Zunächst natürlich die Mehrfachvergabe. Es ist schade, dass sich der Gesetzgeber nicht dazu durchringen konnte, das zu beschließen. Aber ich würde mir auch von den Apothekern wünschen, dass sie häufiger auf die pharmazeutischen Bedenken zurückgreifen. Sie sollen mit ihren Patienten sprechen, um wichtige Gründe für die Sonder-PZN herauszufinden. Ganz oft bestehen Compliance-Probleme, die auf der Teilbarkeit von Tabletten beruhen. Nicht jeder Patient kann Tabletten ohne Weiteres teilen. Ich will die Apotheker außerdem auf die Möglichkeit der Akutversorgung hinweisen: Wenn ein Patient Samstagnacht mit Rezept zu mir kommt und ein Schmerzmittel braucht, dann ist das für mich Akutversorgung, bei der ich das Rabattarzneimittel austauschen darf.

DAZ.online: Die Kassen jedenfalls scheinen ihre Ausschreibungen zu lieben: Nach dem Generika-Markt schrieb die AOK Impfstoffe aus, es folgten Zytostatika. Macht das Verlangen nach Einsparungen vor keinem Versorgungsbereich Halt?

Becker: Am Anfang waren die Einsparungen der Kassen ja noch recht zaghaft. Im vergangenen Jahr beliefen sie sich schon auf 3,9 Milliarden Euro! Für die Kassen sind die Rabattverträge doch eine einzige Erfolgsgeschichte. Es ist doch klar, dass sie die auch auf andere Gebiete übertragen wollen. So wollen sie das Prinzip auch im Hilfsmittel-Bereich ausweiten.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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2 Kommentare

Verdrängung

von Reinhard Rodiger am 05.04.2017 um 12:36 Uhr

Ich kann mich gut daran erinnern,dass die kasseninduzierte Mehrarbeit von einer Erhöhung des Zwangsrabatts ausgeschmückt wurde.Nie wurde eine Bezahlung ernsthaft zur Diskussion gebracht.Allein das zeigt, dass etwas aus dem Gleichgewicht geriet.Jetzt so zu tun,als ob alle Schwierigkeiten ganz easy gelöst wurden und es ein wunderbares Arbeiten ist, grenzt an Verdrängung der realen Erlebnisse.Sanft ausgedrückt.
Für die Kassen eine Erfolgsstory,für die wirtschaftliche Vertretung der Apotheker ein Desaster.Da jetzt alles glatt läuft und alles so schön ist,ist ja nichts mehr erreichbar.
Dabei sind die Auswirkungen der Kassenpolitik immer schärfer.Die Engpässe bei Lieferung,Konzentration der Produktion und Monopolisierung der Wirkstoffherstellung
sind sogar in das Bewusstsein von Prof.Glaeske vorgedrungen.Er ist ausgewiesener Kassenfreund.Hierzu nichts zu sagen ist Missachtung derer, die täglich damit umgehen müssen.
Mir fehlt völlig die Herausarbeitung der Leistung, die hinter der Bewältigung der Erklärungsarbeit und dem zeitfressenden Kontrollen stehen.Das ist der eigentliche Erfolg.
Es wird der Eindruck völliger Leichtigkeit mit skurrilen Tönen vermittelt. Das ist wiederum Verkennung der Notwendigkeit.

Wenn der Aufwand zu kasseninduzierter und unbezahlter Mehrarbeit so heruntergespielt wird,dann ist nicht verwunderlich, dass niemand gewillt ist, das ernst zu nehmen.

Insgesamt ist dieses Fazit eine Dokumentation von mangelnder Achtung und Verkennung der eigentlichen Aufgaben.

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Becker und die "Rabattverträge"

von Heiko Barz am 05.04.2017 um 11:54 Uhr

So wie ich informiert bin, Kollege Becker, haben Sie mit am Verhandlungstisch gesessen, als die sogenannten "Rabattverträge" mit der GKV abgeschlossen wurden.
Ich habe schon an anderer Stelle bemerkt, dass das Wort " Rabattvertrag" äußerst irreführend ist. Es induziert beim Gespräch mit dem Patienten, dass der Apotheker seine Hand des Nehmens mit im Spiel haben muß.
Meinung der Patienten, Neudeutsch:
Na ja, is klar, ne! ( dass ihr Apotheker sowas auch noch umsonst macht, glaubt doch kein Mensch !)
Sie behaupten, dass Ihre Patienten in Ihrer Apotheke mittlerweile genügend informiert sind, und diesen für mich immer noch maßlos latenten "Rabatt" Zustand als normal empfinden. Das sehen Sie wohl durch eine zu rosa gefärbte Brille.
Die Pharmazie bewegt mein Leben nun schon seit über 50 Jahren und ich muß sagen, dass das letzte Jahrzehnt als einziges Katastrophenszenario anzusehen ist.
Auch wenn wir den Patienten mit 'Engelszungen' die Geizpolitik der GKVen zu erklären versuchen, so werden wir weiterhin als Preistreiber beschimpft. Das Gleiche gilt nach wie vor für die sonderbaren Zuzahlungskriterien der Kassenrezepte.
Beide Beispiele zeigen, dass die KKassen sich wenig bemüht haben, ihren Beitragszahlern diese Pflichtsysteme so zu erklären, dass sie nachhaltig Wirkung zeigen.
In den Verhandlungen zu diesen Verträgen hätte man verlangen müssen, dass sich die KKassen mit Nachdruck zur Aufklärung ihrer Mitglieder verpflichtet hätten.
Mit diesem destruktiven Mangel schlagen wir uns nun schon seit 2004 herum, ohne einen positiven Trend zu erfahren.
Neuerdings wird ja auch klar, dass das Versprechen der KKassen, die Rezeptgebühr auf Grund der guten Ertragslage weiter zurückzuführen, ins Gegenteil umschlagen ist. Es gibt dagegen immer weniger befreite AM und der Trend ist sichtbar, dass in Kürze eine Befreiung ganz wegfällt.
Standartbefreite natürlich ausgenommen.
Welche unglaublichen Summen wir Apotheker uneigennützig den KKassen in sklavenhaltiger Abhängigkeit in deren Bilanzen drücken ist arbeitsmoralisch kaum noch vertretbar.
MfrG
Heiko Barz

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