May/Bauer/Dettling-Gutachten

„Die Preisbindung ist nur mit dem Rx-Versandverbot zu erhalten“

Berlin - 28.03.2017, 17:45 Uhr

Derzeit sind die Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel in jeder deutschen Apotheke gleich. Niederländische Versandapotheken dürfen billiger sein. Wie soll man hierauf am besten reagieren? (Foto: pikselstock / Fotolia)

Derzeit sind die Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel in jeder deutschen Apotheke gleich. Niederländische Versandapotheken dürfen billiger sein. Wie soll man hierauf am besten reagieren? (Foto: pikselstock / Fotolia)


Schon moderate Marktanteile der Versender können Landapotheken gefährden

DAZ.online: Was ist aus ökonomischer Sicht für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis aus Ihrer Untersuchung?

Uwe May: Eine Feststellung, die uns sehr wichtig erscheint, ist, dass hier offenbar der seltene Fall vorliegt, dass die bessere Lösung für die Patienten, nämlich die Arzneimittelversorgung durch Vor-Ort-Apotheken, gleichzeitig unter dem Strich auch die kostengünstigere Lösung für das Gesundheitssystem ist. Der typische Zielkonflikt zwischen Ökonomie und Versorgungsqualität ist hier nicht gegeben.

DAZ.online: Wie kann das sein? Für viele Beobachter scheint es offensichtlich, dass der Versandhandel vielleicht nicht besser, aber zumindest doch kostengünstiger ist als die Versorgung durch Vor-Ort-Apotheken, oder?

May: Die Verteilung von Arzneimitteln über den Versandhandel mag billiger sein, aber nicht kostengünstiger im Sinne eines Preis-Leistungs-Verhältnisses. Eine gesundheitsökonomische Betrachtung verlangt nach der Erfassung aller Kostenarten und aller Nutzenaspekte. Auf der Nutzenseite sind Versandhandel und Vor-Ort-Apotheke nicht vergleichbar, so dass jeder Kostenvergleich von vorneherein hinkt. Auf der Kostenseite gibt es zwar Vorteile des Versandhandels, die durch Nachteile in der Versorgung, die ihrerseits zu Folgekosten führen, wieder aufgezehrt werden.

DAZ.online: Es gibt ja auch Vorschläge, die im Kern darauf abzielen, die Preisbindung, aber auch den Versandhandel zu erhalten, zum Beispiel das Modell begrenzter Boni. Was halten Sie davon?

May: Grundsätzlich würde dies zu einer Doppelstruktur führen, in der neben den Versandapotheken auch die Vor-Ort-Apotheken wirtschaftlich existenzfähig sein müssten. Um Letzteres zu erreichen, wären Verluste an den Versandhandel durch Honorarerhöhungen oder eine direkte Subventionierung auszugleichen. Dabei sind begrenzte Boni sicherlich vernünftiger als unbegrenzte Boni. Ein guter Kompromiss sind sie deshalb noch nicht. Auch begrenzte Boni führen dazu, dass finanzielle Erwägungen zu einem (unsachlichen) Kriterium für die Kaufentscheidung des Patienten zugunsten des Versandhandels werden. Deshalb werden die Vor-Ort-Apotheken im Wettbewerb gezwungen sein, Boni zu gewähren. Der wirtschaftliche Verlust durch die Boni-Gewährung oder, alternativ die Abwanderung von Kunden, wenn keine Boni gewährt werden, reichen aus, um insbesondere Landapotheken in ihrem Bestand zu gefährden.

DAZ.online: Ist es angemessen, gleich von einer Existenzbedrohung vieler Apotheken zu sprechen? Die Freunde des Versandhandels halten dies für maßlos übertrieben …

Bauer: Unsere Überlegungen und Berechnungen haben gezeigt, dass schon relativ moderate Marktanteile, die der Versandhandel gewinnen könnte, ausreichen, um insbesondere Apotheken auf dem Land in ihrer Existenz zu gefährden. Dies liegt an der spezifischen betriebswirtschaftlichen Situation von Apotheken, die es bedingt, dass Umsatzverluste im Rx-Geschäft eine überproportional große Hebelwirkung auf die Gewinnsituation und somit die Rentabilität der Apotheke haben.

DAZ.online: Wie sehen sie aus gesundheitsökonomischer Sicht die Bedeutung der aktuellen Diskussion und den Stellenwert der Vor-Ort-Apotheke für die Zukunft?

May: Perspektivisch ist es aus gesundheitsökonomischer Sicht angeraten, den niederschwelligen Versorgungszugang in den Apotheken noch breiter und intensiver zu nutzen, um den Effizienzgrad der Arzneimitteltherapie zu steigern und die Apotheken verstärkt zur Entlastung des ambulanten Versorgungssystems zu nutzen. Eine Gefährdung der flächendeckenden Apothekenversorgung durch den Versandhandel und die Aufhebung der Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel würde diesem zukunftsorientierten Bestreben zuwiderlaufen.



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4 Kommentare

Mein Gott war das ...

von Christian Timme am 28.03.2017 um 23:00 Uhr

Also Mittwoch der 29.03.17. Inszenierung statt Ergebnis. War so, ist so, bleibt so ... Wahlkampf heißt Stillstand. Also wieder nur wie Mittwochs. Da Mittwochs auch nix passiert, brauchen wir keine Mittwochs mehr. Mein Gott war das schwierig, aber ein Ergebnis ... Also, ohne P... hätten wir k... Probleme ... schon wieder ein Ergebnis ... Mein Gott ... war das einfach ...

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Effizienz und Kosteneffektivität

von T. La Roche am 28.03.2017 um 20:39 Uhr

Die Krankenkassen und manche Politiker sehen bei den Apotheken noch Einsparpotential!?
Die Krankenkassen haben etwas genau soviele Mitarbeiter wie alle Apotheken zusammen etwa 160-170.000.
Wie kommt es, dass die Apotheken 2,4% der GKV-Ausgaben kosten, die Krankenkassen etwa 5,3%?
Was machen die eigentlich mit dem vielen Geld?

Medikamente, die überhaupt genommen und richtig angewendet werden, sind die kostengünstigste Therapie. Apotheken stellen die einzige kostenlose, qualifizierte Anlaufstelle in unserem Gesundheitssystem. Jeder Arztbesuch, jede Krankenhauseinweisung kostet ein Vielfaches.
Wie das Gutachten andeutet, muss dieses Angebot ausgeweitet werden. Stattdessen möchten SPD, Grüne und FDP Schnäppchenjägern eine Plattform bieten. Ist das ein zukunftsweisender , moderner Ansatz in der Gesundheitspolitik?

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Faule Kompromisse sind also keine Lösung!

von T. La Roche am 28.03.2017 um 18:28 Uhr

Ich glaube es ist das erste Mal, dass wir tatsächlich um unsere Existenz kämpfen. Die letzten 13 Jahre haben viele Apotheken in eine schwierige Situation gebracht und nun folgt eine Umwälzung des Arzneimitteldistributionssektors, die für alle Beteiligten völlig unabschätzbar ist.
Es könnte sein, dass nur 1-2 Prozent in den Versandhandel abwandern. Sind es aber 3-4 Prozent, dann wird es für einige Apotheken, die ohnehin schon von der Selbstausbeutung des Inhabers leben, einfach nicht mehr machbar. Tatsächlich vermittelt die noch relativ geringe Schließungszahl der letzten Jahre einen falschen Eindruck über das völlig unterfinanzierte untere Viertel der Apotheken. Und diese sind an der Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung überproportional beteiligt.
Wer sich also auf Experimente einlässt, der riskiert die flächendeckende Versorgung. Die Aufgabe des Staates diese zu gewährleisten, verbietet eigentlich einen solchen Feldversuch und wir alle wissen, dass es so kommen wird, wie es auch dieses Gutachtung beschreibt.
Das wirklich ärgerliche ist, dass ein paar wenige in der Politik ohne breite Diskussion in der Bevölkerung aus welchen Gründen auch immer durch Blockieren und Abwarten einfach Fakten schaffen. Wenn es gute sachlich Argumente oder irgendwelche ausgereiften Alternativvorschläge gäbe, dann sind viele Apotheker gerne bereit, neue Herausforderungen in Angriff zu nehmen. Momentan sieht es einfach so aus, dass man im Sinne der "kreativen Zerstörung" den Apothekenmarkt aufhebeln will und einfach mal schaut, wieviele Apotheken Hops gehen und was man dann machen kann.
Das ist wirklich ein perfides Spiel. Zudem geht es an den Interessen der Bevölkerung völlig vorbei. Gefüttert wird das Ganze durch die wirklich einseitige und oft falsche Berichterstattung in den Medien.
Morgen wird es einen faulen Kompromiss geben und das wars dann. Ich kann 1-2 Mitarbeiter entlassen, damit steigt nicht gerade die Qualität, aber viele Kollegen werden Ihre Apotheke schließen müssen, obwohl sie einen guten Job gemacht haben Und das macht mich ehrlich gesagt richtig wütend.

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Kann man sich nur dafür bedanken!

von Christian Giese am 28.03.2017 um 18:05 Uhr

Wenigstens die DAZ schiesst aus allen Rohren!
Wohl verstanden, dass es um die Wurst geht.

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