Shitstorm gegen die TK

Tweet entfacht Debatte um Homöpathie-Kostenübernahme neu

Stuttgart - 14.03.2017, 09:25 Uhr

Wertvolles Arzneimittel oder teures Placebo? An der Homöopathie scheiden sich die Geister, auch die von Apothekern.  (Foto: Klaus Eppele / Fotolia)

Wertvolles Arzneimittel oder teures Placebo? An der Homöopathie scheiden sich die Geister, auch die von Apothekern.  (Foto: Klaus Eppele / Fotolia)


Sollen Krankenkassen für Homöopathie bezahlen? Eine Diskussion auf Twitter hat diese Debatte neu befeuert. Es gebe keine Evidenz für die Wirksamkeit, argumentieren die Kritiker. Warum viele Kassen diese Leistung trotzdem anbieten? Weil es der Wunsch der Versicherten ist, erklärt beispielsweise die Techniker Krankenkasse. 

Das Social-Media-Team der Techniker Krankenkasse (TK) sah sich vergangene Woche einem wahren Entrüstungssturm ausgesetzt. Hintergrund war eine Antwort auf einen Tweet. Ein User hatte gefragt, ob die Techniker Krankenkasse, die homöopathische Arzneimittel in gewissem Umfang erstattet, eine saubere wissenschaftliche Studie nennen kann, die die Wirksamkeit der Homöopathie belegt. Darauf bekam er die Antwort: „Können Sie uns eine wissenschaftliche Studie nennen, die die Nicht-Wirksamkeit belegt?“ 

Zwar entschuldigt sich das Social Media Team später und bezeichnete den Tweet als „unsachlich“, doch der Shitstorm war nicht mehr aufzuhalten. Die Kasse könne die Beweislast nicht umkehren, schließlich erstatte sie diese Arzneimittel mit den Beitragsgeldern der Versicherten, obwohl die Wirksamkeit nicht anhand von anerkannten wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen wurde – ebenso wie 83 andere gesetzliche Krankenversicherungen dies laut einer Auswertung des Vergleichsportals „Check24" in jeweils unterschiedlichem Ausmaß auch tun. Und das stößt offensichtlich nicht auf ungeteilte Zustimmung. So hatte beispielsweise Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses im vergangenen Jahr erklärt, dass seiner Meinung nach die Verwendung von Kassengeldern füHomöopathie sowie alle Alternativmedizin ohne Wirksamkeitsnachweise verboten werden solle.   

Arzt und Apotheker müssen einbezogen sein

Auf die Frage, warum die TK die umstrittene Satzungsleistung anbietet, erklärte ein Sprecher gegenüber DAZ online: Man habe festgestellt, dass sich viele Versicherte in Deutschland komplementärmedizinische Angebote in Ergänzung zur Schulmedizin wünschen. Der Verwaltungsrat der TK sei diesem Wunsch nachgekommen und habe seinen Gestaltungspielraum im Sinne der Versicherten mit einer Satzungsleistung genutzt. 

Die TK erstattet bis zu 100 Euro im Kalenderjahr für nicht verschreibungspflichtige apothekenpflichtige homöopathische, pflanzliche oder antroposohische Arzneimittel – allerdings nur wenn eine Verordnung auf ein Privatrezept oder grünes Rezept durch einen Arzt erfolgt ist. Der Erstattung von Verordnungen durch Heilpraktiker schließt die Techniker aus. Auch die Kosten für homöopathische Behandlungen werden nur übernommen, wenn diese Behandlungen von bestimmten, qualifizierten Ärzten, mit denen die TK einen Zusatzvertrag geschlossen hat, vorgenommen werden – dann jedoch zu 100 Prozent. So soll eine hochwertige Versorgung mit alternativen Arzneimitteln sichergestellt werden und Einnahmefehler oder Fehldiagnosen in der Selbstmedikation vermieden werden, erklärt die Kasse, denn man halte es grundsätzlich für sinnvoll, dass die Einschätzung für eine homöopathische Therapie durch einen Arzt oder Apotheker erfolgen sollte.

Ähnlich sieht das auch die ABDA, aus deren Sicht die heilberufliche Beratung des Apothekers auch bei dieser Präparategruppe zum verantwortungsvollen Umgang beiträgt.



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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3 Kommentare

Homöopathie Kassenleistung

von Dr. Edmund Berndt am 15.03.2017 um 8:42 Uhr

Diese Diskussion ist wie alle diesbezüglichen Diskussionen immer noch Werbung für einen Aberglauben. Es gibt an der Tatsache, dass Homöopathie nicht ursächlich spezifisch stofflich bedingt wirkt , nicht mehr zu rütteln. Es ist ein Informationsbetrug der hier abläuft, wenn in den Medien immer wieder das Match "Meinung gegen Meinung" gespielt wird. Aber für das Offenhalten der Türe für die Pseudomedizin Homöopathie gibt es Geld. Homöopathie ist ein Lifestyleprodukt und sie wird als solches in den Medien täglich vermarktet. Es ist ein Gewinn der Homöopathie zuzuarbeiten. Man kann Inserateinnahmen verlieren, wenn man gegen den Strom schwimmt. Es sind die berechtigten und unberechtigten sowie die bewußten und unbewußten Hoffnungen und Wünsche der Gesundheitskonsumenten, die dem Lifestyleprodukt Homöopathie per Dauerwerbung als Image verpasst werden. Und das bitte ist ein Riesengeschäft.
Man kann nicht den Apfel vom Baum der Erkenntnis essen und hinterher wieder unschuldig - sprich unwissend - sein.
Homöopathie ist ein therapeutisches Schauspiel . Die Geschichte der Medizin, kennt genügend Beispiele für die Wirksamkeit von Schauspielen. Alles kann, wenn es entsprechend mit Bedeutung aufgeladen wird wirken. Von Mumienmehl über Wallfahren, vom Aderlass bis Mesmerismus, vom Amulett bis zu den Globuli wirkt alles, aber eben unspezifisch in den Köpfen der Behandler und Behandelten. Das Phänomen kann jeder Psychologe nennen. Es heißt performative Täuschung. Die vielbemühte und immer unverstandene Placebowirkung ist ein wichtiger Faktor dieser "Wirkung", aber nur ein Teil.

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Absurdistan im Zuckerkugelwahn

von Udo Endruscheit am 14.03.2017 um 18:00 Uhr

Es scheint immer noch hochmögende Leute in Deutschland zu geben, die ernsthaft glauben, Homöopathie sei eine irgendwie wirksame Therapieform. Seltsam.

Aha. Die TK legt also Wert auf eine fachgerechte Verordnung unwirksamer Präparate. Die Apotheken sollen ihre verantwortungsvolle Rolle beim Vertrieb solcher unwirksamer Präparate unbedingt wahrnehmen. Und die Kammer BW vollendet die Realsatire des heutigen Tages, indem sie Fortbildungen für erforderlich hält, weil die Präparate ungeachtet ihrer Evidenz ihren Platz im Gesundheitswesen haben. Das Letztere: An sich ok. Ist sogar sehr wichtig, dass Ärzte endlich auch einmal verstehen, was für ein Unsinn die Homöopathie ist. Nur leider lassen die folgenden Ausführungen zur "eigenen Entscheidung von Arzt und Patient" erahnen, dass es sich großenteils mal wieder um Promotionsveranstaltungen handeln dürfte. Ich sage mal: Hoffentlich nicht, das wäre schön... Traurig stimmt mich allerdings, dass selbst ein Kammersprecher der völlig verfehlten Gleichsetzung von Homöopathie und Naturheilkunde auf den Leim geht.

Was die Kosten-Nutzen-Relation angeht: Für Nichts etwas zu bezahlen, ist immer zu teuer. Wenn ich ein totes Pferd reite, kostet mich das weder Futter noch Stallmiete. Blöd ist nur, dass ich dafür auch nicht vom Fleck komme.
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Ökonomische Evaluationen der Homöopathie

von Jens Behnke am 14.03.2017 um 9:52 Uhr

Teure Homöopathie?
Ergebnisse aus 14 Kosteneffizienzstudien

"Ein systematisches Review aus dem Jahr 2014 fasst die Ergebnisse aus 14 gesundheitsökonomischen Analysen zur Homöopathie mit über 3.500 Patienten zusammen, in 10 Studien wurde mit einer Kontrollgruppe verglichen.

In 8 von 14 Studien wurden Verbesserungen der gesundheitlichen Situation und Kostenersparnisse dokumentiert, in 4 Studien entsprachen die Outcomes der konventionellen Kontrolle und die Kosten waren gleichwertig. In zwei Studien wurden vergleichbare Outcomes, aber höhere Kosten im Vergleich zur konventionellen Therapie gefunden.

Eine erste Studie zu den Kosten der ärztlichen Homöopathie innerhalb der Integrierten Versorgungsverträge der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland zeigte höhere Kosten für die Homöopathie im Vergleich zur konventionellen Therapie, allerdings wurden hier keine Outcomes erhoben, so dass bislang noch unklar ist, in welchem Verhältnis Kosten zu Outcomes stehen."

Baumgartner, S.; Behnke, J.; Frei-Erb, M.; Kösters, C.; Teut, M.; Torchetti, L.; von Ammon, K.: Der aktuelle Stand der Forschung zur Homöopathie. Köthen: WissHom, 2016. http://bit.ly/28XS5ge

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