Postkarten-Aktion zum Rx-Versandverbot

Unionsabgeordnete sind genervt von DocMorris

Berlin - 07.03.2017, 14:50 Uhr

Verärgert und gereizt: Mehrere Abgeordnete von CDU und CSU reagieren gereizt auf die Postkarten-Aktion der niederländischen Versandapotheke DocMorris. (Foto: Külker)

Verärgert und gereizt: Mehrere Abgeordnete von CDU und CSU reagieren gereizt auf die Postkarten-Aktion der niederländischen Versandapotheke DocMorris. (Foto: Külker)


Die Büros der 309 Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU werden derzeit von DocMorris-Postkarten überflutet. Die niederländische Versandapotheke hatte seine Patienten dazu aufgerufen, gegen das von der Union geplante Rx-Versandverbot zu protestieren. Mehrere Unionsabgeordnete reagieren aber gereizt und verärgert auf die Aktion und werfen DocMorris vor, die Patienten für die eigenen Geschäftsinteressen auszunutzen.

Die niederländische Versandapotheke hatte ihre Kunden Mitte Februar kontaktiert und dazu motiviert, gegen das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geplante Verbot des Versandhandels mit Rx-Arzneimitteln zu protestieren. Unter anderem hieß es in dem Schreiben, dass man durch das Verbot als Verbraucher gezwungen werde, verschreibungspflichtige Medikamente in einer Stationärapotheke zu beziehen. Den Kunden wurde die Teilnahme an der Postkarten-Aktion denkbar einfach gemacht: Sie mussten ihre Adresse nur in ein Online-Formular eintragen, DocMorris suchte anhand der Postleitzahl automatisch den passenden Unionsabgeordneten heraus, schrieb die Adresse des jeweiligen Kunden auf die Karte und sendete den Protest an das Bundestagsbüro.

Die PR-Aktion sorgt derzeit für Aufsehen im Bundestag. Gleich mehrere Abgeordnete von CDU und CSU erklärten gegenüber DAZ.online, dass sie mit Postkarten eingedeckt wurden. Einige Politiker berichten von 30 bis 40 Zuschriften, bei anderen Abgeordneten sollen mehr als 150 Karten eingegangen sein. Viele Unions-Politiker sind verärgert. CDU-Arzneimittelexperte Michael Hennrich beschwerte sich beispielsweise darüber, dass die Meinung der Patienten bei der DocMorris-Kampagne nicht wirklich im Vordergrund stehe. Für ihn sei die Aktion „bedenklich und merkwürdig“.

Hennrich (CDU): DocMorris missbraucht Patienten für die Geschäftsinteressen

Hennrich weiter: „Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn mir Patienten individuell schreiben und ihre Bedenken am Rx-Versandverbot zum Ausdruck bringen. Solche Anschriften würde ich auch jederzeit ernst nehmen. In der Postkarten-Aktion von DocMorris sehe ich allerdings gar keinen Eigenbeitrag der Patienten. Hier werden die Patienten für die Geschäftsinteressen von DocMorris missbraucht.“

Die CDU-Politikerin Karin Maag stammt wie Hennrich aus Baden-Württemberg und ist ebenfalls Mitglied im Gesundheitsausschuss. Auch sie kritisiert DocMorris für das Vorgehen: „Hier versucht ein Unternehmen in perfider Art und Weise, ohne über die konkreten Probleme zu informieren, verunsicherte Bürger vor ihren Karren zu spannen. Zu Problemen wie fehlender Beratung, Notdienst, Nachtdienst usw. wird natürlich ebenso wenig gesagt wie zum Einstieg in den Ausstieg der Festpreise im gesamten Gesundheitssystem. Wir reden über ein Unternehmen, das Rosinenpickerei betreibt.“

„Die DocMorris-Computer werden nie die Apotheke ersetzen“

Ebenso verärgert über die Doc-Morris-Postkarten reagierte der CDU-Gesundheitspolitiker Dietrich Monstadt aus Mecklenburg-Vorpommern. Er bezeichnete die Aktion als „Ungeheuerlichkeit“. Monstadt wörtlich: „Die Behauptungen auf der Karte sind teilweise sachlich falsch. Warum verschlechtert sich beispielsweise durch das Rx-Versandverbot die Lebensqualität? Und zum Thema finanzielle Entlastung durch Rx-Boni sage ich nur, dass die Boni - wenn überhaupt - den Krankenkassen zustehen.“ Der CDU-Politiker will nun einige seiner Wähler anrufen. Er wolle wissen, ob den Menschen bewusst sei, um was es geht.

Monstadt weiter: „Sie sollten wissen, dass DocMorris sie nicht versorgen wird, wenn sie Samstagabend plötzlich 40 Grad Fieber bekommen. Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern. In einer solchen ländlichen Region muss die verbliebene Infrastruktur, und dazu gehören die Apotheken, unbedingt erhalten werden. Apotheker haben bei Arzneimitteln eine wichtige Kontrollfunktion. Das Computer-System von DocMorris wird nie das persönliche Verhältnis zum Apotheker vor Ort ersetzen können.“

Der CDU-Gesundheitsexperte Tino Sorge aus Sachsen-Anhalt erklärte, dass er den persönlichen Kontakt zu seinen Wählern zwar solchen „Massenaktionen“ vorziehe. Die DocMorris-Kampagne sei aber „legitim und nichts Außergewöhnliches“. Zur Sache erklärte Sorge, dass der Bundestag aufgefordert sei, zeitnah eine Lösung in Sachen Versandhandel zu beschließen. Und weiter: „Den geplanten Gesetzentwurf halte ich für einen gangbaren Weg, um auch zukünftig sichere, wohnortnahe und an den Bedürfnissen der Patienten orientierte Versorgungsstrukturen, gerade im ländlichen Raum, vorzuhalten.“ Allerdings merkte Sorge an: „Gleichzeitig müssen wir mittel- und langfristig aber auch über eine Weiterentwicklung des Systems nachdenken, um gerade in Zeiten des digitalen Wandels und im Hinblick auf die Versandthematik einen Wettbewerb mit gleichen Waffen unter solidarischer Beteiligung aller Akteure, sowohl der Apotheken vor Ort als auch ausländischer Versandapotheken zu ermöglichen.“

Nüßlein: Zeit wird eng

Das Abgeordnetenbüro von Georg Nüßlein (CSU), der als stellvertretender Fraktionsvorsitzender in der Union für das Thema Gesundheit zuständig ist, hatte in den vergangenen Tagen besonders viel zu tun. Nüßlein, der gemeinsam mit Karl Lauterbach (SPD) am kommenden Donnerstag zu einem Fachgespräch zum Rx-Versandverbot eingeladen hat, sagte, er sei erstaunt, wie „gut organisiert“ die PR-Aktion von DocMorris ablief. Sie sei aus seiner Sicht auch „legitim.“

So wie seine Fraktionskollegen widerspricht er allerdings dem Inhalt der Postkarten: „Ich werde den Absendern fachlich antworten und ihnen darstellen, dass es aus Sicht der Union weiterhin die sinnvollste Lösung ist, den Rx-Versandhandel zu untersagen. Ich werde auch darum bitten, darüber nachzudenken, was der Online-Handel mit dem Einzelhandel in den vergangenen Jahren angerichtet hat. Insbesondere in Bayern beschweren sich viele Menschen über einen Rückgang des Einzelhandels. Und gerade aus solchen strukturpolitischen Gründen bin ich nach wie vor der Meinung, dass wir das Verbot beschließen sollten.“

Gegenüber DAZ.online wies Nüßlein darauf hin, dass es in der Frage bald zu einer Lösung kommen muss. Mit Blick auf das kommende Gespräch zwischen Apothekern, Versandapothekern, Union und SPD sagte der Fraktionsvize: „Wir werden uns am Donnerstag nochmals mit den Verbänden zusammensetzen, um deren Haltung zu hören. Wenn die SPD weiterhin nicht für ein Versandhandelsverbot zu haben ist, wird es wegen des Notifizierungsverfahrens aber auch zeitlich sehr schwierig. Wir müssen uns dann überlegen, ob es eine Übergangsregelung geben könnte, bis wir eine politische Mehrheit für das Versandhandelsverbot finden.“



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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7 Kommentare

Da hilft nur ... fördern ... bis ...

von Christian Timme am 08.03.2017 um 0:35 Uhr

Gebt dem Herren mehr Wasser für seinen Bach, damit er noch Lauter werden kann, bis es endlich in dem Laden kracht ...

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Wer würde Doc Morris vermissen?

von Krug am 07.03.2017 um 19:48 Uhr

Antwort: Niemand! Jedenfalls keiner, der zuverlässige und schnelle Hilfe im Krankheitsfalle braucht. Allenfalls Schnäppchenjäger. Aber das Gesundheitswesen sollte nicht zum Schnäppchenmarkt verkommen!
Aber ich bin mir sicher, dass unsere verantwortungsbewussten Politiker an die vielen hart arbeitenden Menschen im Lande denken werden (Tausende von Mitarbeiterinnen in (noch) über 20000 deutschen Apotheken! Oder ist das nur Wahlkampfgerede? Ich hoffe nicht!

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Ungeheuerlich

von Christian Springob am 07.03.2017 um 19:10 Uhr

Gehts noch dreister? Wann sieht DocMorris endlich ein, dass es das unnötigste Unternehmen weit und breit ist? Was ist durch DocMorris je besser geworden? Welchen Beitrag leisten generell die ausländischen Versender, der es Wert ist, diese überhaupt in die gesundheitspolitischen Diskussionen mit einzubeziehen? Ein Unternehmen, das lediglich auf Profit aus ist, das Gesetze beugt, mit dubiosen Saudis Geschäfte macht und Patienten auf Päckchen warten lässt, ist so unnütz wie ein Kropf. Weg damit und Deckel drauf!

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AW: Ungeheuerlich

von Marius am 07.03.2017 um 21:10 Uhr

Nicht DocMorris muss es einsehen, sondern Politiker wie Lauterbach, Schulz-Asche, Leukert und Co. Jene die DocMorris als Heilsbringer ansehen und übersehen, dass es diesem Unternehmen vor Allem um Profit geht. Warum sonst sollten sie sich Investoren an Bord holen...

Gefakte Karten

von Carsten Moser am 07.03.2017 um 18:30 Uhr

Ich stelle mal was in den Raum. Bei der Menge an Karten würde ich liebend gerne mal einige dieser "Kunden" fragen, ob sie die Karte WIRKLICH abgeschickt haben.

DMorris ist zuzutrauen, dass sie die Karten auch "im Namen" ihrer Kunden geschickt haben. Ohne(!), dass diese das wussten.

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AW: Gefakte Karten

von Marius am 07.03.2017 um 21:14 Uhr

Spannend wäre auch zu wissen, wie viele Kunden sich das, was sie da haben abschicken lassen, auch wirklich durch gelesenen haben? Wer hat sich informiert? Hat sich überhaupt jemand informiert? Die "Fakten" auf der Propagandaseite von DocMo sind doch sehr löchrig...

So geht digitale Welt!

von Horst Wycisk am 07.03.2017 um 17:29 Uhr

Da sollte man den Protagonisten wie Lauterbach, Dr. Hermann und Co mal diese Aktion darstellen. Wenn die von diesen so gelobte "digitale Welt" wie beschrieben funktioniert, dass ein Unternehmen Kunden instrumentalisiert und gleich per Computer den richtigen Abgeordneten zuordnet - na dann:
Viel Spaß!
...oder um es mit den Worten eines in der BRD nicht so bekannten Verbandes zu sagen:
Es hätte ja vielleicht schlimmer kommen können!!

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