Acht neue Fälle

Wieder Masernausbruch in Berlin

Berlin - 15.02.2017, 12:30 Uhr

Masern sind eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. (Foto: dpa) 

Masern sind eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. (Foto: dpa) 


Deutschland ist Europas Schlusslicht bei der Masernelimination“, meldete das Robert Koch-Institut erst vor Kurzem. Jetzt hat es erneut einen Ausbruch gegeben. In Berlin sind acht Menschen erkrankt ­– vor allem junge Erwachsene. Das Bezirksamt warnt davor, die Krankheit zu unterschätzen. Aber was genau macht die Masern so gefährlich? 

Die WHO hat es sich 1984 zum Ziel gesetzt, die Masern auszurotten. Doch Deutschland ist weit von der angestrebten Inzidenz von einem Fall pro einer Million Einwohner entfernt. Das entspräche 80 Fällen pro Jahr. Fast so viele Menschen erkranken in manchen Jahren allein in Berlin. Nun gibt es wieder einen Ausbruch in der Hauptstadt: Im Berliner Nordwesten, in dem Bezirk wo vor zwei Jahren ein zweijähriger Junge an den Masernfolgen gestorben ist, sind seit Dezember erneut acht Menschen erkrankt. Das Bezirksamt ruft daher dringend dazu auf, sich impfen zu lassen, und warnt zudem davor, die Krankheit zu unterschätzen. 

Denn Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Doch was genau macht die Masern so gefährlich?

Die akute Infektion ist selbstlimitierend. Masern beginnen mit Fieber, Konjunktivitis, Schnupfen, Husten und einem typischen Enanthem an der Mundschleimhaut. Das charakteristische Masernexanthem (bräunlich-rosafarbene konfluierende Hautflecken) tritt dann am dritten bis siebten Tag auf. Die Erkrankung klingt in der Regel nach fünf bis sieben Tagen ab und hinterlässt lebenslange Immunität. Gefürchtet sind die Komplikationen. Eine besonders gefürchtete ist die akute postinfektiöse Enzephalitis mit Kopfschmerzen, Fieber und Bewusstseinsstörungen bis zum Koma. Sie tritt laut Robert Koch-Institut bei einem von 1000 Masernfällen auf ­– vier bis sieben Tage nach dem Masern-typischen Exanthem. 10 bis 20 Prozent der Fälle enden tödlich, 20 bis 30 Prozent der Betroffenen haben bleibende Schäden am ZNS.

Masern: Besonders gefährdet sind Kinder, die sich im ersten Lebensjahr infizieren

Eine zweite gefürchtete Komplikation ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Eine Spätkomplikation, die sich vier bis zehn Jahre nach überstandener Infektion manifestiert. Neueren Zahlen zufolge scheint sie vor allem bei Kindern deutlich häufiger aufzutreten, als man bislang dachte. Während die Gesamtinzidenz etwa auf vier bis elf SSPE-Fälle pro 100.000 Masernerkrankungen beziffert wird, liegt sie bei unter Fünfjährigen deutlich höher. In diesem Alter erkrankt aktuellen Zahlen zufolge im Durchschnitt eines von 3.300 Kindern nach eine Maserninfektion an SSPE. Besonders gefährdet sind Kinder, die sich im ersten Lebensjahr infizieren, wenn sie für die Masernimpfung noch zu jung sind.  Die Erkrankung beginnt mit psychischen und intellektuellen Veränderungen, dann entwickelt sich ein progredienter Verlauf mit neurologischen Störungen und Ausfällen bis hin zum Verlust zerebraler Funktionen. Die Prognose ist immer ungünstig.

Die WHO gibt für entwickelte Ländern die Letalität der Masern mit 0,05 Prozent bis 0,1 Prozent an. Zieht man die Zahlen aus Deutschland aus den Jahren 2001 bis 2012 heran, kommt man auf einen Todesfall pro 1000 Erkrankte. Vor 1980, vor Einführung allgemeiner Impfaktionen, starben weltweit fast 2,6 Millionen Menschen pro Jahr an Masern.

Masern sind eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt. Die Erreger werden sowohl durch das Einatmen infektiöser Tröpfchen, die beim Sprechen, Husten oder Niesen verbreitet werden, übertragen als auch durch Kontakt mit infektiösen Sekreten übertragen. Bereits kurzer Kontakt mit dem Masernvirus führt bereits zu Ansteckung – und zwar in nahezu 100 Prozent der Fälle. Bei ungeschützten Personen bricht die Erkrankung auch bei nahezu 100 Prozent aus.

Masern: Deutschland gehört zu den Ländern mit ungenügenden Impfquoten

Seit 2001 sind die Masern in Deutschland meldepflichtig. Zunächst ging die Zahl der Fälle zurück. Seit 2005 ist jedoch kein Rückgang mehr zu beobachten. Die Zahlen schwanken lediglich von Jahr zu Jahr aufgrund von regionalen Ausbrüchen – zwischen 165 und 2500 pro Jahr. Seit einigen Jahren verzeichnet das RKI vor allem bei über Zehnjährigen einen Anstieg, etwa 50 Prozent der Erkrankten stammen aus dieser Altersgruppe. Weiterhin hoch ist die Inzidenz im Vergleich zu den anderen Altersgruppen bei den Allerkleinsten ­– sprich den Einjährigen und Kindern unter einem Jahr. Da Masern als Lebendimpfung frühestens ab dem 11. Lebensmonat geimpft werden können, sind diese Kinder auf den Herdenschutz angewiesen.

Doch Deutschland gehört zu den Ländern mit ungenügenden Impfquoten, was sich immer wieder in Ausbrüchen zeigt.  Für eine Elimination des Virus wären laut WHO  Impfquoten von 95 Prozent notwendig. Bei Schulkindern war man in Deutschland eigentlich auf einem guten Weg. 2012 waren schon 96,7 Prozent einmalig und 92,4 Prozent vollständig geimpft. 2004 waren es noch 93,5 Prozent für die erste und lediglich 65,7 Prozent für die zweite Impfstoffdosis. Leider stagnieren laut Ärzteblatt die Impfraten in dieser Altersklasse. Die größten Impflücken gibt es jedoch bei Jugendlichen und Erwachsenen. Dort werden auch bei Weitem die meisten Fälle verzeichnet. Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut empfiehlt für alle nach 1970 Geborenen eine zweimalige Impfung gegen Masern in der Kindheit beziehungsweise eine Impfung im Erwachsenenalter. 

 In der Regel erfolgt die erste Impfung zwischen dem 11. und 14. Lebensmonat und die zweite folgt dann zwischen dem 15. und 23. Lebensmonat. Wer als Kind nicht oder nur einmal geimpft wurde, kann dies auch noch im Jugend- bzw. Erwachsenenalter bei seinem Hausarzt nachholen. 

Die USA wurden vergangenes Jahr für masernfrei erklärt – und Deutschland

Die Masernimpfung ist äußerst effektiv. Bereits nach einer Masern-Impfstoffdosis beträgt sie im Durchschnitt 91 Prozent. Wird, wie es die STIKO empfiehlt, zweimal geimpft, wird die Impfeffektivität mit 92 bis 99 Prozent beziffert. Bei etwa 5 bis 15 Prozent treten vor allem nach der ersten Impfung die sogenannten „Impfmasern“ auf. Sie äußern sich durch mäßiges Fieber, ein flüchtiges Exanthem und Atemwegs-Symptome. Dies tritt meist in der zweiten Woche nach der Impfung auf. Bei den Impfmasern handelt es sich aber um eine milde, selbstlimitierende Symptomatik. Ansteckend sind sie nicht. Schwere Komplikationen, wie Meningoenzephalitis sind äußerst selten. Sie treten bei weniger als einer von einer Million Impfungen auf, nach einer Maserninfektion 1000mal häufiger. 

Die USA wurden vergangenes Jahr für masernfrei erklärt. Der letzte endemische Fall ist 2002 gemeldet worden, danach gab es nur noch importierte Fälle. Dort ist die Impfung für Kinder vorgeschrieben. Eltern müssen sie in Schule und Kindergarten nachweisen können. Aus religiösen Gründen kann die Impfung allerdings verweigert werden. Weltweit hat die WHO die Elimination der Masern für 2020 zum Ziel erklärt. Damit ein Land als masernfrei gilt, darf für ein Jahr lang keine endemische Übertragung nachgewiesen werden. Für 2017 ist dieses Ziel in Deutschland bereits verfehlt. 



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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