Schon über 1500 Fälle

Keuchhusten-Welle in Deutschland

Stuttgart - 08.02.2017, 17:10 Uhr

Für ungeimpfte Säuglinge kann Keuchhusten gefährlich werden. (Foto: Tyler Olson / Fotolia)

Für ungeimpfte Säuglinge kann Keuchhusten gefährlich werden. (Foto: Tyler Olson / Fotolia)


22.119 Keuchhusten-Fälle hat das Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr registriert. Das sind mit Abstand die meisten, seit 2013 die bundesweite Meldepflicht eingeführt wurde. Seit Jahresbeginn wurden bereits 1.554 neue Keuchhusten-Patienten an das RKI gemeldet. Begünstigt wird die Ansteckung durch Impflücken.

Staccatohusten mit Hustenstößen gefolgt von inspiratorischem Ziehen – so klingt der für Keuchhusten typische Husten bei Kindern. Bei Säuglingen findet man meist kein charakteristisches Bild, hier treten nicht selten Atemstillstände auf. Erwachsene und Jugendliche leiden eher über Wochen unter hartnäckigem Husten, ohne typische Symptome.

Gefährlich ist die Erkrankung vor allem für Säuglinge. Sie haben das höchste Risiko, schwerwiegende Komplikationen wie Pneumonien durch Pneumokokken zu erleiden. Viele Krankenhausbehandlungen und fast alle Todesfälle betreffen dementsprechend junge, ungeimpfte Säuglinge unter sechs Monaten. 2016 starben in Deutschland drei Babys an der Infektion – das sind untypisch viele. 

Mütter impfen schützt Kinder

Die einzige Möglichkeit die ganz Kleinen – bevor sie mit zwei Monaten selbst geimpft werden können – zu schützen, ist die Impfung der Mütter. Bei Schwangeren hat aber lediglich jede Fünfte einen Impfschutz. Es gibt deshalb Überlegungen, Schwangeren grundsätzlich eine Pertussis-Impfung zu empfehlen. Die Zulassung der Impfstoffe Boostrix® und Boostrix Polio® wurde vor Kurzem entsprechend erweitert. Andere Länder wie die Vereinigten Staaten, Großbritannien aber auch Neuseeland und Argentinien setzen die mütterliche Impfung mit TdPa bereits ein. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht in der Impfung im letzten Trimenon der Schwangerschaft einen Vorteil.

Seit Jahresbeginn 2017 wurden bereits 1.554 neue Keuchhusten-Patienten an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet. 2016 gab es den höchsten Stand seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2013. In dem Jahr waren es rund 12.600 Patienten pro Jahr, 2015 rund 14.000. „Wir sehen hier wahrscheinlich beides: eine Krankheitswelle, aber auch eine zunehmend bessere Erfassung“, sagte Wiebke Hellenbrand, Infektionsforscherin am RKI, gegenüber der Deutschen Presseagentur. Möglicherweise hängt die derzeitige Welle mit dem typischen 5-Jahres-Zyklus des Erregers zusammen. In Ostdeutschland, wo Pertussis-Infektionen bereits seit 2002 erfasst werden, gab es Höhepunkte in den Jahren 2007 und 2012.

Es gibt keinen lebenslangen Schutz

Impflücken begünstigen die Ansteckung. Während zum Zeitpunkt der Einschulung laut Robert-Koch-Institut noch zwischen 95 und 97 Prozent der Kinder – im Osten sind die Impfraten etwas höher – vor Keuchhusten geschützt sind, ist es bei den Erwachsenen nur jeder fünfte bis zehnte. Bei jungen Eltern, die als Hauptrisikogruppe gelten, ist jeder dritte geimpft. 

Wie kommt das? Im Gegensatz zu anderen Impfungen wie Masern oder Polio, wo man bei einer vollständigen Impfserie von einem lebenslangen Schutz ausgeht, muss Pertussis aufgefrischt werden. Auch nach überwundener Infektion besteht keine Immunität für den Rest des Lebens. Deswegen ist aus heutiger Sicht eine Eradikation von Pertussis im Gegensatz zu anderen impfpräventablen Krankheiten nicht möglich.

Die Empfehlung derzeit lautet, bei allen Erwachsenen bei der nächsten fälligen Auffrischung von Tetanus und Diphterie einmalig Keuchhusten mit zu impfen. Vielfach werde das aber einfach vergessen, sagt die RKI-Expertin. Darüber hinaus sollten Beschäftige im Gesundheitsdienst in Gemeinschaftseinrichtungen und Frauen im gebärfähigen Alter alle zehn Jahre eine Dosis Pertussis-Impfstoff erhalten.

Auch Eltern, Geschwister und Betreuer von Säuglingen, wenn sie in den letzten zehn Jahren nicht gegen Pertussis geimpft wurden, sollen sich  spätestens vier Wochen vor Geburt des Kindes impfen lassen. Kleinkinder erhalten vier Teilimpfungen gegen Keuchhusten im Alter zwischen zwei und 14 Monaten. Dazu kommen zwei Auffrischungen, einmal mit fünf bis sechs Jahren und einmal zwischen neun und 17. 

Einen Monoimpfstoff gibt es nicht mehr. Daher werden die zu dem jeweiligen Impftermin empfohlenen Kombinationsimpfstoffe verabreicht, zum Beispiel Infanrix® oder Infanrix® hexa bei Säuglingen beziehungsweise Kleinkindern, später dann beispielsweise Boostrix® oder Repevax®. Wird eine Pertussis-Impfung benötigt, Tetanus-Diphterie ist aber gerade nicht fällig, kann trotzdem ein Kombi-Impfstoff verwendet werden.

Keuchhusten hat drei Stadien

Erreger des Keuchhustens ist vor allem das Bakterium Bordetella pertussis. Dies ist ein unbewegliches, bekapseltes wie aerobes, gramnegatives Stäbchen, das eine Vielzahl von Toxinen bilden kann, darunter das Pertussis-Toxin. Die Bakterien verbreiten sich über Tröpfcheninfektion, also Husten, Niesen oder Sprechen. Bis die Krankheit ausbricht, dauert es in der Regel neun bis zehn Tage. Die typische Erstinfektion bei Menschen, die nicht geimpft sind, verläuft in drei Stadien:

Zuerst das Stadium catarrhale, es dauert ein bis zwei Wochen und ist durch grippeähnliche Symptome wie Schnupfen, leichten Husten, Schwäche und kein oder nur mäßiges Fieber gekennzeichnet.

Dann folgt das Stadium convulsivum über vier bis sechs Wochen. In diesem Stadium tritt, wenn sie überhaupt auftritt, die typische Symptomatik auf: Anfallsweise auftretende Hustenstöße („Staccatohusten“), gefolgt von inspiratorischem Ziehen. Das Krankheitsbild in diesem Stadium ist auch für die Bezeichnung „Keuchhusten“ verantwortlich. Das typische Keuchen kommt durch plötzliches Einatmen gegen die  geschlossene Stimmritze am Ende des Anfalls zustande. Während der Hustenattacken wird oft zäher Schleim hervorgewürgt, hinterher häufig erbrochen. Fieber ist in diesem Stadium untypisch und eher ein Anzeichen für eine Sekundärinfektion.

Im dritten Stadium, dem Stadium decrementi, klingen dann über einen Zeitraum von sechs bis zehn Wochen die Hustenanfälle allmählich ab. 

Antibiotika kommen meist zu spät

Ansteckend ist Pertussis ab dem Ende der Inkubationszeit. Die Infektiosität kann bis zu drei Wochen nach Beginn des Stadium convulsivum andauern. Pertussis gilt als hochkontagiös. Während der ersten zwei Wochen der Erkrankung ist die Gefahr, andere anzustecken, am größten. Eine Antibiotikatherapie verkürzt die Dauer der Ansteckungsfähigkeit auf etwa fünf Tage nach Beginn der Behandlung.

Darin hat auch die antiinfektiöse Therapie ihre größte Bedeutung beim Keuchhusten – bei der Unterbrechung von Infektionsketten. Dauer und Heftigkeit der Hustenattacken vermögen Antibiotika meist nicht maßgeblich zu verbessern, die Gabe erfolgt in der Regel zu spät. Denn Antiinfektiva sind nur sinnvoll, solange noch Bordetellen ausgeschieden werden. Und dies ist nur im Stadium catarrhale bis zu drei Wochen nach Beginn des Stadiums convulsivum der Fall. Wird antibiotisch behandelt, eignen sich die Makrolide Erythromycin, Azithromycin oder Clarithromycin. Hinsichtlich der Wirksamkeit gibt es keine Unterschiede, die beiden Letzteren sind aber heutzutage wegen ihrer besseren Verträglichkeit und Adhärenz die Mittel der Wahl. 



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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