Europa, Deine Apotheken – Frankreich

Über Versandhandelskritiker und Medikationsmanager

Berlin - 16.01.2017, 07:00 Uhr

Einer der reguliertesten Märkte Europas: Stagnierende Apothekenzahl, Bedarfsplanung, strikte Versand-Regeln, kein Mehr- und Fremdbesitz - das ist der französische Apothekenmarkt. (Foto: dpa)

Einer der reguliertesten Märkte Europas: Stagnierende Apothekenzahl, Bedarfsplanung, strikte Versand-Regeln, kein Mehr- und Fremdbesitz - das ist der französische Apothekenmarkt. (Foto: dpa)


Der Kampf gegen den Versandhandel

Einen besonderen Weg hat Frankreich in Sachen Arzneimittelversandhandel eingeschlagen. Denn die meisten Regierungen des Landes bewerteten das Thema in den vergangenen Jahrzehnten konservativ und kritisch und stemmten sich gegen Marktöffnungen. Nach dem EuGH-Urteil im Jahr 2003, bei dem entschieden wurde, dass OTC-Versandverbote europarechtswidrig seien, fielen in vielen Ländern die Verbote. Frankreich widersetzte sich mehrfach. Zuletzt wollten Teile der von Nicolas Sarkozy geführten Regierung den OTC-Versand freigeben, was aber nicht geschah. Unter Sarkozys Nachfolger Francois Hollande ging es dann doch relativ schnell: Ende 2012 beschloss die Regierung eine Medikamentenliste mit 450 OTC-Produkten die seitdem im Internet verkauft werden dürfen. Bei diesen 450 Medikamenten handelte es sich übrigens genau um die Präparate, die der Gesetzgeber einige Jahre zuvor in die Freiwahl entlassen hatte.

Zeitgleich traten vor etwa drei Jahren aber strenge Regeln in Kraft von wem und wie OTC-Produkte im Internet angeboten werden dürfen. Nur Apotheker dürfen eine Versandapotheke etablieren und benötigen dafür eine Lizenz, die direkt mit der Lizenz mit ihrer Vor-Ort-Apotheke verknüpft ist. Erlaubt ist nur eine Website pro Apotheke. Sobald der Apotheker alle Auflagen erfüllt und die Seite online geht, muss er seine Kammer benachrichtigen, die die Einhaltung der Verkaufsregeln dann überprüft.

Gericht kippte strenge Regeln und erlaubte erweiterten OTC-Versand

Im März 2015 kippte der höchste französische Gerichtshof allerdings die Verhaltensregeln für Arzneimittel-Versandhändler mit dem Argument, dass die Maßnahmen zu streng seien. Außerdem, so das Gericht, würden die Regeln gegen die EU-Direktive zum OTC-Versand verstoßen, die einen freien Handel mit OTC in Europa vorgibt. Die französische Wettbewerbsbehörde, die das Verfahren in Gang gesetzt hatte, hatte sich außerdem über die Beschränkung des OTC-Versandhandels auf die Freiwahl-Medikamente beschwert. Der Gerichtshof gab der Wettbewerbsbehörde Recht: Seit 2015 dürfen in Frankreich alle OTC-Arzneimittel über das Internet gekauft und versendet werden. Inzwischen hat die Regierung die Verordnung über die Gute Praxis bei der Arzneimittelabgabe und zum Internethandel geändert, Im Dezember erschien die neue Verordnung im Amtsblatt.

Zuvor hatte ein Handelsgericht aber erneut ein Urteil gesprochen, das für Ernüchterung bei den Versandhändlern sorgte. In Frankreich gibt es bislang etwa 300 registrierte Versand-Apotheker. Einige davon hatten sich in den vergangenen Jahren zusammengeschlossen. Ein großer Verlagskonzern hatte dieser Apothekergruppe angeboten, für sie gemeinsam eine Internetseite zu etablieren, auf der die Pharmazeuten dann gemeinsam ihre Medikamente verkaufen könnten. Auf „Doctipharma.fr“ waren die einzelnen Apotheken aber fast kaum noch zu erkennen, die Seite sah aus wie eine einzige große Versandapotheke. Dem Gericht gefiel diese Präsentation nicht. Es sei nicht klar, welche Aufgaben der Verlagskonzern und welche Aufgaben die Apotheker bei diesem Geschäftskonzept hätten, so die Richter. Die Apotheker müssen Seite nun auflösen oder umgestalten.

Mehrere Liberalisierungs-Angriffe auf den Apothekenmarkt

Doch trotz der im Europa-Vergleich relativ strikten Regeln zum Versandhandel hat auch Frankreichs Apothekenmarkt schon viele „Deregulierungs-Angriffe“ erlebt. Erst 2014 hatte ein Papier des Wirtschaftsministeriums für Aufruhr gesorgt. Darin vorgesehen war beispielsweise, dass der Versandhandel nicht mehr an eine Apotheke gebunden ist, sodass auch andere Unternehmer online Medikamente verkaufen können sollten. Fremdkapitalgeber sollten zudem das Recht erhalten, Apotheken zu besitzen. Und: Für OTC-Arzneimittel sollte die Apothekenpflicht komplett fallen. Bislang hat die Regierung diese Pläne aber nicht weiter verfolgt.

Ähnlich wie in Dänemark, wo eine Drogeriekette seit Jahren – und zum Teil auch erfolgreich – für eine Liberalisierung des Arzneimittelverkaufs lobbyiert, gibt es auch in Frankreich Privatunternehmen, die eine Liberalisierung anstreben. Die Supermarktkette Leclerc hatte beispielsweise jahrelang offensiv damit geworben, Arzneimittel günstiger anbieten zu können, wenn der Apothekenmarkt endlich liberalisiert würde. Ein Gericht hatte dem Konzern diese Art von Werbung allerdings untersagt. Und auch vor dem EuGH musste die französische Regierung ihre Apotheken-Regulierung schon verteidigen. Geklagt wurde beispielsweise gegen die Bedarfsplanung, aber auch gegen das Fremdbesitzverbot.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

Europäische Kopfmassage für ApothekerInnen und mehr ...

von Christian Timme am 16.01.2017 um 11:29 Uhr

Für Diskussionen mit der Politk, nicht nur vor Ort, hier wird der "Schmierstoff geboten", der für den nötigen "Speed" im Kopf sorgt. Tolle Serie die den Durchblick fördert und auch bereits "abgearbeitete Alternativen", hoffentlich mit Erkenntnissgewinnen aufzeigt. Danke für diese "Kopfnahrung" an Herrn Rohrer und die DAZ-Onlineredaktion. Bitte weitermachen.

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