Gefährliche Keime

Schlampige Hygiene im Krankenhaus führt zu mehr Toten als im Straßenverkehr

Berlin - 11.01.2017, 16:20 Uhr

„Die Krankenhaushygiene ist in Deutschland über Jahrzehnte vernachlässigt worden“ Walter Popp, Vizepräsident der deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (Foto: sudok1 / Fotolia)

„Die Krankenhaushygiene ist in Deutschland über Jahrzehnte vernachlässigt worden“ Walter Popp, Vizepräsident der deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (Foto: sudok1 / Fotolia)


Mehr als jedes vierte Krankenhaus in Deutschland erfüllt die Hygienevorschriften nicht. Das ergeben Recherchen von CORRECTIV und dem ARD-Magazin „Plusminus“. Das Berliner Gesundheitsministerium schiebt die Verantwortung auf die Bundesländer und die einzelnen Kliniken ab. Vorstand der BKK-Krankenkasse kritisiert „gravierende Defizite“.

Gefährliche Keime haben leichtes Spiel in deutschen Kliniken. Wenn OP-Besteck verunreinigt ist, wenn beim Putzen gespart wird, wenn sich Mitarbeiter nicht oft genug die Hände desinfizieren. Vor allem aber: Wenn zu wenig Fachkräfte vor Ort sind, die etwas von Hygiene verstehen – und all diese Missstände beheben könnten.

Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Auswertung der Krankenhausqualitätsberichte und Daten des BKK Landesverbands Nordwest durch CORRECTIV und das ARD-Magazin „Plusminus“. Demnach verfügte im Jahr 2014 mehr als jede vierte Klinik in Deutschland nicht über die vorgeschriebene Zahl an Hygienepersonal. Schlusslicht ist demnach Bremen, wo 43 Prozent aller Kliniken die Empfehlungen nicht erfüllen, auf dem vorletzten Platz liegt Thüringen mit 42 Prozent, danach folgt Berlin mit 37 Prozent. Am besten schneidet dagegen Hamburg ab, wo nur 10 Prozent der Kliniken die Hygieneempfehlungen verfehlen.

Dirk Janssen, Vizechef des BKK-Landesverbands Nordwest, hält die Ergebnisse für alarmierend. Sie zeigen „gravierende Mängel“ vieler Kliniken im Umgang mit Hygiene. Wenn sich nichts ändere, „kostet das jedes Jahr Tausenden Patienten das Leben“.

Basis der Auswertung sind die Qualitätsberichte. Jede Klinik muss darin einmal im Jahr Rechenschaft geben über Ausstattung, Standards und medizinische Eingriffe. Doch die Berichte sind Selbstauskünfte – gut möglich, dass sie geschönt sind und die Realität noch schlimmer ist.

Wir haben alle Angaben über das Hygienepersonal in Krankenhäusern nun in einer frei zugänglichen Datenbank zusammengeführt. Es ist die erste Übersicht über das Hygienepersonal in 2059 Kliniken in Deutschland. Jede Bürgerin, jeder Bürger kann hier selbst kostenlos nachschauen, wie sein Krankenhaus abgeschnitten hat.

Die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sind klar: Jede Klinik ab 400 Betten soll mindestens eine Person aus jeder dieser vier Berufsgruppen anstellen:

  1. Krankenhaushygieniker – Ärzte, die eine gesonderte Ausbildung durchlaufen haben. Sie sind verantwortlich für die Hygiene im Krankenhaus. Sie müssen auf dem neuesten Stand der Forschung sein, einen Blick für den Alltag haben, Mitarbeiter schulen und bei Problemen die Geschäftsführung des Krankenhauses informieren und bestenfalls Lösungen durchsetzen.

  2. Hygienefachkräfte – Pfleger oder Krankenhelfer, die die Empfehlungen der Hygieniker umsetzen und in enger Bindung zum Krankenhauspersonal stehen.

  3. Hygienebeauftragte Ärzte – Sie setzen die Empfehlungen in der Ärzteschaft der jeweiligen Station durch, fungieren als Ansprechpartner und Schnittstelle.

  4. Hygienebeauftragte Pflegekräfte – Sie setzen die Empfehlungen unter den Pflegern der Station durch.

Hat eine Klinik weniger als 400 Betten, entfällt die Empfehlung des Krankenhaushygienikers, lediglich die drei anderen Berufsgruppen sollen vorhanden sein.

Wie wir zur Bewertung kamen

Die Daten stammen aus den Qualitätsberichten, die die Krankenhäuser jedes Jahr veröffentlichen. Die Daten selbst sind beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) abrufbar. Krankenhäuser mit mehr als 400 Betten müssen jeweils mindestens einen Krankenhaushygieniker, eine Hygienefachkraft, einen hygienebeauftragten Arzt und eine hygienebeauftragte Pflegekraft beschäftigen. Wenn in den Qualitätsberichten in einer dieser vier Personalkategorien keine Angabe enthalten war oder eine „0“ stand, haben wir die Hygienekriterien als „nicht erfüllt“ gewertet. Ebenfalls als „nicht erfüllt“ betrachten wir die Kriterien, wenn ein Krankenhaus lediglich einen externen Krankenhaushygieniker beschäftigt, dessen Name gleichzeitig in mindestens zwei weiteren Krankenhäusern vermerkt ist oder bei dem in den Qualitätsberichten ausdrücklich „extern“ vermerkt ist. Bei Kliniken mit weniger als 400 Betten ist kein Krankenhaushygieniker vorgeschrieben. In diesen Fällen haben wir die Kriterien nur dann als „nicht erfüllt“ gewertet, wenn in einer der anderen Personalkategorien keine Angaben enthalten waren oder eine „0“ stand. Die Daten betreffen das Jahr 2014, dem aktuellsten Jahr, das ausgewertet wurde. Zu den aktuellsten Zahlen können Sie Ihr Krankenhaus direkt nachfragen. 



Hristio Boytchev und Stefan Wehrmeyer, Reporter CORRECT!V


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3 Kommentare

Aussage??

von Reinhard Rodiger am 12.01.2017 um 16:22 Uhr

Wenn nur erfasst wird, wer die Vorschriften nicht erfüllt hat, so muss dem die Fallhäufigkeit gegenübergestellt werden. Sonst ist die Aussage spekulativ.
Eine Überlegung hierzu: In Baden -Württemberg ist die Lebensdauer die längste.Trotz unvollkommener Vorschriftserfüllung.Erklärung?

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Im Bett überfahren zu werden hat was.

von Christian Timme am 12.01.2017 um 14:18 Uhr

Früher war das ein Skandal. Heute bleibt einem nur die Hoffnung, das es möglichst viele Gesundheitspolitiker erwischt. Schwacher Trost, aber besser als nix.

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Im Bett überfahren zu werden hat was.

von Christian Timme am 12.01.2017 um 14:14 Uhr

Früher war das ein Skandal, heute bleibt nur zu hoffen, das es möglichst viele Gesundheitspolitiker im Krankenhaus erwischt. Schwacher trost, aber besser als nix.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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