BKK-Chef zu Kassen-Manipulationen

„Das BMG ist Teil des Problems – und nicht der Lösung“

Berlin - 05.01.2017, 07:00 Uhr

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) habe einen wesentlichen Teil zur Intransparenz beim Kassenausgleich beigetragen, sagt der Chef des BKK-Dachverbands Franz Knieps. (Foto: BKK Dachverband)

Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) habe einen wesentlichen Teil zur Intransparenz beim Kassenausgleich beigetragen, sagt der Chef des BKK-Dachverbands Franz Knieps. (Foto: BKK Dachverband)


Manipulationen zerstören massiv Vertrauen

DAZ.online: Wie groß ist denn das Problem durch das Upcoding?

Knieps: Da mir Fachleute wie Mathematiker und Ökonomen sagen, dass das Thema Up- und Rightcoding 0,2 bis 0,3 Beitragspunkte ausmacht, ist das für mich schon ein extrem wichtiger Punkt. Alle anderen Stellschrauben, die diskutiert werden – wie Veränderungen beim Krankengeld, bei den Auslandsversicherungen oder Erwerbsminderungsrentnern – sind alles Dinge, die im jeweiligen Bereich unter 0,1 Beitragssatzpunkte liegen. Von daher ist es eine große Stellschraube im RSA.

DAZ.online: Und gleichzeitig kann es große Auswirkungen auf Patienten haben, wenn finanzielle Anreize Diagnosen verändern.

Knieps: Ja klar – wenn Krankheiten diagnostiziert werden, die gar nicht da sind. Wenn beispielsweise meine Ärztin aus meiner leichten Diabetes einen schwere macht, würde mein Vertrauen in sie massivst infrage gestellt. Wenn ich jung wäre und mir einen Zusatzversicherungsschutz bei der PKV holen wollte und es käme raus, ich hätte einen schweren Diabetes, würde ich mich eventuell noch strafbar machen oder würde den Versicherungsschutz verlieren, weil ich das nicht angegeben habe. Das sind Sachen, die gehen überhaupt nicht.

DAZ.online: Was sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ansatzpunkte dagegen?

Knieps: Nach meiner Ansicht haben die Kassen in der Arztpraxis bei der Kodierung nichts verloren. Das sollte künftig ein rein innerärztliches Problem sein – die Kassenärztlichen Vereinigungen sind hier der richtige Ansprechpartner. Die ambulanten Diagnosen sind in einem katastrophalen Zustand, da muss sich etwas ändern. Aber ich bin nicht der Meinung, dass Kassenmitarbeiter – weder direkt angestellte noch Dienstleister – da etwas verloren haben.

DAZ.online: Kommen über die KV nicht doch auch finanzielle Fehlanreize in die Arztpraxis?

Knieps: Die KVen handeln qua Aufgabe neutraler, denn sie haben die Interessen der gesamten Ärzteschaft zu berücksichtigen. Ich bin auch dagegen, dass Kassen-bezogene Verträge mit der KV abgeschlossen werden. Das hat im Kassenwettbewerb nichts verloren.

DAZ.online: Aber falsche Anreize wird es doch immer geben, oder?

Knieps: Das weiß ich nicht: Wenn ich die ärztlichen Diagnosen aus dem RSA rausschmeiße, sind die Anreize weg. Heute beruht der RSA auf ambulanten ärztlichen Diagnosen, zweitens auf Daten der Arzneimittelversorgung, drittens auf Daten aus den Krankenhäusern. Die meisten anderen Länder, die einen RSA haben, sehen überhaupt keine ärztlichen Diagnosen vor, sondern haben in der Regel nur Daten für Arzneimittel und Krankenhäuser als Anknüpfungspunkte. Die Schweizer berücksichtigen sogar nur Krankenhäuser und minimal Arzneimittel, was kaum manipulierbar ist. Wenn ein Arzt mir als Patient mit gut eingestelltem Diabetes beispielsweise Insulin verschreibt, begeht er eine Körperverletzung. Das wäre absolut standeswidrig und meiner Ansicht nach auch strafbar. 

DAZ.online: Und die Daten würden ausreichen, um eine ausreichend gerechte Risikoabschätzung zu machen? 

Knieps: In anderen Ländern reichen die Daten aus. Das muss man für Deutschland mal berechnen. Mit den Daten, die das BVA hat, könnte man feststellen, ob sich die Qualität des RSA signifikant verändern würde. Als damals der Morbi-RSA eingeführt wurde, wurde vereinbart: Wir prüfen, ob die ärztlichen Diagnosen überhaupt reinpassen. Es war schon damals nicht unumstritten. Wenn die Politik ernst nimmt, was im Moment läuft, wird sie sich Gedanken machen müssen, mit welchen Instrumentarien sie dieser Beeinflussung entgegentreten will. Nur mit dem Zeigefinger drohen und dem „Ihr dürft das nicht“ läuft das nicht.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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