Gentherapie Glybera

Wenn das teuerste Arzneimittel der Welt scheitert

Stuttgart - 04.01.2017, 10:00 Uhr

Was darf eine Arznei kosten? Die einmalige Behandlung mit der Gentherapie Glybera kostet fast eine Million Euro. (Foto: Dan Race / Fotolia)

Was darf eine Arznei kosten? Die einmalige Behandlung mit der Gentherapie Glybera kostet fast eine Million Euro. (Foto: Dan Race / Fotolia)


Die erste zugelassene Gentherapie kostet rund 900.000 Euro für eine Behandlung. Doch trotz des hohen Preises könnte Glybera für den Hersteller ein Flop werden: Es gibt nur wenige Patienten – und die Kassen scheuen die Kosten. In Deutschland fand die europaweit erste Behandlung statt. Die Ärztin musste hierfür den Chef einer großen Kasse überzeugen, wie sie DAZ.online erzählt.

Seit die Europäische Arzneimittelagentur EMA im Jahr 2012 die weltweit erste Gentherapie zuließ, wurde sie kaum eingesetzt. Das Arzneimittel Glyber (Wirkstoff: Alipogentiparvovec) soll Patienten mit der äußerst seltenen Stoffwechselerkrankung Lipoprotein-Lipase-Defizienz (LPLD) helfen: Es schleust das benötigte Gen über Viren in den Körper ein. Doch aufgrund der äußerst hohen Kosten kann es wohl als teuerstes Arzneimittel der Welt bezeichnet werden: Eine einmalige Behandlung kostet rund 900.000 Euro.

Der Gendefekt führt bei den Betroffenen zu einem stark reduzierten Abbau der Blutfette Triglyceride, was direkt am Blut zu erkennen ist – es ist weißlich angefärbt. „Dieses weiße Blutfett verstopft die ganz kleinen Haargefäße in der Pankreas“, erklärt die Leiterin der Lipidambulanz an der Charité, Elisabeth Steinhagen-Thiessen. Die Folge der teils chronischen Entzündungen der Bachspeicheldrüse: starke Bauchschmerzen, teils Absterben des Gewebes – und aufwendige Behandlungen.

40 Mal Intensivstation

Die betroffenen Patienten haben oft eine lange Odyssee hinter sich, bis die richtige Diagnose gestellt wird. „Unsere Patientin war auch ein klassischer Fall: Sie war schwanger mit ihrem ersten Sohn, dann kam die ganze Sache ans Tageslicht“, sagt Steinhagen-Thiessen. „Bauchschmerzen gehörten zu ihrem Leben“, erläutert die Ärztin das Leiden der Mitte 40-jährigen Altenpflegerin, die jedoch schon länger ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Über 40 Mal sei sie stationär auf der Intensivstation aufgenommen worden – bis Steinhagen-Thiessen von einer neuen Gentherapie hörte.

Bei einem Wetter, „bei dem man keinen Hund vor die Tür jagen mag“, habe sie abends in Amsterdam das Startup UniQure gesucht, erzählt die Ärztin. Die Ausgründung der Uni Amsterdam soll laut „Technology Review“ um die 100 Millionen Euro für die Entwicklung des Therapieansatzes ausgegeben haben – und stand auch ansonsten vor erheblichen Hürden. So habe die EMA eine klinische Studie mit 342 Patienten erwartet. Doch gibt es in Europa nach Schätzungen insgesamt nur vielleicht 250. „Die Beantragung war eine alptraumhafte Erfahrung“, erklärte der frühere medizinische Direktor von UniQure, Sander van Deventer, gegenüber dem Magazin. 

Die Firma scheiterte mehrfach beinahe

Vor der erfolgreichen Zulassung scheiterte die Firma mit zwei früheren Anträgen – wohl insbesondere aufgrund der schlechten Evidenzlage: Die Gentherapie war zuvor nur 27 Patienten verabreicht worden, ohne Placebokontrolle. Und die Studie konnte keine anhaltende Senkung der Fettwerte nachweisen – doch nach Ansicht der Firma zumindest eine Reduktion der Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen. „Wir wollten nicht aufgeben, auch wenn die kommerziellen Aussichten nicht gut waren“, betonte van Deventer gegenüber „TechnologyReview“.

Am Ende gelang die Zulassung. Doch welcher Preis ist gerechtfertigt – und wie soll bezahlt werden? Gegen eine jährliche Zahlweise über den Zeitraum, in dem die Therapie wirkt, sprachen sich laut van Deventer die Versicherer aus. Doch dies habe in Europa eine große Skepsis hervorgerufen. „Es wurde die Eine-Million-Therapie“, sagte er gegenüber dem Magazin. „Es gibt ein innovationsfeindliches Klima.“ Am Ende verkaufte UniQure die Marketingrechte an Glybera an den kleinen italienischen Pharmaproduzenten Chiesi.

Zusatznutzen nicht quantifizierbar

In Deutschland nahm sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Frage an, welcher Preis für Glybera gerechtfertigt sei. Aufgrund der Zulassung für eine seltene Erkrankung wurde ein Zusatznutzen rechtlich unterstellt – doch dieser sei „nicht quantifizierbar“, entschied das Gremium, sodass jede Behandlung eine Einzelfallentscheidung bleibt. Für ihre Patientin nahm Steinhagen-Thiessen Kontakt mit dem früheren DAK-Vorstand Herbert Rebscher auf. Sie habe argumentiert, dass die Therapie aus ethischen Gründen notwendig sei, erklärt die Ärztin gegenüber DAZ.online. Überzeugen konnten offenbar insbesondere die Kosten, die die Einweisungen auf die Intensivstation verursachten – oder auch eine bei der Patientin durchgeführte Blutwäsche, für die leicht 3000 Euro pro Woche zu veranschlagen seien.

„Aus ethischen Erwägungen sowie aufgrund der Lebensqualität und finanziellen Gründen konnten wir die DAK überzeugen, dass sie dieses Geld von knapp 900.000 Euro für die Patientin ausgibt“, sagt Steinhagen-Thiessen. Es habe sehr viel zu organisieren gegeben – „trivial ist das nicht“, ergänzt sie. So auch die nötigen Schutzvorkehrungen für die Behandlung mit insgesamt 40 Injektionen, die im Herbst 2015 in einem Sicherheitsbereich der Stufe S2 schließlich erfolgten.

Wie geht es weiter?

Schon nach wenigen Stunden sei es der Patientin erheblich bessergegangen, berichtete Steinhagen-Thiessen. „Seitdem geht es der Frau gut, sie arbeitet wieder und hat inzwischen auch geheiratet“, erklärt sie. Doch in Europa sei sie die bislang einzige Patientin, die regulär behandelt worden sei. „Ich habe jetzt einen zweiten Patienten und bin schon in Kontakt getreten mit der Krankenkasse“, sagt die Ärztin. In einem neu geschaffenen Patientenregister, das der G-BA gefordert hatte, seien inzwischen 37 Patienten mit gesicherter Genetik aufgenommen worden.

Ob der Preis für Glybera angemessen ist, mag Steinhagen-Thiessen nicht beurteilen. „Das ist echt nicht mein Metier – ich weiß nicht, was sie alles schon investiert haben“, erklärt sie. „Es ist sicher viel Geld, das die Pharmafirmen investieren müssen, bis sie so ein Produkt entwickelt haben.“ Und für die Patienten könne es sehr viel bedeuten. „Ich habe schon Menschen mit dieser Krankheit vor meinen Augen sterben sehen“, sagt Steinhagen-Thiessen. „Das muss man dann auch aussprechen.“

Doch wie gut Glybera tatsächlich hilft, ist auch noch offen – beispielsweise, wie lange eine Behandlung anhält. „Manche Biochemiker glauben, dass dieses Medikament nur sechs bis acht Jahre wirkt, weil es nur eine einmalige Behandlung darstellt“, sagt die Berliner Ärztin. Ein guter Draht zu Kassenchefs könnte also weiterhin wichtig bleiben.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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