SWR Wissen zu Lieferengpässen

„Bedrohliche Engpässe der Pharmaindustrie“

Stuttgart - 15.12.2016, 16:45 Uhr

Klafft ein Loch in der Arzneimittelversorgung, sind Patienten, Apotheker und Ärzte die Leidtragenden, sagt SWR Wissen. (Foto: Maxim_Kazmin / Fotolia)

Klafft ein Loch in der Arzneimittelversorgung, sind Patienten, Apotheker und Ärzte die Leidtragenden, sagt SWR Wissen. (Foto: Maxim_Kazmin / Fotolia)


Apotheker kennen das Problem: Lieferengpässe bei Arzneimitteln. Nun hat auch „SWR Wissen“ das Thema aufgegriffen. Fazit: Leidtragende seien Patienten, Ärzte, Apotheker – und die Politik müsse handeln.

„Medikamente müssen stets verfügbar sein. Wer krank ist, kann schließlich nicht auf sie warten“, heißt es im Beitrag des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR). Ein wünschenswerter Ansatz. Doch Apotheker in der Offizin und in der Klinikapotheke wissen: In Deutschland sieht die Situation anders aus. So ist mittlerweile alltäglich, dass Arzneimittel nicht lieferbar sind. Oder zeitweise zumindest nur sehr eingeschränkt verfügbar und die Bereitstellung seitens der pharmazeutischen Unternehmer streng kontingentiert erfolgt.

Das Spektrum nicht verfügbarer Arzneimittel ist breit. Aktuell kämpfen Klinikapotheker um die antibiotische Kombination Piperacillin plus Tazobactam. Zuvor war Ampicillin und Sulbactam knapp. Aber auch Offizinapotheker trifft der Versorgungsengpass, wenn etwa „Allerweltswirkstoffe“, die nicht nur für Apotheker das tägliche Brot, sondern für viele Patienten die tägliche Tablette sind, fehlen. So gab es Mitte dieses Jahres die Frage in den Apotheken: „Wann gibt es wieder Metoprolol?“

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SWR Wissen greift in seinem Beitrag  „Medikament nicht lieferbar: „Bedrohliche Engpässe der Pharmaindustrie“ einen besonders kritischen Versorgungsengpass auf: den mit Melphalan. Das Arzneimittel mit dem Handelsnamen Alkeran® ist indiziert in der Therapie des Multiplen Myeloms und war in den Jahren 2015 und 2016 hauptsächlich deshalb in den Schlagzeilen präsent, weil es therapeutisch eben des öfteren nicht präsent war. Die Gründe waren unterschiedlich. So seien technische Störungen ursächlich für Produktionsengpässe gewesen. Ein weiteres Mal führten Verpackungsschwierigkeiten zu Versorgungslücken, dann gab es Unstimmigkeiten in der Dokumentation von Messwerten, heißt es beim Südwestdeutschen Rundfunk.

Warum sind diese Zwischenfälle nun aber so dramatisch? Zum einen ist Melphalan in der Therapie des Plasmozytoms unersetzlich. Und: Es gibt weltweit nur einen Hersteller für den Wirkstoff – die Firma Aspen. Die Folge war, dass in mindestens 48 Fällen eine chemotherapeutische Behandlung im Zeitraum von April 2015 bis Mai 2016 verschoben werden musste – wegen Melphalan-Mangels. Der SWR beruft sich hier auf Daten von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO).  Auch Daz.online berichtete in seinem Lieferengpass-Spezial „Den Defekten auf der Spur“ darüber. „Wer allerdings eine lebensbedrohliche Erkrankung hat, für den kann dieses unfreiwillige Warten unglaublich belastend sein“, heißt es beim SWR.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
cmueller@daz.online


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3 Kommentare

Lieferausfälle

von Werner Speckner am 16.12.2016 um 20:08 Uhr

Die Gründe für diese zunehmende Problematik sind vielfältig. Warum fallen heutzutage regelmäßig Antibiotika, Impfstoffe, Narkotika oder billige Standardarzneimittel in gängigen Einsatzgebieten aus? Demnächst geben die großen Pharmafirmen wie GSK, AstraZeneca, Böhringer ihre Markenartikel, mit denen sie bekannt geworden sind, auf. So wird bald die Firma ASPEN auch die Versorgung mit Narkosemitteln in Deutschland bestimmen. Antibiotika wurden früher im Wettbewerb mit Druck beworben, heute muss man sich als Anwender um Kontingentlieferungen anstellen wie in der früheren DDR. Viele Wirkstoffe werden nur noch in 1 chinesischen Firma hergestellt wie auch viele elektronische Markenartikel. Hauptgrund ist die völlig entartete globalisierte Weltwirtschaft mit dem einzigen Interesse an kurzfristiger Gewinnmaximierung. Ohne ordnungspolitische Grenzen kann ein solidarisches Gesundheitswesen, das von Versichertengeldern finanziert wird, nicht funktionieren! Dazu gehören Mindestvorhaltungen in Waren und Anlagen, in Normen der Qualität und Ökologie innerhalb Europas mit Schutzbegrenzungen vor unkalkulierbaren Abhängigkeiten von bzw. unregulierbaren Quellen in fernen Billigländern. Dies zu regeln, ist die Pflicht unserer politischen Vertreter in Bundesland, Staat und Europa und darf nicht dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen werden!

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Lieferverpflichtung

von Holger Hennig am 16.12.2016 um 8:19 Uhr

Das Argument der "nicht-auskömmlichen" Preise zieht nicht, denn die Verhandlungen, deren Ergebnis diese sind, werden stets von ZWEI Seiten geführt - auf der einen Seite sitzt der Lieferant und auf der anderen der Kunde (Apotheker oder im Fall von Rabattverträgen bzw. AMNOG-Verfahren die Krankenkassen).

Jede Apotheke hat mit ihrer Betriebserlaubnis eine Lieferverpflichtung, wir nennen das auch Kontrahierungszwang. Jede Apotheke hat auch eine Lagerverpflichtung - in der Offizin für eine und in der Klinik für zwei Wochen. Nur der pharmazeutische Unternehmer hat nix. Ich fordere, dass mit der Erteilung einer Zulassung für ein Arzneimittel dem Pharmazeutischen Unternehmer auch die VERPFLICHTUNG zur Lieferung des Produkts auferlegt und eine Verletzung dieser Pflicht mit einem empfindlichen Bußgeld bewehrt wird. Wem das zu riskant ist, der möge seine Zulassung zurückgeben oder veräußern.

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AW: Lieferverpflichtung wären kontroproduktiv

von Jörg Heuer am 16.12.2016 um 23:57 Uhr

Verhandlungen?
1. Rabattverträge werden ausgeschrieben. Wer bei seinem Angebot richtig getippt hat gewinnt. Das hat weniger mit Verhandlungen zu tun, als mit Glücksspiel.
2. Bei AMNOG-Verhandlungen kann der Pharmazeutische Unternehmer auf den Vertrieb des Produktes verzichten, das sind sehr ungleiche Positionen.

Lieferverpflichtung ist weder rechtlich zumutbar, noch sinnvoll ! Warum?
1) Wenn bei Qualitäts- /Produktionsproblemen die Chargen nicht freigegeben werden können, _darf_ der Pharmazeutische Unternehmer nicht liefern. Das ist gut so! Andernfalls machen sich die Beteiligten strafbar.
2) Wenn durch Rabattverträge der ganze Markt blockiert wird, kann man kaum Ware absetzen, warum sollte produziert werden. 1 stellige Umsätze (in Stück) sind nicht auskömmlich. Die Vernichtung ist zu teuer.
3) Kein Pharmazeutischer Unternehmen kann verhindern, das sein Wirkstoffhersteller Pleite geht. Wenn dieser weltweit der letzte war, kann es sehr lange dauern, bis ein neuer gefunden wird und qualifiziert wird.
3) Gleiches gilt, wenn der API-Hersteller seine GMP Inspektion reißt. ( Wenn der Pharmazierat eine Apotheke schließt, sehen die Kunden auch ohne Apotheke da.)
4) Die Anforderungen an das Qualitätssystem und die Dokumentation sind in den letzten 2 Jahrzehnten exponentiell gestiegen. Kann man einem Chemikalienhersteller (Das ist ein Wirkstoffhersteller) verübeln, wenn er solche - aus seiner Sicht Problemprodukte - aus der Produktion nimmt?
5) Alte Produkte, um die geht es in der Regel, habe niedrige Preise und sinkende Umsätze. Oft sind sie nur noch second line Therapie. Beide dem andauernden Preismoratorium ist zu erwarten, das die Kostensteigerungen diese Produkte unrentabel machen.

Eine Lieferverpflichtung mit Bußgeld-Androhung _erhöht_ nur das Verlustrisiko für den Unternehmer. Allein die Handels-rechtlichen Verpflichtungen des Geschäftsführers gegenüber dem Unternehmen und seinen Gläubigern würden einen noch _früheren Verzicht auf die Zulassungen_ zur Folge haben. Statt ein auftretendes Problem versuchen zu lösen, wäre Zulassungsverzicht angezeigt. Dann müssen halt nicht nur 60, sondern ein paar Hundert Patienten auf diese Therapie verzichten.
Entweder man bekommt Preise, die die Kosten und das Risiko abdecken, oder der Staat muss ich um die Produkte kümmern. Letzteres ist in einer Zeit, in der die Politik das Gesundheitssystem nicht besser, sondern nur billiger machen will, sehr unwahrscheinlich.
Schreibe aus meiner langjährigen Erfahrung heraus.

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