Grenzgänger zur Erkältungszeit

Mehr Schweizer kaufen in deutschen Apotheken ein

01.12.2016, 11:00 Uhr

So hoch wie die Schweizer Berge: Arzneimittelpreise in der Schweiz. (Foto: Günter Menzl / Fotolia)

So hoch wie die Schweizer Berge: Arzneimittelpreise in der Schweiz. (Foto: Günter Menzl / Fotolia)


Bis zu viermal günstiger gegenüber der Schweiz sind hierzulande viele Arzneimittel, die ohne Rezept über den HV-Tresen gehen. Derzeit sind Grippemittel gefragt, doch die Apotheker etwa in Konstanz nahe der Schweizer Grenze merken seit der Freigabe des Franken-Euro-Wechselkurses generell eine erhöhte Schweizer Nachfrage.

Die Temperaturen sind drastisch gefallen, und im gleichen Maße steigt die Zahl der Menschen, die sich eine Erkältung einfangen. Gegen die lästigen Symptome Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Kopfschmerz und das Gefühl, krank zu sein, gibt es eine Vielzahl von rezeptfreien Arzneimitteln. Dementsprechend steigt der Absatz an Nasensprays, Grippemitteln und Hustensaft, wenn es kalt wird.

In Konstanz am Bodensee hört man in den Apotheken zwischen all den Erkältungsgeplagten in diesen Tagen aber auch viele Stimmen mit Schweizer Zungenschlag. Denn auch die Schweizer greifen gerne zur Selbstmedikation, jedoch lieber in den deutschen Apotheken – dort zahlen sie bis zu viermal weniger für das rezeptfreie Arzneimittel-Sortiment als in der Schweiz.

Viele Schweizer – aber nicht nur zur Grippezeit

„Der Preisunterschied ist derart groß, dass ich mir mit dem Geld noch das Benzin einspare“, zitiert die Schweizer Zeitung Blick am Abend ihren Landsmann, den 66 Jahre alten Werner Künzi, den ein Reporter vor der Konstanzer Rosgarten-Apotheke befragt hatte. Die Menschen stünden Schlange in der Apotheke, um Kopfschmerzmittel, Nasensprays, Fieberzäpfchen und Grippemittel einzukaufen. „Es ist unerhört, wie teuer dieselben Produkte bei uns sind. Hier zahle ich 60 Prozent weniger“, sagten die Senioren Erika und Jan van Rhijn der Zeitung.

Apotheker Volker Albrecht, dem zusammen mit der Apothekerin Ulla Hastreiter die drei Rosgarten-Apotheken in Konstanz gehören, wollte gegenüber DAZ.online nicht unbedingt von „einem Ansturm der Schweizer“ sprechen. „Aber wir haben tatsächlich viel Schweizer Publikum hier“. Allerdings nicht nur zur Erkältungszeit. „Seit der Wechselkurs des Franken zum Euro freigegeben wurde, ist das so“, sagt der Apotheker.

Freitags und samstags kommen die meisten

Im Januar 2015 hatte die Schweizer Nationalbank den bis dahin geltenden Mindestkurs von 1,20 Franken je Euro aufgehoben. Derzeit ist ein Euro ungefähr 1,07 Franken wert oder andersrum für einen Franken erhält man rund 97 Cent.

Nicht nur in den drei Rosgarten-Apotheken der 85.000-Einwohner-Stadt Konstanz kauften viele Schweizer gerne ein, sondern natürlich auch in den übrigen Offizinen. Auch alle anderen Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt profitierten von den Besuchern von der anderen Seite des Bodensees. „Bei uns werden da natürlich vor allem rezeptfreie Medikamente gekauft. Die sind hier viel billiger als in der Schweiz. Und das nicht nur zur Grippezeit“, sagt Albrecht. Vor allem freitags und samstags seien viele Schweizer in der Stadt, beobachtet der Apotheker, der natürlich Kunden aller Nationalitäten gerne bedient. 

90 Minuten Autofahrt lohnen sich für die Eidgenossen

Und für die Eidgenossen lohnt sich der Weg selbst von etwas weiter hinter der Grenze gelegenen Orten wohl, heißt es in der Schweizer Zeitung. Bis zu 90 Minuten Autofahrt, teilweise total verschnupft und erkältet, nähmen die Menschen auf sich, um in den deutschen Apotheken statt zwölf Franken nur umgerechnet drei Franken etwa für ein Nasenspray auszugeben.

Generell gelten Medikamente in der Schweiz als mit die teuersten in Europa. Seit Längerem wird das in der Schweiz kritisiert. Die Schweizer Zeitung Tagesanzeiger zitierte jetzt den Schweizer Preisüberwacher Stefan Meierhans, der die Preise der 20 umsatzstärksten Wirkstoffe in der Schweiz und in 15 europäischen Ländern für den Referenzmonat August 2016 miteinander verglichen hat. Er kam zu dem Schluss, dass patentfreie Originalpräparate außerhalb der Schweiz nur rund die Hälfte des in der Schweiz geforderten Betrags kosten. Generika seien mit rund 60 Prozent mehr in der Schweiz sogar noch teurer. In der Schweizer Regierung gibt es offenbar Pläne, zur Regulation ein Festbetragssystem wie in Deutschland einzuführen, jedoch nicht vor dem Jahr 2019.



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Tagrisso

von Bernd Jas am 02.12.2016 um 10:01 Uhr

Tagrisso ist vom deutschen Markt verschwunden weil für den GBA das Kosten-Nutzen Verhältnis nicht stimmt. Jetzt dürfen wir feine Ware aus der Schweiz importieren, die dann nicht knappe 7.000,- €, sondern ca. 11.500,- € im EK kostet (in USA >20 K).
Zur Übung können sich ja mal die „JuLis“ nach Ausschalten der Playstation den VK ausrechnen.

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