Der Entzündungshemmer aus dem Currypulver

Curcumin besser als Cortison? 

Saarbrücken - 22.11.2016, 12:00 Uhr

Curcumin stammt aus der Gelbwurzel (Curcuma longa), eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae). Verwendet wird das Rhizom. (Foto: akepong / AdobeStock)

Curcumin stammt aus der Gelbwurzel (Curcuma longa), eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae). Verwendet wird das Rhizom. (Foto: akepong / AdobeStock)


Forscher der Universität des Saarlandes haben jetzt den Mechanismus aufgedeckt, über den Curcumin, Inhaltsstoff des gelben Gewürzes Curcuma, entzündungshemmend wirkt. Dabei zeigte sich, dass der Curry-Bestandteil das Potenzial haben könnte, als Grundlage für entzündungshemmende Wirkstoffe zu dienen.  

Es gibt nicht wenige Patienten, die es mit der Angst zu tun bekommen, wenn sie das Wort Cortison hören. Die gewünschte entzündungshemmende Eigenschaft des Steroidhormons tritt für sie in den Hintergrund und aus Angst vor einem Spektrum von unerwünschten Wirkungen wie aufgedunsenem Aussehen durch Fett- und Wassereinlagerungen, Müdigkeit und vielem mehr werden verschriebene Corticoid-haltige Arzneimittel erst gar nicht genommen.

Auch wenn diese Angst heute und vor allem bei kurzer Behandlung meist eher weniger begründet ist, haben die Präparate doch diesen schwer weg zu bekommenden Ruf – und ein gewisses Spektrum an unerwünschten Wirkungen der Corticoid-Präparate bleibt bestehen. 

Wirkmechanismus von Curcumin aufgeklärt

Wenn es nach der Professorin für Pharmazeutische Biologie Alexandra Kiemer und ihrer Mitarbeiterin, der promovierten Pharmazeutin Jessica Hoppstädter von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, geht, könnte es in Zukunft aber eine Alternative zu dem Hormon geben, die genauso entzündungshemmend wirkt, jedoch ohne die unerwünschten Wirkungen der Corticoide – Curcumin, enthalten im gelbfarbenen Gewürz Curcuma und Bestandteil von Curry-Gewürzmischungen.

In ihrem jetzt im Journal of Biological Chemistry veröffentlichten Artikel legen die Forscherinnen dar, auf welche Art Curcumin, entzündungshemmend wirkt. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass Curcumin in seinem Wirkmechanismus dem des Cortison sehr ähnelt. Die Forschung führte die Arbeitsgruppe von Professor Kiemer gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten Frankfurt am Main und Perugia in Italien durch.

Curcumae longae rhizoma (Curcumawurzelstock)

Die Stammpflanze, die Gelbwurzel (Curcuma longa)  ist eine tropische Rhizomstaude, die etwas über einen Meter hoch wird. Sie gehört der Familie der Ingwergewächse (Zingiberaceae) an. 

Als Droge verwendet wird das Rhizom. Es enthält 3 bis 5 Prozent Curcuminoide, vor allem Curcumin. Curcumin (Diferuloylmethan) macht etwa 90 Prozent Curcuminoide aus.

Den Curcuminoiden wird eine Reihe pharmakologischer Wirkungen nachgesagt. So sollen sie choleretisch, hepatoprotektiv, antioxidativ , tumorhemmend und eben antiphlogistisch wirken. Es gibt zahlreiche Studien, darunter auch randomisierte placebokontrollierte – allerdings die meisten nur mit sehr kleinen Teilnehmerzahlen.

In einer Übersichtsarbeit wird für eine Dosierung von 1125 bis 2500 mg die antientzündliche Wirksamkeit bestätigt. Berücksichtigt wurden dabei In-vitro-Studien, Tierversuche und klinische Studien. Problematisch ist die geringe Bioverfügbarkeit.

Traditionell wird Curcuma zur Erhöhung des Gallenflusses eingesetzt, um Symptome wie Blähungen und Völlegefühl zu lindern. Es gibt eine entsprechende HPMC-Monografie. Fertigarzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel, die die Droge oder Extrakte (z.B. Trockenextrakt in Curcu-Truw) daraus enthalten, sind im Handel. 

Cortison und Curcumin erhöhen die Menge eines anti-entzündlichen Proteins

„Wir konnten nachweisen, dass Curcumin nicht nur unspezifisch wirkt, sondern ganz gezielt antientzündliche Wirkung entfaltet. Anhand von Versuchsreihen an Zellmodellen können wir belegen, dass das Gewürz wie Cortison gezielt das Protein GILZ beeinflusst“, erklärt Kiemer. GILZ steht für „Glucocorticoid-induzierter Leuzin-Zipper“. In früheren Studien hatten Kiemer und Hoppstädter bereits nachgewiesen, dass dieses Protein vor allem in den Makrophagen eine Entzündungsreaktion, die eine gesteigerte Immunantwort darstellt, unterbindet. Im Falle einer Infektion wird GILZ abgebaut und die starke Antwort des Immunsystems erfolgt.

Leuzin-Zipper sind dabei eine Klasse von Proteinen, die sich spezifisch an bestimmten Stellen an die DNA binden und das Ablesen von Genen dadurch regulieren. „Glucocorticoide wie Cortison induzieren über die Aktivierung des Glucocorticoid-Rezeptors die Transkription – also das Ablesen – des GILZ-Gens, das heißt, es entsteht mehr GILZ mRNA und dadurch auch mehr GILZ-Protein“, erklärt Kiemer.

Uns hat einfach interessiert, ob andere antientzündliche Stoffe außer Glucocorticoiden auch GILZ induzieren können. Als pharmazeutische Biologen wussten wir, dass Curcumin in verschiedenen Entzündungsmodellen antiinflammatorisch wirkt. Also lag es nahe, auszutesten, ob es einen Effekt auf GILZ hat“, erklärt die Professorin ihren Forschungsansatz. 


Cortison-spezifische Zellprozesse sind bei Curcumin nicht betroffen

„Curcumin führt ebenfalls dazu, dass speziell GILZ induziert wird, jedoch mit einem ganz anderen Mechanismus als Cortison“, erklärt Jessica Hoppstädter. Curcumin aktiviere den Glucocorticoid-Rezeptor nicht, das heißt, die mRNA-Spiegel für GILZ bleiben unverändert, sagt Kiemer. „Die vermehrten GILZ-Proteinspiegel kommen vielmehr durch eine erhöhte Translation zustande (also mehr Produktion von Protein anhand vorhandener mRNA)“, sagt Kiemer. Insgesamt erniedrige sich die Proteinsynthese der Makrophagen nach Curcumin-Behandlung, aber die von GILZ werde erhöht.

Über diesen Weg würde zwar die Entzündung gehemmt, aber die übrigen Zellprozesse, die normalerweise über den Weg des Glucocorticoid-Rezeptors durch Cortison aktiviert würden, seien damit durch Curcumin nicht betroffen. Das dürfte, so die Wissenschaftlerinnen, dann auch nicht das Spektrum unerwünschter Nebenwirkungen wie bei Cortison-Präparaten zur Folge haben.

Weitere Experimente sollen Wirkung in vivo belegen

Die Experimente der Forscherinnen fanden bislang in vitro mit verschiedenen Zellkulturen statt, in denen unter anderem GILZ genetisch ausgeschaltet war. „Curcumin wirkt sicherlich nicht nur über GILZ. Auch Glucocorticoide wirken nicht nur über GILZ. Wenn das Protein aber ausgeschaltet ist, sind die antientzündlichen Wirkungen in beiden Fällen stark verringert“, sagt Kiemer.

Interessant wäre es nun natürlich, sagt die pharmazeutische Biologin, ob GILZ auch in vivo für die antientzündlichen Wirkungen von Curcumin verantwortlich sei. „Und uns interessiert natürlich auch, ob die Effekte von Curcumin spezifisch für Makrophagen sind und ob Derivate des Wirkstoffs ähnlich wirken“, sagt Kiemer. Auch andere antientzündliche Wirkstoffe und ihre Interaktion mit GILZ sollen in der nächsten Zeit Gegenstand der Forschung der Wissenschaftlerinnen sein, deren Hauptaugenmerk weiterhin auf dem Protein liegt.

Mangelnder Patentschutz für Curcumin könnte Einsatz als Arzneimittel verhindern

Was die Zukunft von Curcumin als möglichen besser verträglichen entzündungshemmenden Wirkstoff angeht, ist Kiemer dennoch skeptisch. „Es handelt sich hier um Grundlagenforschung, aber diese könnte die Basis dafür sein, künftig Medikamente zu entwickeln, die weniger unerwünschte Wirkungen haben als Cortison“, sagt sie. Allerdings gebe es beim Curcumin, das in Deutschland bereits als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt ist, das Problem, das es bei allen altbekannten Naturstoffen gebe, sagt die Professorin. „Die Wirkstoff-Hersteller müssten groß angelegte klinische Studien vorlegen, um eine Zulassung als Arzneimittel zu erhalten. Aufgrund des nicht vorhandenen Patentschutzes lassen sich diese praktisch nicht finanzieren“, sagt Kiemer. „Wir sehen unsere Arbeit jedoch als eine ‚proof-of-principle-Studie‘ im Bereich der Grundlagenforschung an, die zeigt, dass Glucocorticoid-ähnliche Effekte durch ganz andere Mechanismen erzielt werden können.“

Die Forscherinnen raten nun auch vom übermäßigen Gebrauch von Curry-Pulver ab. „Solche wirksamen Konzentrationen an Curcumin, das auch schlecht wasserlöslich ist und vom Körper schlecht aufgenommen wird, kann man durch Verzehr nicht erreichen“, stellt Hoppstädter klar. Eine Behandlung mit Curcumin werde aber bereits etwa bei der entzündlichen Darmerkrankung Colitis Ulcerosa in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten empfohlen, sagt Kiemer.



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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9 Kommentare

AW: niveaulos

von dankedaniel am 23.02.2019 um 15:30 Uhr


"Die Autorinnen der Studie weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein übermäßiger Verzehr von Curry oder Curcuma keinen Sinn macht."

Was ist denn ein Übermaß? Etwa regelmäßiger Konsum, ähnlich, wie es in Indien bzw. im Ayurveda praktiziert wird?

Außerdem geht doch probieren über studieren, besonders wenn es sich um rel. harmlose, aber gleichzeitig vielversprechende "Hausmittel" handelt.

Warum auf die Schulmedizin warten, wenn das alte empirische Wissen von Generationen, siehe auch in der TCM, quasi kostenlos verfügbar ist?

Es wäre wirklich ein Bärendienst für die Menschheit, wenn sich die medizinische Forschung mit echten Problemen befassen würde und nicht ihre und unsere Zeit mit dem Neuerfinden des Rades vergeuden würde.

Nebenbei sollte man sich auch immer wieder mal auf das Credo des Begründers der Wissenschaftlichen Medizin besinnen: Eure Nahrung sei Euer Heilmittel.

Ich selbst habe die starke entzündungshemmende Wirkung von Curcuma + Pfeffer + Leinöl + Kokosöl (alles Bio) am eigenen Leib spüren können. Habe diese Mischung als wirksame Alternative gegen einen hartnäckigen Shiitake-Ausschlag eingesetzt, nachdem die Schulmedizin mit Kortison und Antihistaminikum kläglich gescheitert war - ich bekam davon u.a. Herzstolpern („Herz: Entgleisen des Herztakts durch Kortison“).

Nun bin ich froh, die natürliche Alternative zu kennen und hoffe, dass noch mehr Menschen Mut zum Probieren fassen. So wie es die natürliche Selektion über Millionen Jahre mit uns und unseren Gene unternahm, um uns die Pflanzen nahezubringen, welche zum Überleben und Gesundbleiben bzw. -werden wichtig sind. Und dazu zählen nicht die Errungenschaften züchterischer Übertreibungen in der Landwirtschaft der letzten paar 1.000 Jahre.

Es sollte an erster Stelle also die Natur stehen und nicht die Chemie bzw. das Pharmazeutikum.

» Auf diesen Kommentar antworten | 4 Antworten

AW: AW: niveaulos

von Reinhard am 16.12.2019 um 8:51 Uhr

Hallo,
wie haben Sie Ihre Curcuma + Pfeffer + Leinöl + Kokosöl Mischung angewendet? Einreiben oder Einnehmen?
Viele Grüße
Reinhard

AW: AW: niveaulos

von Reinhard am 16.12.2019 um 9:24 Uhr

... und welches Mischungsverhältnis haben Sie angewendet?

AW: AW: niveaulos

von dankedaniel am 16.12.2019 um 13:52 Uhr

Ich mir eine Paste bestehend aus je 1 TL Curcuma, Leinöl, Kokosöl und eine Messerspitze feingemahlener Bio-Pfeffer (z.B. Stiftung Warentest 01/2016 "Gut" und FairGlobe zertifiziert). Mit einem Schluck warmen/heissen Wassers hinterher. Auch als "Goldene Milch" regelmäßig anwendbar (es gibt hier verschiedene Rezepturen). Alles Bio bzw. Naturland oder Demeter.

AW: AW: niveaulos

von Reinhard am 16.12.2019 um 17:05 Uhr

Super Details, vielen Dank!

Das hat DAZ.online nicht nötig

von Claudia Bruhn am 22.11.2016 um 16:42 Uhr

Auf dem Niveau der BILD sehe ich diese News zwar nicht, aber ich finde, mit Überschriften wie “Curcumin besser als Cortison?” muss DAZ.online nicht um Aufmerksamkeit werben. Ich meine auch, dass Formulierungen wie “haben die (Kortison)Präparate doch diesen schwer weg zu bekommenden Ruf”(ogottogott!) oder “aufgedunsenes Aussehen durch Fett- und Wassereinlagerungen” im Online-Auftritt einer pharmazeutischen Fachzeitschrift nichts zu suchen haben. Und man muss dem Leser auch nicht erklären, was sich hinter Begriffen wie Translation und Transkription verbirgt, oder?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

niveaulos

von Katrin Paulsen am 22.11.2016 um 12:47 Uhr

„..Dabei zeigte sich, dass der Curry-Bestandteil das Potenzial haben könnte, in Zukunft zum Konkurrenten für Cortison-Präparate zu werden.“ Da rollen sich einem doch die Zehennägel hoch. Die Studie berichtet Ergebnisse an einer Makrophagen-Zelllinie!! Wird die DAZ jetzt von den Herstellern der Currypulver-Präparate gesponsert??? Ganz am Ende, auf S. 2, wird es zwar etwas relativiert – aber die Schlagzeile ist in der Welt …
Das ist das Niveau der Bild-Zeitung.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: niveaulos

von DAZ.online Redaktion am 22.11.2016 um 13:31 Uhr

Liebe Frau Paulsen,
Geld bekommen wir von niemandem, aber sie haben natürlich recht, ganz seriös ist diese Aussage nicht. Wir haben sie relativiert: "Dabei zeigte sich, dass der Curry-Bestandteil das Potenzial haben könnte, als Grundlage für entzündungshemmende Wirkstoffe zu dienen."
ich denke, dass trifft es besser.
Herzliche Grüße
Ihre DAZ.online-Redaktion.

AW: niveaulos

von Albrecht Bodegger am 23.11.2016 um 14:58 Uhr

Wenn Sie sich die Mühe gemacht haben, den ganzen Text und nicht nur die Schlagzeile zu lesen, dann haben Sie sicher festgestellt, dass es sich hier um Grundlagenforschung handelt, in die kaum ein pharmazeutischer Hersteller investieren möchte, weil sich diese Investition aufgrund der nicht vorhandenen Patentierbarkeit wohl nicht rechnen würde. Die Autorinnen der Studie weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein übermäßiger Verzehr von Curry oder Curcuma keinen Sinn macht. Wie kommen Sie also auf die Idee, irgendein Hersteller könnte die DAZ für solche Schlagzeilen bezahlen?

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