Missbrauchsfälle

Länder ermitteln wegen Arzneimittel-Tests an Heimkindern

Essen - 22.11.2016, 08:00 Uhr

Nach einer Studie soll es unter anderem im Essener Franz-Sales-Haus Arzneimitteltests an Heimkindern gegeben haben. (Foto: Franz Sales Haus / Wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Nach einer Studie soll es unter anderem im Essener Franz-Sales-Haus Arzneimitteltests an Heimkindern gegeben haben. (Foto: Franz Sales Haus / Wikimedia, CC BY-SA 3.0)


Heimkinder als Versuchsobjekt: In der Nachkriegszeit sollen Medikamente an Heimkindern getestet worden sein, wie eine Studie nun aufgedeckt hat. Es geht demnach um bundesweit etwa 50 Versuchsreihen. Zwei Bundesländer untersuchen die Vorwürfe.

An Essener Heimkindern sollen nach Recherchen von Experten Ende der Fünfzigerjahre Medikamente getestet worden sein. Das berichten das ARD-Magazin Fakt und der WDR. Demnach hatten 28 Kinder im katholischen Franz-Sales-Haus das beruhigende Neuroleptikum Decentan bekommen, das nach Angaben von Arzneimittelexperten typischerweise bei Psychosen oder Schizophrenien eingesetzt wird. Als Folgen vermutlich zu hoher Dosierungen wurden unter anderem Schrei- und Blickkrämpfe oder auch psychische Veränderungen festgehalten.

Die Ergebnisse gehen auf Recherchen im Archiv des Darmstädter Pharmaunternehmens Merck zurück. Ein Sprecher des Konzerns bestätigte auf Anfrage, es gebe entsprechende Unterlagen im Archiv. Nach seinen Angaben gibt es aber keine Hinweise, dass die Tests im Auftrag des Unternehmens stattgefunden hätten.

Merck: Verantwortung liegt beim Arzt

Merck habe unterschiedlichsten Einrichtungen „die Testung des Arzneimittels ermöglicht“. Die Verantwortung liege bei dem Arzt, der das Medikament verabreicht habe. „Nach unserer Kenntnis hat Merck nicht rechtswidrig gehandelt. Daher stellt sich die Frage nach Wiedergutmachung nicht“, stellte der Konzern fest. Merck unterstütze die Aufarbeitung der Fälle.

Das Essener Heim kündigte an, Kontakt zu den Betroffenen aufzunehmen. Bei der Aufarbeitung im Jahr 2012 von historischen Missbrauchsfällen in dem Heim sei die „Medikamentenvergabe“ ein Thema gewesen, sagte eine Sprecherin. Externe Experten hätten aber keine Hinweise auf Medikamententests gefunden, sagte Sprecherin Barbara Steiner.

„Es war ja tatsächlich so, dass Medikamente an die Kinder ausgegeben worden sind, auch regelmäßig. Es hat sich im Archiv aber nichts gefunden, was auf Tests hingedeutet hat“, sagte Steiner. Das Heim sei gesprächsbereit und werde auf die Betroffenen zugehen. 

Neuroleptikon gegen „kindliche Verhaltensstörungen“

Aufgedeckt hatte die Pharmazeutin Sylvia Wagner Tests an deutschen Heimkindern. Sie hatte Archive und historische Fachzeitschriften ausgewertet und Belege für bundesweit etwa 50 Versuchsreihen gefunden. Demnach wurden zwischen 1950 und 1975 Impfstoffe, Psychopharmaka und Libido-hemmende Präparate an Kindern getestet. Für diese Arbeit hatte sie auch im Merck-Archiv recherchiert.

Die Pharmazeutin stieß auch auf eine Versuchsreihe in der Jugendpsychiatrie Viersen-Süchteln am Niederrhein. Dort seien 30 Kinder im Alter zwischen 12 und 13 Jahren „aus ungünstigen Verhältnissen“ mit dem Neuroleptikon Dipiperon behandelt worden, in Erwartung, dass sich „kindliche Verhaltensstörungen“ besserten. Der Landschaftsverband Rheinland teilte mit, es habe früher in Einrichtungen immer wieder „Medikamentengaben“ gegeben, aber von Medikamententests sei nichts bekannt.

Bundesländer untersuchen Vorwürfe

Die nordrhein-westfälische Landesregierung kündigte eine Prüfung und Aufarbeitung der Studie an. „Unerlaubte Medikamententests darf es nicht geben – damals wie heute nicht“, sagte das Ministerium dem WDR.

Zuvor hatte schon die Landesregierung in Schleswig-Holstein die Aufarbeitung von zwei Fällen in Schleswig-Holstein angekündigt. In der Schleswiger Jugendpsychiatrie des damaligen Landeskrankenhauses soll ein mittlerweile toter Arzt zwei Medikamente an insgesamt 95 Kindern und Jugendlichen erprobt haben. Die Landesregierung stellte eine Entschädigung in Aussicht.



dpa / DAZ.online
redaktion@daz.online


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