Baden-Württemberg

Guck‘ mal, DocMorris. So geht es auch!

Berlin - 14.10.2016, 16:00 Uhr


Das baden-württembergische 1800-Einwohner-Örtchen Neidlingen erinnert an den Ort Hüffenhardt: Es gibt einige Ärzte, aber keine Apotheke. In Hüffenhardt baut DocMorris derzeit einen Video-Abgabeautomaten. In Neidlingen zeigen die Apotheker nun öffentlichkeitswirksam: Wir können die Versorgung auch ohne DocMorris sichern.

Rund 1800 Einwohner zählt der kleine baden-württembergische Ort Neidlingen am Rande der Schwäbischen Alb. Bis vor Kurzem mussten die Einwohner für den Arztbesuch und auch, um ihre Rezepte einzulösen, den Weg in die einige Kilometer entfernte 10.000-Einwohner-Stadt Weilheim an der Teck antreten. Ihrem offensichtlich sehr engagierten Bürgermeister Klaus Däschler, der zuvor 35 Jahre lang Kriminalkommissar bei der Polizei Esslingen war, haben die Neidlinger nun zu verdanken, dass das seit Anfang Oktober nicht mehr so ist.

Erst kam eine Arztpraxis, dann der Rezeptbriefkasten

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung vor allem der älteren Neidlinger Einwohner hatte Däschler sich auf die Fahnen geschrieben und im Dezember den Weilheimer Arzt Simon Driesel davon überzeugen können, eine an vier Tagen in der Woche geöffnete Filial-Praxis in Neidlingen zu eröffnen. Seit etwa Mitte Oktober hängt nun am Gartenzaun des Hauses, in dem die Praxis untergebracht ist, auch ein Rezeptbriefkasten. Die zuständige Kammer hat die Rezeptsammelstelle erlaubt.

„Bislang gab es noch keine eingeworfenen Rezepte“, sagt Tilla Frank-Neumeyer, die in Weilheim die Stadt-Apotheke betreibt. Der Kasten hänge dort ja auch erst seit Montag. Und natürlich dürften dort auch Rezepte eingeworfen werden, die von anderen Ärzten ausgestellt seien, sagt die Apothekerin.

Eine Besonderheit ist aber, dass sie sich mit dem Apotheker Hans-Jörg Egerer, der in Weilheim die Adler-Apotheke besitzt, die Zuständigkeit für den Briefkasten teilt. „Wir wechseln uns dabei alle vier Monate ab“, erklärt Frank-Neumeyer. Auf die gleiche Art würden sich die beiden einzigen Apotheken in Weilheim seit über 40 Jahren auch die Versorgung des Altenheims teilen, erklärt die Apothekerin.

Servicedenken wichtiger als Konkurrenz

„Wir teilen uns alles, weil uns der Service am Kunden wichtiger ist, als irgendwelche persönlichen Animositäten oder Konkurrenzdenken“, sagt Frank-Neumeyer. Seit sie 1974 die Apotheke übernommen habe, gebe es diese Kooperation. „Vorher mit dem Senior und nun mit dem Junior“, sagt sie. „Und wenn ich mal was nicht auf Lager habe, rufe ich drüben an. Das macht er genauso. So können wir immer fast alles sofort liefern“, sagt die Apothekerin.

Von diesem Servicedenken profitieren nun auch die Neidlinger. Montags, dienstags, mittwochs und donnerstags, wenn die Praxis vormittags geöffnet ist, wird der Briefkasten jeweils um 14 Uhr geleert. Am jeweils nächsten Tag sollen die Patienten dann ihre Arzneimittel geliefert bekommen – ausgeliefert von einer pharmazeutischen Fachkraft, die auch für die entsprechende Beratung sorgt. Eine eigene Apotheke in dem 1800-Einwohner Ort würde sich wohl nicht lohnen, vermutet Frank-Neumeyer. Sie und ihr Kollege von der Adler-Apotheke seien gemeinsam auf Neidlingens Bürgermeister zugegangen, als sie gehört hätten, dass er einen Rezeptbriefkasten aufstellen lassen wollte. Auch mit allen notwendigen Genehmigungen sei dann alles recht schnell gegangen, sagt sie. Nun wartet man auf die ersten Rezepte.

Neidlingens Bürgermeister Klaus Däschler (am Tischende) diskutierte unter anderem mit Michael Hennrich (MdB, 1. v. l.), den Weilheimer Apothekern Tilla Frank-Neumeyer und Dr. Hans-Jörg Egerer (3. und 4. v. l.) sowie dem DAV-Chef Fritz Becker (1. v. r.).

Einweihung mit Fritz Becker und Michael Hennrich 

Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg nutzte das Beispiel Neidlingen aber für eine öffentlichkeitswirksame PR-Aktion: LAV-Chef Fritz Becker traf sich im Ort mit CDU-Arzneimittelexperte Michael Hennrich, um die Rezeptsammelstelle einzuweihen und über die Versorgung im Ort zu sprechen. Hennrich kommentierte: „Wir als Politiker haben die Grundlagen dafür geschaffen, dass solche Lösungen wie die Zweigpraxis und die Rezeptsammelstelle machbar sind. Mein großes Kompliment geht an alle Beteiligten hier in Neidlingen. Das runde Zusammenspiel, der offene und schnelle Austausch zwischen allen Akteuren und ein Bürgermeister, der selber anpackt, machen Neidlingen zu einem Leuchtturmprojekt.“ Becker wies den CDU-Politiker darauf hin, dass die Apotheker durch solche Botendienste erhebliche Mehraufwände hätten, die bislang nicht honoriert würden.

In Hüffenhardt hingegen haben der Bürgermeister und der Gemeinderat einen anderen Weg gewählt: Nachdem die Gemeinde keinen Nachfolge-Apotheker finden konnte, startete sie eine Kooperation mit DocMorris. Die niederländische Versandapotheke will in den Räumen der alten Apotheke eine Video-Abgabestelle errichten. Derzeit laufen in Hüffenhardt die Bauarbeiten, noch in diesem Jahr will DocMorris seine „Apotheke“ eröffnen.



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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