Zeitungsbericht über Kassenfinanzierung

Machen Kassen ihre Patienten kränker als sie sind?

Stuttgart - 20.09.2016, 17:30 Uhr

Laut „Welt am Sonntag“ werden Diagnosen oftmals optimiert, damit Kassen höhere Summen aus dem Gesundheitsfonds erhalten. (Foto: dpa)

Laut „Welt am Sonntag“ werden Diagnosen oftmals optimiert, damit Kassen höhere Summen aus dem Gesundheitsfonds erhalten. (Foto: dpa)


Milliardensumme führt zu Angst und Benachteiligung

Die Zeitung zitiert eine weitere brisante Rechnung einer Krankenkasse, nach der Kassen rund eine Milliarde Euro für Maßnahmen ausgeben, ihre Patienten möglichst krank erscheinen zu lassen – ohne dass dies irgendeinen sonstigen Nutzen hätte. Welche Krankenkasse die Überschlagsrechnung erstellt hat, beschreibt die Welt am Sonntag allerdings nicht. Ebenso bleibt unklar, wie diese Krankenkasse die Ausgaben ihrer Konkurrenten so genau einschätzen kann.

Allerdings zitiert die Zeitung Jens Baas, Vorstand der Techniker Krankenkasse, der die Probleme zumindest teilweise eingesteht. „Es ist der gleiche Effekt, wie wenn im Kino einer aufsteht: Alle machen mit – müssen sie auch, wenn sie etwas sehen oder bei den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht ganz abgehängt werden wollen“, erklärte er. Eine ähnliche Auffassung hatte Baas übrigens kürzlich im Zusammenhang mit den Zyto-Ausschreibunge geäußert: Eigentlich seien die Zyto-Verträge für ihn nicht die optimale Lösung, er mache aber mit, weil ihm die anderen Kassen keine Chance zu ließen.

Ärzte werden honoriert

Doch damit nicht genug. Die Vorwürfe der Welt am Sonntag gehen noch weiter. Denn für einige Kassen sind laut der Zeitung sogar sogenannte „Kodierberater“ unterwegs. Hintergrund: Einige Kassen schließen seit 2014 „Betreuungsstrukturverträge“ mit den Kassenärztlichen Vereinbarungen ab, die gleichfalls für einen besseren Geldabfluss aus dem Gesundheitsfonds sorgen können. Ärzte erhalten demnach einige Euro pro Diagnose, die sie stellen. Die Techniker Krankenkasse soll niedergelassenen Ärzten in Schleswig-Holstein für eine Diagnose sogar 25 Euro zahlen, wenn einem Patienten sechs oder mehr Diagnosen aus unterschiedlichen Diagnosegruppen gestellt werden. „Betreuungsstrukturverträge sind ein Übel und erzeugen Druck“, erklärt die Kasse selber, verweist aber erneut auf den Gruppenzwang.

Die TK beschwert sich seit Jahren über Ungerechtigkeiten im System der Krankenkassenfinanzierung. Aus Sicht der Ersatzkassen sind es inbesondere die AOKs, die aufgrund ihres Versichertenklientels von den Chroniker-Zuschlägen profitieren. Ein Sprecher der Krankenkasse befürchtet nun, dass das derzeitige Vorgehen im Kassenlager negative Langzeitwirkungen haben könnte: „Wir sind gespannt, wann der erste Patient keine Leistung aus seiner Berufsunfähigkeitsversicherung bekommt, weil für ihn Diagnosen gestellt wurden, von denen er gar nichts wusste und die er demzufolge bei Abschluss der Versicherung nicht angegeben hat“, erklärte er gegenüber der „Welt am Sonntag“.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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