Pharma-Strategie

Leidet Bayer-Healthcare unter Monsanto?

16.09.2016, 13:30 Uhr

Bitte lächeln: Bayer-CEO Werner Baumann und Monsanto-Chef Hugh Grant traten nach der Einigung stolz vor die Presse. (Foto: dpa)

Bitte lächeln: Bayer-CEO Werner Baumann und Monsanto-Chef Hugh Grant traten nach der Einigung stolz vor die Presse. (Foto: dpa)


Mit der geplanten Milliarden-Übernahme des US-Agrokonzerns Monsanto durch Bayer richten sich die Blicke derzeit vor allem auf das landwirtschaftliche Geschäft des Konzerns. Doch welche Rolle nehmen künftig eigentlich die bislang ertragreicheren Pharma- und Healthcare-Aktivitäten von Bayer ein? Eine Annäherung.

Bayer-Chef Werner Baumann und Monsanto-Boss Hugh Grant blicken zufrieden in die Kameras. Sie haben gerade ihren großen Deal besiegelt – die Übernahme Monsantos durch Bayer für 66 Milliarden US-Dollar beziehungsweise rund 59 Milliarden Euro. Es ist die größte Übernahme, die je ein deutscher Konzern gestemmt hat. Das Agrogeschäft, bei Bayer „Crop Science“ genannt, wird damit deutlich an Gewicht gewinnen – von bislang 30 Prozent des Umsatzes auf künftig 49 Prozent. An Gewicht verlieren wird dagegen das Healthcare-Geschäft, bestehend aus dem Pharmabereich mit seinen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln, dem Consumer-Health-Segment, also den verschreibungsfreien Präparaten, sowie der vergleichsweise kleinen Sparte der Tiergesundheit. Healthcare steht bislang für 67 Prozent des Konzernumsatzes von zuletzt 34,3 Milliarden Euro, wird künftig aber wie das Crop-Science-Geschäft nur noch 49 Prozent ausmachen.

Pharma läuft gut

Die anteilsmäßige, nicht aber absolute Schwächung insbesondere des Pharmabereichs im Konzerngefüge erstaunt. Denn es ist vor allem Pharma, das bei den Leverkusenern gut läuft. So stieg der Umsatz mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln im zweiten Quartal 2016 um 5,5 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro. Laut Baumann trug zu diesem Wachstum vor allem die unverändert starke Entwicklung der neueren Produkte bei. Der orale Gerinnungshemmer Xarelto, das Augenmedikament Eylea, die Krebsmittel Xofigo und Stivarga sowie Adempas gegen Lungenhochdruck erzielten einen Umsatz von insgesamt 1,3 Milliarden Euro und legten damit währungsbereinigt um 28,8 Prozent zu. Unter dem Strich machte Bayer zwischen April und Juni einen Gewinn von 1,38 Milliarden Euro – 18,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig hob der Konzern seine Ergebnisprognose für das Gesamtjahr leicht an.

Sinken die Investitionen?

Vor diesem Hintergrund fragen manche Branchenkenner, warum Bayer den Agrobereich und nicht das ertragreichere Gesundheitsgeschäft verstärkt? Die Rheinische Post berichtet, es gebe sogar Befürchtungen im Pharma-Bereich, dass die Investitionsmittel sinken. Schon jetzt klagten Mitarbeiter der Pharmasparte darüber, dass jeder Euro „dreimal umgedreht werde und kaum neue Mittel genehmigt“ würden.

Bayer-Chef Baumann hat dagegen wiederholt betont, dass Bayer ein Life-Science-Unternehmen sei, das seine drei Säulen Pharma, Consumer Health und Crop Science in führende Positionen weiterentwickeln werde. Gegenüber dem Manager Magazin versicherte er dieser Tage, dass das „hoch innovative Pharmageschäft“ unter der Übernahme von Monsanto nicht leiden werde. „Es hat alles, was es braucht, um in den nächsten Jahren organisch weiterentwickelt zu werden.“ Bayer werde das Pharmageschäft in den nächsten Jahren neben dem bereits erwähnten organischen Wachstum auch mit Einlizenzierungen und kleineren Akquisitionen weiter ausbauen.

Wenig Anlass zur Sorge

Auch Ulrich Huwald, Analyst von Warburg Research, sieht keinen Grund für übertriebene Sorgen. „Meiner Meinung nach wird Bayer sein Pharmageschäft trotz Monsanto nicht vernachlässigen“, sagt er gegenüber DAZ.online. Wenngleich Bayer lediglich ein mittelgroßes Pharmaunternehmen sei und mit seiner Produktpalette und Pipeline mit Konzernen wie Roche oder Novartis nicht mithalten könne, so seien die Leverkusener mit ihren Pharmaprodukten doch sehr erfolgreich, wie das Beispiel Xarelto zeige. Entgegen anfänglicher Kritik habe Bayer das Produkt seit Jahren in der Spitze seiner Klasse platziert. Auch die Kooperation mit Regeneron beim Augenheilmittel Eylea mache wirtschaftlich viel Sinn. Darüber hinaus gebe es in der Entwicklungspipeline von Bayer mehrere aussichtsreiche Produktkandidaten. 

Das „hoch innovative Pharmageschäft“ werde unter der Übernahme von Monsanto nicht leiden

Auch die Investitionspolitik des Unternehmens in Forschung und Entwicklung (F&E) spricht nicht dafür, dass Bayer das Pharmageschäft beziehungsweise seinen Gesundheitsbereich vernachlässigen würde. Für das laufende Jahr sollen nach Angaben Huwalds 58 Prozent der F&E-Ausgaben von insgesamt 4,5 Milliarden Euro in den Bereich Pharma fließen. Inklusive Consumer Health liege dieser Satz bei 64 Prozent. 

Aktionäre nicht überzeugt

Die Aktionäre können solche Betrachtungen am Rande des großen Monsanto-Deals derzeit offenbar nicht überzeugen. Seit April 2015 befindet sich die Bayer-Aktie im Korrekturmodus. Zudem ist die Übernahme von Monsanto für 128 Dollar je Anteilsschein kein Schnäppchen. Bayer muss nun also liefern, um die anvisierten Einsparungen in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar in den nächsten drei Jahren auch tatsächlich zu erzielen, zumal auf der anderen Seite Integrationskosten anfallen.

Die Analysten von Morningstar geben sich bezüglich der zu erwartenden Synergien zudem zurückhaltender – sie erwarten jährliche Einsparungen von lediglich einer Milliarde US-Dollar. Den fairen Wert der Bayer-Aktie ohne Monsanto sehen sie bei 126 Euro. Das entspricht einem Aufschlag von immerhin rund 37 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. 

Glyphosat und ein schlechter Ruf

DZ-Bank-Analyst Peter Spengler erwartet zwar kurzfristig eine positive Entwicklung durch die Integration des Unternehmens und die Realisierung von Kosteneinsparungen. Mittel- bis langfristig werde Bayer nach seiner Ansicht aber mit einer hohen Verschuldung, hohem Goodwill und dem umstrittenen Glyphosat-basierten Geschäftsmodell von Monsanto konfrontiert sein.

Völlig offen ist auch, wie sich das schlechte Image von Monsanto langfristig auf Bayer niederschlägt. Der Ruf beziehungsweise das Ansehen eines Unternehmens ist ein weicher und schwer messbarer Faktor, der jedoch erheblichen Einfluss auf das Kaufverhalten der Kunden haben kann.



Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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