Nutzen und Risiko

Jetzt wollen Lancet-Autoren die Statin-Debatte beenden

Stuttgart - 12.09.2016, 06:37 Uhr

Tja: Auch zukünftige Forschungen können zusätzliche Vor- und Nachteile einer Statin-Therapie ergeben, schreiben die Autoren der Lancet-Review. (Bild: ralwel / Fotolia)

Tja: Auch zukünftige Forschungen können zusätzliche Vor- und Nachteile einer Statin-Therapie ergeben, schreiben die Autoren der Lancet-Review. (Bild: ralwel / Fotolia)


Die Autoren eines Lancet-Reviews sind der Ansicht, dass der Nutzen der Statintherapie häufig unterschätzt, mögliche Risiken dagegen übertrieben dargestellt werden. Ihre Übersichtsarbeit soll Ärzte und Patienten dabei unterstützen, informierte Entscheidungen zur Anwendung dieser Wirkstoffe zu treffen. 

Statine zählen zu den am besten untersuchten Arzneistoffen. Bei der Fülle an Daten, die in den letzten 30 Jahren generiert wurden, fällt es nicht leicht, die Übersicht zu behalten. Der jetzt in der Fachzeitschrift Lancet veröffentliche Review zeigt auf, wie die verfügbare Evidenz bewertet werden kann.

Er kommt zu dem Fazit, dass die Einstellung von 10.000 Patienten über fünf Jahre auf eine LDL-Cholesterol-Konzentration von 2 mmol/l (77 mg/dl) mithilfe einer kostengünstigen Statin-Therapie (z. B. Atorvastatin 40 mg täglich, Kosten in UK etwa 2 £ pro Monat) bei 1000 Personen mit bereits vorhandener vaskulärer Erkrankung (Sekundärprävention) sowie bei 500 Patienten mit Risikofaktoren wie Alter, Bluthochdruck oder Diabetes (Primärprävention) ein kardiovaskuläres Ereignis (Herzinfarkt, ischämischer Schlaganfall bzw. Koronar-Bypass) verhindern kann.

Dies entspricht einer absoluten Risikoreduktion von 10 bzw. 5 Prozent. Die Autoren verweisen darauf, dass laut Studienlage größere absolute Vorteile bei längerfristiger Einnahme beobachtet werden.

Die wichtigsten schweren Nebenwirkungen bei längerfristiger Statin-Therapie sind Myopathien (definiert als Muskelschmerzen oder -schwäche in Kombination mit erhöhten Kreatinkinase-Konzentrationen im Blut), das Neuauftreten eines Diabetes mellitus und hämorrhagische Schlaganfälle.

Behandelt man 10.000 Patienten über fünf Jahre mit täglich 40 mg Atorvastatin, können fünf Myopathie-Fälle, fünf bis zehn hämorrhagische Schlaganfälle, 50 bis 100 neue Diabetesfälle und bis zu 50 bis 100 Fälle von symptomatischen Nebenwirkungen wie z. B. Muskelschmerzen auftreten. Diese Nebenwirkungen verschwinden jedoch nach Absetzen des Statins. Bei Nichtabsetzen können sich aus Myopathien potenziell lebensbedrohliche Rhabdomyolysen entwickeln.  

Desweiteren diskutieren die Review-Autoren die Vorteile von randomisierten klinischen Studien (RCTs) und Metaanalysen auf Basis von RCTs im Vergleich mit Beobachtungsstudien. In Bezug auf die Statin-Therapie hätten Letztere gezeigt, dass nicht weniger als 20 Prozent der mit Statinen behandelten Patienten eine „Statin-Intoleranz“, vor allem aufgrund von Muskelschmerzen und -schwäche, aufweisen. Dagegen habe sich aus randomisierten Studien ergeben, dass eine kausale Beziehung zwischen der Einnahme von Statinen und dem Auftreten dieser muskulären Symptome lediglich bei 10 bis 20 von 10.000 behandelten Patienten pro Jahr besteht.

Die Autoren sind der Überzeugung, dass zukünftige Forschungen zusätzliche Vor- und Nachteile einer Statin-Therapie ergeben können. Sie rechnen jedoch nicht damit, dass sich das bisherige positive Nutzen-Risiko-Verhältnis wesentlich verändert. Aus diesem Grund warnen sie davor, den Nutzen der Statine zu unterschätzen, die Wirkstoffe grundlos abzusetzen und damit das Auftreten von Herzinfarkten und Schlaganfällen zu riskieren.

In einem begleitenden Kommentar sagte Dr. Richard Horton, Chefredakteur von The Lancet, dass die kontroversen Diskussionen der letzten Jahre über die Wirksamkeit und Sicherheit der Statine möglicherwiese die Gesundheit Tausender Patienten in UK gefährdet haben. Denn aufgrund einer negativen Berichterstattung hätten viele Patienten ihr Statin abgesetzt. Horton hofft, dass mit dem nun vorliegenden umfassenden Review, der die beste verfügbare Evidenz zur Statintherapie darstellt, diese Diskussion versachlicht werden kann.



Dr. Claudia Bruhn, Apothekerin / Autorin DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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1 Kommentar

Statine

von Dr Schweikert-Wehner am 12.09.2016 um 15:45 Uhr

Das kann schon sein, dass Statine über alles betrachtet mehr Vor- als Nachteile haben. Aber zu einer rationellen Therapie zum Nutzen der Patienten gehört dass vor der Therapie ein Gentest auf Vertäglichkeit und Wirksamkeit gemacht werden sollte, außerdem müsste es eine Altersgrenze für Patienten ohne genetisch bedingte Hypercholesteramie geben. Sollte es trotz aller rationellen Auswahl zu Myopathien kommen, so ist die Therapie zu ändern.
Erst wenn Ziel- und Patientengerecht therapiert wird passt die Adhärenz und die Vorteile einer Statintherapie überwiegen.

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