Telemedizin in Baden-Württemberg

Ja zu Ferndiagnosen – Nein zur Video-Apotheke

23.08.2016, 11:15 Uhr

Nur eins von beiden: Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) will die Ärzte bei ihren Video-Diagnosen unterstützen, nicht aber DocMorris mit der Video-Apotheke. (Foto:dpa)

Nur eins von beiden: Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha (Grüne) will die Ärzte bei ihren Video-Diagnosen unterstützen, nicht aber DocMorris mit der Video-Apotheke. (Foto:dpa)


Der Automat gefährdet funktionierende Strukturen

Auf die Frage, warum man die Initiative der Ärzte unterstütze, gleichzeitig aber gegen die Video-Apotheke sei, gab die Sprecherin keine konkrete Antwort. Das Ministerium wies darauf hin, dass ohnehin das Regierungspräsidium Karlsruhe für die Zulassung von Apotheken zuständig sei. Grundsätzlich sei es außerdem so, dass telemedizinische Systeme nur dort sinnvoll seien, wo sie bestehende Lücken schließen oder Behandlungsstrukturen verbessern könnten, erklärte die Sprecherin. „Im vorliegenden Fall in Hüffenhardt ist eher die Gefährdung bestehender und funktionierender Strukturen zu befürchten.“

Offenbar befürchtet man in Stuttgart, dass die Vor-Ort-Apotheken unter dem DocMorris-Angebot leiden und die Versorgung noch weiter ausgedünnt werden könnte. Es führe zu einem ungleichen Wettbewerb zwischen dem Abgabeautomaten und bestehenden Apotheken, „wenn ein solches automatisiertes System nur für unkomplizierte Situationen, in denen die benötigten Arzneimittel vor Ort bereit liegen, genutzt wird und die Versorgung mit aufwändig herzustellenden Rezepturarzneimitteln, teuren Arzneimitteln oder ausführlichen Beratungsdienstleistungen dann doch in nahgelegenen Apotheken in Anspruch genommen werden“. Dadurch könnten möglicherweise noch weniger Apotheken wirtschaftlich betrieben werden als bisher. „Am Ende dieser Entwicklung könnte ein wesentlich stärkeres Gefälle im Versorgungsniveau zwischen urbanen und ländlichen Gegenden bestehen, als es derzeit der Fall ist.“

Wenig politische Unterstützung für DocMorris 

DocMorris scheint in Baden-Württemberg also wenig politische Unterstützung für den Video-Automaten zu haben. Und auch die Fakten sprechen gegen die niederländische Versandapotheke. Gegenüber DAZ.online hatte ein Sprecher des Regierungspräsidiums Karlsruhe bereits auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes zum Visavia-Abgabeautomaten hingewiesen. Das Gericht hatte die Abgabe über die Maschine im Jahr 2010 als „im Wesentlichen unzulässig“ bezeichnet.

Natürlich besteht die Möglichkeit, dass das Unternehmen den Abgabeautomaten in Hüffenhardt nicht als Apotheke betrachtet und eine Apotheken-Zulassung daher erst gar nicht beantragt. Doch in diesem Fall dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die ersten Apotheker gegen DocMorris klagen. DocMorris selbst will sich weiterhin nicht zu seinen Plänen und seiner Strategie in Hüffenhardt äußern. Dass sich das Unternehmen mit seiner Sache sicher ist, zeigen die Umbauarbeiten in Hüffenhardt: Schon jetzt hat DocMorris ordentlich in den Umbau der alten Apotheke investiert. Die komplette Einrichtung wurde herausgerissen, ein neuer Boden verlegt. In den kommenden Wochen soll der Automat eingebaut werden, der sicherlich auch nicht billig war. 



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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