Tote Krebspatienten

Durfte der Heilpraktiker das ungetestete Arzneimittel verabreichen?

Stuttgart - 17.08.2016, 06:00 Uhr

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung: Die im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht verabreichte Krebstherapie steht im Verdacht, mehrere Todesfälle verursacht zu haben. (Foto: picture alliance / dpa)

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung: Die im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht verabreichte Krebstherapie steht im Verdacht, mehrere Todesfälle verursacht zu haben. (Foto: picture alliance / dpa)


Möglicherweise müssen frühere Patienten exhumiert werden

Derzeit wertet die Ermittlungskommission „Brom“ die Zeugenhinweise und die bei der Durchsuchung der Wohn- und Praxisräume des Heilpraktikers sichergestellten Beweismittel auch dahingehend aus, ob weitere Behandlungsfälle in die Ermittlungen einzubeziehen sind. Wie niederländische Medien berichteten, werden wahrscheinlich über Exhumierungen frühere Todesfälle von Krebspatienten, die der Heilpraktiker behandelt hat, aufzuklären sein.

Die Ermittlungsbehörde geht davon aus, dass die Todesfälle unbeabsichtigt auftraten. „Die bisherigen Ermittlungen bieten keine zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkte dafür, dass der Beschuldigte den Tod von Patienten oder Gesundheitsbeschädigungen vorsätzlich herbeigeführt hat“, erklärt sie in einer Pressemitteilung. Der Heilpraktiker hatte in einem Statement auf seiner inzwischen nicht mehr erreichbaren Homepage nach dem ersten Todesfall geschrieben, er sei „im Schock“ – und er weise Medienspekulationen zurück, der Todesfall habe mit der alternativmedizinischen Behandlung oder seiner Klinik zu tun.

Er hatte angekündigt, mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren – auf Medienanfragen reagiert er aktuell jedoch nicht. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Krefeld wollte auf Nachfrage nicht kommentieren, ob die Ermittlungsbehörden in Kontakt mit dem Heilpraktiker sind. Er sei jedoch weder zur Fahndung ausgeschrieben noch in Haft. 



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur DAZ.online
hfeldwisch@daz.online


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6 Kommentare

Heilpraktiker

von M.Sp. am 19.08.2016 um 18:28 Uhr

Ich lerne gerade für meine Prüfungen zu HP Psych und bin immer wieder erschrocken wie wenig wir wissen müssen. In der ersten Prüfung hatte ich das Gefühl, dass der Großteil sich nur beruflich verbessern möchte, aber keine Grundlage mitbringt um auch nur die Tragweite des Berufes zu erfassen.Allerdings um ein Bespiel aus der Schulmedizin aufzuzeigen: Mein Orthopäde hat vor drei Jahren auf Grund eines wirtschaftlichen Fehlers einen großen Verlust erzeugt. Seit dem "verschreibt" er extrem viele Zusatzleistungen die von der Krankenkasse nicht gezahlt werden. Ich musste jetzt auch den Arzt wechseln, da er nicht mal annähernd den Eindruck erweckt noch für den Patienten zu arbeiten.2 Wochen neuer Arzt und neue "einfacher" Behandlungsweg ...es geht Berg auf.Mein Fazit: HP besser regeln und HPs und Mediziner mehr zur Verantwortung ziehen.
Bloß wo endet das dann?

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Glaube und Tod

von Dr Schweikert-Wehner am 19.08.2016 um 15:11 Uhr

Hallo Herr Gerber
Da braucht es nicht so viel Glauben, wie in der Hokuspokus Medizin. Über Behandlungsfehler, Arzneimitteltote und Therapiversager gibt es Statistiken, wenn auch mit Dunkelziffer. Aber es gibt das Bemühen um Verbesserungen, wie z.B. durch AMTS an dem auch Pharmazeuten beteiligt sind. Bei den Alternativen gibt es keine Statistik keine Probleme, nur Erfolge und wenn es nicht hilft eine neue Potenz.

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Ihr Kommentar zu Heilpraktiker

von Gerber am 18.08.2016 um 21:47 Uhr

Sehr geehrter Herr oder Frau Dr. Schweikert-Wehner,

was glauben SIE eigentlich, wie hoch die Dunkelziffer der durch schulmedizinische Maßnahmen zu Tode gekommenen ist ...

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AW: Haltet den Dieb...

von Udo Endruscheit am 19.08.2016 um 23:16 Uhr

Ich kann dieses "Argument" einfach nicht mehr hören. Natürlich ist niemand und nichts vollkommen. Aber es ist einfach unredlich und nichts anderes als ein "Haltet-den-Dieb"-Argument, verantwortungsloses Handeln von sich selbst weit überschätzenden besseren Laien mit Problemen der wissenschaftsbasierten Medizin in einen Topf zu werfen bzw. zu rechtfertigen. Haben Sie eine Ahnung davon, welche Stadien in der wissenschaftlichen Medizin durchlaufen werden müssen, bevor jemand die Erlaubnis erhält, mit einem (noch) nicht zugelassenen Mittel zu therapieren? Kennen Sie außerdem die Dokumentationspflichten in der Wissenschaftsmedizin zu Komplikationen und Kunstfehlern? Das alles kann nicht ernsthaft mit den Bastelstuben in Beziehung gesetzt werden, die auf dem Heilpraktikermarkt unterwegs sind.
Ich verstehe einfach nicht, warum man angesichts der Regeln und Pflichten der wissenschaftsbasierten Medizin irgendwelche Leute unter dem Etikett "Heilpraktiker" in größtmöglicher "Therapiefreiheit" herumwurschteln lässt.
Nochmal: Was nachweislich wirksam ist und eine Risiko-Nutzen-Analyse standhält, IST Medizin und geht in den Wissenschaftsbetrieb ein. Was als nicht nachweislich gesichert ist und demgemäß auch keiner Risiko-Nutzen-Analyse zugänglich ist, gehört nicht zur Medizin und sollte deshalb nicht als "Alternativmedizin" von Selbstüberschätzern an hoffnungsuchende, wenn auch naive und oft desinformierte Menschen verkauft werden.
Hier muss die Gesetzgebung endlich eine ganz klare Grenze ziehen.

AW: Dunkelziffer

von Rudolf Hege am 20.08.2016 um 15:55 Uhr

Es ist keineswegs so, dass auf der einen Seite die Heilpraktiker "wursteln" und auf der anderen Seite Ärzte wissenschaftlich fundiert therapieren. In Deutschland herrscht Therapiefreiheit, d.h. JEDER, der therapieren darf - egal ob Arzt oder HP - darf mit allem therapieren, was ihm nicht explizit verboten ist. Er muss nur über die mit der jeweiligen Methode verbundenen potentiellen Risiken aufklären. Auch viele (Privat-)Ärzte setzen experimentelle Substanzen ein. Das ist natürlich gerade bei Krebserkrankungen problematisch, weil hier oft das "Prinzip Hoffnung" wirkt und die Patienten alles mitmachen, was irgendwie plausibel klingt. (Wobei der Großteil dieser Patienten konventionell austherapiert ist.)

Schaut man sich allerdings die Geschichte der Medizin an, dann stellt man schnell fest, dass viele - heute etablierte - Therapien genauso entstanden sind: als Experimente. Die Chirurgie verdankt beispielsweise E.F. Sauerbruch eine ganze Reihe von wichtigen Innovationen, die aber auch nicht ohne Opfer waren...

Heilpraktiker

von Dr Schweikert-Wehner am 17.08.2016 um 11:46 Uhr

Die einzig zieführende Konsequenz ist die ersatzlose Streichung des Heilpraktikergesetzes aus der Nazizeit. Was glaubt ihr eigentlich wie hoch die Dunkelziffer der Heilpraktikertoten ist. Habe selbst 2 Opfer in der Familie.

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