Tote Krebspatienten

Durfte der Heilpraktiker das ungetestete Arzneimittel verabreichen?

Stuttgart - 17.08.2016, 06:00 Uhr

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung: Die im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht verabreichte Krebstherapie steht im Verdacht, mehrere Todesfälle verursacht zu haben. (Foto: picture alliance / dpa)

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung: Die im „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht verabreichte Krebstherapie steht im Verdacht, mehrere Todesfälle verursacht zu haben. (Foto: picture alliance / dpa)


Warum mussten drei Krebspatienten, die in einem „Biologischen Krebszentrum“ nahe der niederländischen Grenze behandelt wurden, sterben?  In den Ermittlungen hat sich der Verdacht erhärtet, dass die Kranken die ungeprüfte und nicht zugelassene Substanz 3-Bromopyruvat erhalten haben. Der Heilpraktiker bezog es auch aus einer deutschen Apotheke, die nach Informationen von DAZ.online inzwischen einen Rückruf gestartet hat. 

Die Staatsanwaltschaft Krefeld ermittelt wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung gegen den Heilpraktiker Klaus R., der in seinem „Biologischen Krebszentrum“ in Brüggen-Bracht Krebspatienten behandelt hat, wie sie am Freitag bekannt gab. Der Alternativmediziner warb auf seiner Homepage mit einer „Basis-Therapie“ gegen Krebs, die er für 9.900 Euro anbot. 3-Bromopyruvat sei effektiver „als die heutigen Chemotherapeutika“, schrieb er dort. Inzwischen nahm der Heilpraktiker sie vom Netz.  

Der Staatsanwaltschaft Krefeld liegen offenbar neue Erkenntnisse vor, dass die Patienten tatsächlich mit 3-Bromopyruvat behandelt wurden. „In dem Ermittlungsverfahren gegen den Heilpraktiker Klaus R. erhärten die bisherigen Ermittlungen den Verdacht, dass der Beschuldigte in dem Zeitraum vom 25.7. bis zum 27.7.2016 in seiner Praxis in Brüggen fünf Krebspatienten mit dem Präparat 3-Bromopyruvat (3-BP) behandelt hat“, erklärte sie. Innerhalb weniger Tage nach der Behandlung verstarben drei Patienten. Nach Auskunft des Kreises Viersen soll R. die Patienten nach dem Auftreten von Nebenwirkungen mit Vitaminen versorgt haben, anstatt einen Notarzt zu rufen. Deshalb erstattete die Leiterin des Gesundheitsamtes Strafanzeige gegen ihn. 

Zwei weitere Krebspatienten mussten mit lebensbedrohlichen Komplikationen ins Krankenhaus eingewiesen werden. Zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand wollte sich ein Pressesprecher der Staatsanwaltschaft nicht äußern.

Gerichtsmedizinische Untersuchungen stehen noch aus

Unklar ist noch, inwiefern die bisher nicht in klinischen Studien getestete Substanz 3-BP für die Komplikationen verantwortlich war. „Abschließende Ergebnisse der in Auftrag gegebenen gerichtsmedizinischen Untersuchungen, die Aufschluss über einen Ursachenzusammenhang zwischen der Verabreichung des Präparats 3-BP in der von dem Beschuldigten verwandten Beschaffenheit und dem Todeseintritt geben sollen, stehen noch aus“, schreibt die Staatsanwaltschaft in ihrer Mitteilung.

Obwohl die Substanz bisher nicht zugelassen ist und der Heilpraktiker es offen als medizinische Therapie gegen Krebs beworben hat, war er womöglich autorisiert, seinen Patienten Infusionen mit 3-BP zu geben. „Nach einer vorläufigen Bewertung der Gesundheitsbehörden war der Beschuldigte als Heilpraktiker grundsätzlich berechtigt, das Präparat 3-BP zu verwenden“, erklärt die Staatsanwaltschaft. Laut dem Pressesprecher stützt sich diese vorläufige Einschätzung auf Aussagen der Bezirksregierung Düsseldorf, was diese gegenüber DAZ.online bestätigt.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Redakteur DAZ.online
hfeldwisch@daz.online


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6 Kommentare

Heilpraktiker

von M.Sp. am 19.08.2016 um 18:28 Uhr

Ich lerne gerade für meine Prüfungen zu HP Psych und bin immer wieder erschrocken wie wenig wir wissen müssen. In der ersten Prüfung hatte ich das Gefühl, dass der Großteil sich nur beruflich verbessern möchte, aber keine Grundlage mitbringt um auch nur die Tragweite des Berufes zu erfassen.Allerdings um ein Bespiel aus der Schulmedizin aufzuzeigen: Mein Orthopäde hat vor drei Jahren auf Grund eines wirtschaftlichen Fehlers einen großen Verlust erzeugt. Seit dem "verschreibt" er extrem viele Zusatzleistungen die von der Krankenkasse nicht gezahlt werden. Ich musste jetzt auch den Arzt wechseln, da er nicht mal annähernd den Eindruck erweckt noch für den Patienten zu arbeiten.2 Wochen neuer Arzt und neue "einfacher" Behandlungsweg ...es geht Berg auf.Mein Fazit: HP besser regeln und HPs und Mediziner mehr zur Verantwortung ziehen.
Bloß wo endet das dann?

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Glaube und Tod

von Dr Schweikert-Wehner am 19.08.2016 um 15:11 Uhr

Hallo Herr Gerber
Da braucht es nicht so viel Glauben, wie in der Hokuspokus Medizin. Über Behandlungsfehler, Arzneimitteltote und Therapiversager gibt es Statistiken, wenn auch mit Dunkelziffer. Aber es gibt das Bemühen um Verbesserungen, wie z.B. durch AMTS an dem auch Pharmazeuten beteiligt sind. Bei den Alternativen gibt es keine Statistik keine Probleme, nur Erfolge und wenn es nicht hilft eine neue Potenz.

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Ihr Kommentar zu Heilpraktiker

von Gerber am 18.08.2016 um 21:47 Uhr

Sehr geehrter Herr oder Frau Dr. Schweikert-Wehner,

was glauben SIE eigentlich, wie hoch die Dunkelziffer der durch schulmedizinische Maßnahmen zu Tode gekommenen ist ...

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AW: Haltet den Dieb...

von Udo Endruscheit am 19.08.2016 um 23:16 Uhr

Ich kann dieses "Argument" einfach nicht mehr hören. Natürlich ist niemand und nichts vollkommen. Aber es ist einfach unredlich und nichts anderes als ein "Haltet-den-Dieb"-Argument, verantwortungsloses Handeln von sich selbst weit überschätzenden besseren Laien mit Problemen der wissenschaftsbasierten Medizin in einen Topf zu werfen bzw. zu rechtfertigen. Haben Sie eine Ahnung davon, welche Stadien in der wissenschaftlichen Medizin durchlaufen werden müssen, bevor jemand die Erlaubnis erhält, mit einem (noch) nicht zugelassenen Mittel zu therapieren? Kennen Sie außerdem die Dokumentationspflichten in der Wissenschaftsmedizin zu Komplikationen und Kunstfehlern? Das alles kann nicht ernsthaft mit den Bastelstuben in Beziehung gesetzt werden, die auf dem Heilpraktikermarkt unterwegs sind.
Ich verstehe einfach nicht, warum man angesichts der Regeln und Pflichten der wissenschaftsbasierten Medizin irgendwelche Leute unter dem Etikett "Heilpraktiker" in größtmöglicher "Therapiefreiheit" herumwurschteln lässt.
Nochmal: Was nachweislich wirksam ist und eine Risiko-Nutzen-Analyse standhält, IST Medizin und geht in den Wissenschaftsbetrieb ein. Was als nicht nachweislich gesichert ist und demgemäß auch keiner Risiko-Nutzen-Analyse zugänglich ist, gehört nicht zur Medizin und sollte deshalb nicht als "Alternativmedizin" von Selbstüberschätzern an hoffnungsuchende, wenn auch naive und oft desinformierte Menschen verkauft werden.
Hier muss die Gesetzgebung endlich eine ganz klare Grenze ziehen.

AW: Dunkelziffer

von Rudolf Hege am 20.08.2016 um 15:55 Uhr

Es ist keineswegs so, dass auf der einen Seite die Heilpraktiker "wursteln" und auf der anderen Seite Ärzte wissenschaftlich fundiert therapieren. In Deutschland herrscht Therapiefreiheit, d.h. JEDER, der therapieren darf - egal ob Arzt oder HP - darf mit allem therapieren, was ihm nicht explizit verboten ist. Er muss nur über die mit der jeweiligen Methode verbundenen potentiellen Risiken aufklären. Auch viele (Privat-)Ärzte setzen experimentelle Substanzen ein. Das ist natürlich gerade bei Krebserkrankungen problematisch, weil hier oft das "Prinzip Hoffnung" wirkt und die Patienten alles mitmachen, was irgendwie plausibel klingt. (Wobei der Großteil dieser Patienten konventionell austherapiert ist.)

Schaut man sich allerdings die Geschichte der Medizin an, dann stellt man schnell fest, dass viele - heute etablierte - Therapien genauso entstanden sind: als Experimente. Die Chirurgie verdankt beispielsweise E.F. Sauerbruch eine ganze Reihe von wichtigen Innovationen, die aber auch nicht ohne Opfer waren...

Heilpraktiker

von Dr Schweikert-Wehner am 17.08.2016 um 11:46 Uhr

Die einzig zieführende Konsequenz ist die ersatzlose Streichung des Heilpraktikergesetzes aus der Nazizeit. Was glaubt ihr eigentlich wie hoch die Dunkelziffer der Heilpraktikertoten ist. Habe selbst 2 Opfer in der Familie.

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