TK präsentiert Innovationsreport 2015

Forschung an der falschen Stelle

Berlin - 09.09.2015, 16:00 Uhr

Ludwig, Glaeske und Baas präsentierten heute den TK-Innovationsreport 2015 mit einer Bewertung von Arzneimitteln aus 2012. (Foto: TK)

Ludwig, Glaeske und Baas präsentierten heute den TK-Innovationsreport 2015 mit einer Bewertung von Arzneimitteln aus 2012. (Foto: TK)


2012 war rückblickend ein „erschreckend schlechter Jahrgang“ was Arzneimittelinnovationen betrifft. So formulierte es der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, heute bei der Vorstellung des Innovationsreports 2015. Lediglich ein einziges Präparat verdiente nach dem Urteil der Herausgeber des Reports tatsächlich das Prädikat „Innovation“. Baas schlussfolgert daraus: Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) ist im Prinzip gut – aber es hat noch viel zu viele Schlupflöcher und Systemfehler. Hier müsse dringend nachgebessert werden.

Anders als der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der die Beschlüsse zur frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel trifft, haben die Herausgeber des Innovationsreports etwas mehr Zeit, ein neues Präparat zu beobachten. Sie schauen, wie es den Markt durchdringt, welchen Preis es letztlich hat und welche späteren Erkenntnisse zutage treten. Genau dies haben Gerd Glaeske und Petra Thürmann von der Uni Bremen sowie Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, jetzt mit dem zweiten AMNOG-Jahrgang getan. Am Ende ihrer Bewertung steht ein Gesamtscore und ein Ampelschema zeigt, wie es um die Innovationskraft des jeweiligen Präparates steht.

Zwölf rote Ampeln

20 Wirkstoffe wurden unter die Lupe genommen – von diesen waren vom G-BA nur zwölf vollständig bewertet worden. Keine umfassende Bewertung gab es etwa für die fünf Orphan Drugs, deren Zusatznutzen nach dem AMNOG bereits mit der Zulassung als belegt gilt. Bei den Report-Autoren erreicht allerdings nur ein Arzneimittel im Gesamtscore die grüne Ampel: Zelboraf® (Vemurafenib) von Roche. Sieben Mal zeigt die Ampel gelb und zwölf Mal rot.

Das heißt nicht zwingend, dass die Arzneimittel schlecht sind. Aber oft haben sie keinen Zusatznutzen gegenüber schon vorhandenen Therapien – und können dies nicht einmal über einen besseren Preis wettmachen. Dennoch, so betonte Baas, hätten die Hersteller ihre Hausaufgaben in Sachen Marketing gemacht: Die Präparate haben sich im Markt etabliert, rund die Hälfte von ihnen haben es in Leitlinien geschafft. 

Ein für den TK-Chef weiteres bemerkenswertes Ergebnis des diesjährigen Innovationsreports ist, dass die Innovationen 2012 auf „falschen Bereiche“ fokussiert seien. Statt sich beispielsweise um neue Antibiotika zu kümmern, setze die Pharmaindustrie weiterhin auf Indikationen, die für sie die größten Renditen versprechen. Baas Appell an die Industrie lautet daher: Nicht da forschen, wo sie sich den leichtesten Weg durch das AMNOG verspricht, sondern dort, wo es wirklich nötig ist.

Spar-Erwartungen nicht erfüllt

Obwohl die Bewertung der neuen Präparate keinesfalls rosig ausfiel, macht sich dies bei den Preisen nur bedingt bemerkbar. Die ursprünglich von der Politik erwarteten Einsparungen erreicht das AMNOG nicht. Von rund zwei Milliarden Euro jährlich ging man zunächst aus – gerade einmal 320 Millionen Euro wurden 2014 erreicht, beklagt Baas. Pessimistisch zeigt er sich dennoch nicht: „Wenn das AMNOG als viel zitiertes ‚lernendes System‘ konsequent weiterentwickelt wird, sind jedoch viel größere Einsparungen möglich.“

Wo nachzubessern ist

Aus Sicht der TK und der Herausgeber des Innovationsreports hat das AMNOG in seinem vierten Lebensjahr doch noch einiges zu lernen. Baas forderte, die „Karenzzeiten für Mondpreise“ zu beenden und den Erstattungsbetrag rückwirkend ab dem Tag der Markteinführung gelten zu lassen. Zudem sollten bei den Preisverhandlungen die tatsächlichen Kosten der Vergleichstherapie herangezogen werden – und nicht die Listenpreise. Die (geheimen) Rabattverträge der generischen Vergleichspräparate seien bislang nicht berücksichtigt. Die TK schätzt, dass hier mindestens sechs Prozent zusätzlich einzusparen wären.

Zudem hält es Baas für sinnvoll, dass der zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem pharmazeutischen Unternehmer ausgehandelte Erstattungsbetrag zumindest in Teilen geheim ist. Öffentliche Preise setzten den Unternehmer zusätzlich unter Druck, da Deutschland für viele Länder noch Referenzpreisland sei. Durch geheime Preisnachlässe, so Baas Überlegung, könnten die Krankenkassen höhere Rabatte aushandeln, weil die Industrie damit nicht mehr automatisch in vielen anderen Märkten Abschläge hinnehmen müsste.

Den Innovationsreport 2015 können Sie hier als pdf herunterladen.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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