Folgen eines möglichen Grexits

Industrie will frühzeitig „Plan B“ diskutieren

Remagen - 07.07.2015, 14:25 Uhr

Patient Griechenland – die Arzneimittelversorgung steht auf dem Spiel. (Foto: beermedia/Fotolia)

Patient Griechenland – die Arzneimittelversorgung steht auf dem Spiel. (Foto: beermedia/Fotolia)


Die Sorge um einen möglichen Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion treibt auch die Pharmaindustrie um. Kürzlich hat sich der Generaldirektor des europäischen Dachverbandes der forschenden Pharmaunternehmen EFPIA, Richard Bergström, mit einem Brief an den zuständigen EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis, gewandt. Der Verband bittet darin dringend um ein Gespräch, um die unabsehbaren Folgen eines „Grexit“ für die Arzneimittelversorgung in Griechenland und eventuelle Gegenmaßnahmen zu diskutieren.

Im Worst-Case-Szenario sei die Integrität der Lieferkette in Griechenland und damit auch die öffentliche Gesundheit in Gefahr, glaubt die EFPIA. Man halte es deshalb für umsichtig und verantwortungsvoll, im Hinblick auf konkrete Notfallpläne einen Dialog zwischen der Kommission und der pharmazeutischen Industrie sicherzustellen. Dabei soll es im Wesentlichen um zwei Themenkomplexe gehen.

Komplizierte und anfällige Vertriebskette

Der eine betrifft eine mögliche allgemeine Störung des gesamten Geschäftsumfeldes. Man befürchtet technische Pannen in der Infrastruktur, Unsicherheit über die Gültigkeit von Verträgen, gepaart mit allgemeinen sozialen Unruhen. Die griechische Vertriebskette für Arzneimittel sei im Vergleich mit anderen europäischen Mitgliedstaaten kompliziert und sehr stark fragmentiert, merkt Bergström an. Das mache sie besonders störanfällig.

So seien in Griechenland vermutlich mehrere hundert Großhändler in den Einkauf von Medikamenten und die Belieferung der Apotheken involviert. Der EFPIA sei bekannt, dass viele Einzelunternehmen Notfallpläne entwickelt hätten, um die normale Funktion ihrer gewerblichen Tätigkeit soweit wie möglich abzusichern. Details solcher Pläne, deren Umfang oder Abdeckung spezieller Teile des Marktes kenne man jedoch nicht.

Gefahr von Arzneiengpässen durch Parallelhandel

Die zweite große Sorge betrifft potenzielle Arzneimittel-Engpässe, die durch übermäßigen Parallelhandel entstehen könnten. Wenn es eine neue Währung gebe, sei mit deren rascher Abwertung zu rechnen. Hieraus könne ein erheblicher Spielraum die Ausnutzung von Preisunterschieden bei Medikamenten in der EU entstehen, eine Triebfeder für einen vermehrten Parallelexport.

Um dies zu verhindern, möchte die EFPIA mit Kommissar Andriukaitis eine Reihe von temporären und verhältnismäßigen Optionen diskutieren. Diese bewegten sich im Rahmen der Europäischen Verträge und könnten gleichzeitig das erhebliche Risiko für die öffentliche Gesundheit im Falle eines tatsächlichen Grexit mindern, meint der Pharma-Verband. Einige dieser Optionen bedürften jedoch entweder einer Maßnahme der Kommission oder sie müssten von ihr vorher genehmigt werden. Daher rührt auch die Bitte um einen Dialog.

Kritisch: Preisreferenzierung auf Griechenland

Die Unternehmen drückt der Schuh aber auch noch an einer anderen Stelle. Zwar müsse der Zugang der griechischen Patienten zu Medikamenten im Falle eines Ausstiegs aus der Eurozone gesichert sein, aber die wirtschaftlichen Folgen für die Pharmaunternehmen dürften dabei nicht außer Acht gelassen werden, heißt es in dem Brief weiter. Angesichts der umfangreichen Praxis der internationalen Referenz-Preisgestaltung in Europa hält die EFPIA es für sicher, dass jede abnorme Preissenkung in Griechenland sich auf ganz Europa ausbreiten würde. Die Kommission wird deshalb in dem EFPIA-Schreiben dazu aufgefordert, eine politische Einigung des EPSCO-Rates der Gesundheitsminister (Employment, Social Policy, Health and Consumer Affairs Council) zu erleichtern, dass die Mitgliedstaaten in einem solchen Fall nicht auf Preise in Griechenland verweisen werden.

Wegen der erheblichen Tragweite ihres Anliegens möchte die EFPIA bei einem Gespräch mit Gesundheitskommissar Andriukaitis auch einige seiner Kollegen mit am Tisch haben, und zwar den für Arbeitsplätze, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit zuständigen Kommissions-Vizepräsidenten Jyrki Katainen, die Kommissarin für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU, Elżbieta Bieńkowska, sowie den Wirtschafts- und Finanzkommissar Pierre Moscovici und die Wettbewerbs-Kommissarin Margrethe Vestager.


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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