Kooperation von Pharmafirmen und Selbsthilfe

Für eine transparente Selbsthilfe

27.05.2015, 15:30 Uhr

Selbsthilfegruppen sind auf Förderung angewiessen. (Bild: Fotomek/Fotolia)

Selbsthilfegruppen sind auf Förderung angewiessen. (Bild: Fotomek/Fotolia)


Berlin - Millionen Patienten in Deutschland haben sich in Selbsthilfeorganisationen zusammengeschlossen. Finanziert werden die Gruppen und Verbände vor allem durch die Gesetzliche Krankenversicherung: 45 Millionen Euro werden die Kassen im Jahr 2015 fließen lassen – Tendenz steigend. Doch auch Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten unterstützen die Patienten. Das ist einerseits erfreulich, aber vielen stellt sich auch die Frage, ob es den Unternehmen unter dem Deckmantel Gutes zu tun, vielleicht doch vor allem um Einflussnahme geht? Der Verband der Ersatzkassen (vdek) hat Vorschläge, wie man gegen das „Gschmäckle“ der Beziehung zwischen Selbsthilfe und Wirtschaft angehen könnte. Das Zauberwort lautet einmal mehr: Transparenz.

Patientenorganisationen gewinnen an Gewicht: Sie werden immer häufiger an Entscheidungsprozessen beteiligt, beispielsweise werden sie in Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses gehört. Doch die Gruppen wecken auch Begehrlichkeiten – nicht zuletzt bei der Industrie, die ihre Produkte verkaufen will. Zwar haben sich die Mitgliedsunternehmen der „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e. V.“ (FSA) bereits seit einiger Zeit verpflichtet offenzulegen, welche finanziellen Zuwendungen sie Patientenorganisationen zukommen lassen. Doch die Kritiker sind noch immer nicht zufrieden.

In der frisch aktualisierten vdek-Borschüre „Ungleiche Partner – Patientenselbsthilfe und Wirtschaftsunternehmen im Gesundheitssektor“ werden die vielfältigen Interessen in diesem Bereich unter die Lupe genommen. Sie informiert über die Aufgaben der Selbsthilfe, zeigt die Arten der Zusammenarbeit mit der Industrie auf und gibt Anregungen, wie ungewünschte Einflussnahme erkannt und unterbunden werden kann.

Anlässlich der heutigen Vorstellung der Broschüre zeigten sich vdek-Chefin Ulrike Elsner, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), und Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG Selbsthilfe), im Schulterschluss. Ihr gemeinsames Anliegen: Es muss mehr Transparenz in die Förderung der Selbsthilfe einziehen.

Fondsfinanzierung und umfassende Veröffentlichungen

Elsner betonte: „Wir haben nichts gegen die Unterstützung der Selbsthilfe durch die Pharmaindustrie. Doch es besteht die Gefahr, dass Selbsthilfeorganisationen für die Interessen der Geldgeber benutzt werden und ihre Unabhängigkeit verlieren.“ Sie stellte daher konkrete Forderungen auf: Zum einen müssten die Selbsthilfeorganisationen selbst ihre Kooperationen öffentlich machen. Das geschehe teilweise schon jetzt, aber nicht bei allen Gruppen. Zudem müsse die Industrie alle Zuwendungen veröffentlichen – auch das tun schon einige Unternehmen, aber nicht alle.

Des Weiteren sollten Hersteller nicht ausgesuchte Patientenorganisationen unterstützen, sondern ihre Fördergelder in einen Fonds einzahlen, aus dem die Gelder dann von einer unabhängigen Instanz an die Gruppen und Verbände verteilt werden. Auch die Kassen lassen einen Teil ihrer Fördergelder in eine Gemeinschaftsförderung fließen. Von der Ärzteschaft fordert Elsner ebenfalls einen Schritt hin zu mehr Transparenz: Hier gebe es gute Vorbilder, etwa den Verein MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst“).  

Ludwig: am besten gar keine Industrieförderung

Ludwig ist mit den Forderungen im Grunde einverstanden. Eine Fondsförderung sei der Förderung spezieller Patientengruppen auf jeden Fall vorziehen. Noch lieber sähe er es allerdings, wenn die Selbsthilfe ganz ohne Unternehmensförderung auskommen würde. Die Schritte, die die Pharmaindustrie selbst unternimmt, um mehr Transparenz herzustellen, reichen dem kritischen Arzt nicht. Der Kodex, nach dem ab kommendem Jahr die Beziehungen zu Ärzten transparent gemacht werden sollen, ist aus seiner Sicht eine „Alibi-Veranstaltung“. Zum einen sei er keine Pflicht – und viele Ärzte würden sicher nicht mitmachen. Ein Manko ist es für ihn auch, dass die Geldflüsse nicht auf einer zentralen Webseite veröffentlicht werden, sondern Patienten sie auf jeder einzelnen Pharma-Webseite heraussuchen müssen.

Danner betonte, dass sich die Selbsthilfe der Gefahr der Einflussnahme sehr bewusst sei, wenn Unternehmen diese sponserten. Die BAG Selbsthilfe habe daher gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) Leitsätze für die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen im Gesundheitswesen verabschiedet und ein Monitoringverfahren entwickelt. Diese Maßnahmen sowie Selbstverpflichtungserklärungen der Verbände seien wichtige Bausteine, damit die Patientenselbsthilfe unabhängig handeln könne und in der Zusammenarbeit mit Unternehmen die Kontrolle über Inhalte der Arbeit behalte.


Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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