MMS-Wunderheiler-Szene macht weiter

BfArM will selbst aktiv werden

17.04.2015, 10:45 Uhr

MMS-Szene macht weiter: BfArM-Präsident Broich will gern selbst aktiv werden. (Bild: ARD-Screen)

MMS-Szene macht weiter: BfArM-Präsident Broich will gern selbst aktiv werden. (Bild: ARD-Screen)


Berlin – Weil die Geschäfte mit dem angeblichen Wundermittel MMS („Miracle Mineral Supplement“) weitergehen, spricht sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für eine zentrale Zuständigkeit bei der Verfolgung aus: „Der Föderalismus hat seine Vorteile“, erklärt BfArM-Präsident Prof. Karl Broich in einem Beitrag des Magazins „Kontraste“, der gestern Abend ausgestrahlt wurde – aber wenn die Patientensicherheit konkret in Gefahr sei, würde die Behörde gerne „stärker auch selber tätig werden“.

Seit Jahren wird MMS von selbsternannten Alternativmedizinern als Wundermittel angepriesen: gegen Malaria, Krebs, Autismus – die Liste ist lang. Dabei besteht MMS aus der ätzenden Chemikalie Chlordioxid. Im Februar stufte das BfArM zwei der Präparate als bedenkliche Arzneimittel ein. Wer seither offen für MMS wirbt und es in Umlauf bringt, macht sich eigentlich strafbar. „Doch der Wahnsinn geht weiter“, prangert das TV-Magazin an. Und viele Behörden sähen tatenlos zu.

Bereits 2014 ertappte das Magazin Ali Erhan, einen führenden Kopf der MMS-Szene, beim Verkauf der Chemikalie in Workshops. Das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Hannover sah das damals als Straftat an. Doch Erhan ist weiterhin aktiv, bei verschiedenen Veranstaltungen. Erhan habe sich dem Verfahren entzogen, erklärt Uwe Licht-Klagge vom Gewerbeaufsichtsamt, indem er Deutschland verlassen habe und über seinen Anwalt erklärte, in Deutschland nicht mehr gewerblich tätig zu werden. Ohne deutschen Wohnsitz könne man nicht weiter gegen ihn vorgehen. Es gab jedoch kein Strafverfahren. Erhan tritt daher weiterhin auf und bietet im Internet Workshops an.

Beim Berliner Institut für Tropenmedizin erkundigen sich immer mehr Leute nach MMS. Manche bringen gar das Resultat ihrer Darmeinläufe zur Untersuchung, um zu erfahren, ob es sich um einen Wurm handelt. „Es war eine amorphe Masse, eben Schleim“, erklärt Dr. Sebastian Dieckmann in Bezug auf eine jüngst untersuchte Probe. „Ein toter Wurm war das nicht.“ Der Mann, der die Probe vorbei gebracht hatte, wollte das nicht glauben, holte das Buch „Autismus heilen mit MMS“ hervor und pochte darauf, es sei der Seilwurm. „Einen solchen Wurm gibt es gar nicht“, betont Dieckmann.

Skrupellose Heilpraktiker und Ärzte

Die „Kontraste“-Reaktion stellt sodann den selbsternannten Wurm-Experten Andreas Kalcker auf die Probe und mailt ihm ein Bild von einem zerschnittenen, eingelegten Schollenfilet, das angeblich durch einen MMS-Einlauf beim autistischen Sohn herausgeholt wurde. Er reagiert prompt, dass es sich dabei um „rope (funis vermis)“ handle, den Seilwurm. Und er schreibt: „Autismus ist heilbar. Das ist Fakt.“ Auch ein Heilpraktiker, der selbst glühender Anhänger von Kalcker ist, empfiehlt MMS für ein autistisches Kind, obwohl er um die ätzende Wirkung weiß. Gleichzeitig warnt er, dass das „ein heißes Eisen“ sei und man vorsichtig sein müsse, sonst komme das Jugendamt.

Auch Ärzte machen mit: In der Spezialklinik Neukirchen in Bayern, die sich alternativer Heilmethoden rühmt, erstellte eine Ärztin den Therapieplan für ein Kind: MMS-Einläufe, mit Verweis auf Jim Humble. Was MMS ist, erklärt sie nicht. Nach zwei Einläufen in der Klinik wird den Eltern das als Arzneimittel verbotene Chlordioxid zur weiteren Behandlung zuhause mitgegeben. Doch der starke Chlorgeruch hält die Mutter davon ab. Die Eltern informieren sich über MMS und beschweren sich bei der Spezialklinik und informieren ihre Krankenkasse. Doch die AOK Plus erkennt keinen Behandlungsfehler – sie hatte offenbar den Therapieplan nicht vorliegen. Gegenüber „Kontraste“ will die Kasse sich nicht äußern. Der Klinikleiter wiederum droht mit rechtlichen Schritten.

Politik muss eingreifen

„Die gefährliche MMS-Szene macht skrupellos weiter“, zieht das TV-Magazin Bilanz. Demnächst gibt es beispielsweise wieder einen großen Kongress in Kassel. Doch die lokalen Ämter schaffen es nicht, das zu verhindern. „Überforderung vor Ort und Wirrwarr an Zuständigkeiten.“ Weil man auch beim BfArM mit der Situation unzufrieden ist, plädiert BfArM-Präsident Broich jetzt für eine zentrale Zuständigkeit. Die Patientensicherheit sei in Gefahr, argumentiert er. Um die „Quacksalber“ aufzuhalten, konstatiert „Kontraste“, müsste die Politik tätig werden. Erst dann könnten ihre Machenschaften konsequent und endgültig gestoppt werden.

Zum Kontraste-Beitrag kommen Sie hier.


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