Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

15.02.2015, 08:00 Uhr


Happy valentine, Shades of Grey und Karneval hat so einigen die Sinne total vernebelt. Sie versuchen ganz easy mit Dessousgutscheinen, Körperfedern und (s)exklusiven Vorteilen die Kunden zu locken. Andere wollen den Kunden sogar noch Ohrlöcher stechen. Fehlt nur noch das Tattoo-Studio im Apothekenlabor. Und währenddessen überlegt unser lieber Großhandel schon mal, wie er uns weniger Touren, weniger Rabatte, weniger Skonto verklickern soll, denn seine Spannen fallen dramatisch. Und so ganz nebenbei schauen wir Apothekers den Ärzten zu, wie sie den Medikationsplan an sich reißen.

9. Februar 2015

Die Apotheke und ihr Großhandel – ach, mein liebes Tagebuch, was war das doch früher für eine tolle Liebesbeziehung. Also, ich meine früher, wirklich früher, so vor etwa zwanzig, dreißig Jahren. Wie wurden die Apotheken da hofiert, umgarnt und gepampert. Da gab’s Rabatte und Skonti satt, eine irre Valuta, mindestens fünf Liefertouren am Tag, komplette Warenlagerfinanzierungen, kostenlose Fortbildungen fürs Personal, Kaffeemaschinen, Videokameras und nette Wohlfühlwochenenden. Das Geschäft brummte, die Spannen waren auskömmlich und gesetzliche Einschränkungen gab’s so gut wie nicht. Und so manche Apotheke hing am Tropf des Großhandels.

Die Zeiten änderten sich: Spargesetze schränkten diese Spielarten immer mehr ein. Spätestens mit dem AMNOG ist das meiste wohl Vergangenheit. Seitdem muss der Großhandel mit einem Festzuschlag von 70 Cent und einem prozentualen Höchstzuschlag von 3,15 Prozent auskommen. Rabatte darf er nur aus dem Höchstzuschlag gewähren, allenfalls ein Skonto ist noch drin.

Das löste Spar- und Rationalisierungswellen beim Großhandel aus. Aus der Liebesbeziehung zwischen Großhändler und Apotheke wurde eine knallharte (Über)Lebensgemeinschaft wie bei Schiffbrüchigen: alle in einem Boot. Runter mit der Tourenzahl, rauf mit einem Gebührenkatalog, weg mit Geschenken. Die jüngsten Entwicklungen zur Diskussion über die Skontihöhe trüben zusätzlich das Verhältnis. Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange: Der Mindestlohn kostet den Großhandel einen deutlichen einstelligen Millionenbetrag. Die EU-Leitlinie zur guten Vertriebspraxis (GDP) verlangt von den Großhändlern den Einsatz gekühlter Transportfahrzeuge, und der Wettbewerb zwischen den Großhändlern bleibt unruhig. Dazu kommt ein dramatischer Spannenverfall, wie der Großhandelsverband meldete: Schuld ist eine unerwartete Zunahme der Abgabe von hochpreisigen Arzneimitteln.

Mein liebes Tagebuch, die Beziehungen zwischen Apotheke und Großhandel werden da wohl bald deutlich schlanker ausfallen, sprich: ausgefuchste Rabattanpassungen (nach unten), die auf den milchglastransparenten Rechnungen ohne Mathematikstudium eh kaum nachzuvollziehen sind, Reduktion der Tourenanzahl und die eine oder andere „Leistungsanpassung“, wie das im Großhandelsjargon so nett heißt. Ach ja, Mini-Skonti gibt’s, wenn überhaupt, nur noch für die Gegenleistung, das Zahlungsziel einzuhalten. Die Apotheke und ihr Großhandel – aus der Liebesbeziehung von einst wurde die Zweckehe.

10. Februar 2015

Mindestlohn im Nachtdienst – darauf haben sich Adexa und Arbeitgeberverband (ADA) also verständigt. Wobei der Kompromiss noch unter dem Vorbehalt der Einigung auf einen Rahmentarifvertrag steht, der schon lange hart umkämpft wird. Mindestlohn, das bedeutet demnach einen Stundenlohn von 8,50 Euro ab 18:30 Uhr bis 8:00 Uhr, also für 13,5 Stunden, macht 114,75 Euro pro Nachtdienst. Die derzeit gezahlten Nachtdienstzuschläge bewegen sich laut Tarifvertrag zwischen  65 und 79 Euro. (Und wie sieht’s dann an Sonn- und Feiertagen aus, wo derzeit Zuschläge bis zu 237 Euro im Tarifvertrag stehen?) Mein liebes Tagebuch, der Mindestlohn im Nachtdienst dürfte für eine Apotheke verkraftbar sein, mit dem Nacht- und Notdienstfonds kommen so um die 250 Euro pro Nachtdienst rein. Und aus Sicht des angestellten Apothekers? Mindestlohn für einen Vollakademiker, der seine Leistung nachts erbringt? Klar, die Nachtdienste in Deutschlands Apotheken können sehr unterschiedlich ausfallen, von Durchschlafen bis Durcharbeiten ist da alles drin. Da kann der Mindestlohn wohl nur eine unterste Grenze darstellen.

Sieht eine easyApotheke noch wie eine Apotheke aus? Das Verwaltungsgericht Würzburg meint: Solange der Ort der Arzneimittelabgabe beim Betreten der Apotheke zu sehen ist: ja. Also, mein liebes Tagebuch, der Kunde muss den Arzneiabgabetresen nur sehen, ihn aber nicht auf der Sichtachse erreichen können, was in so manchen Apotheken dieser Franchisegruppe auch gar nicht so easy ginge. Denn zwischen Eingangstür und Rezepttresen liegt bei manchen dieser Drugstores ein Labyrinth von Gängen, die einer Tierversuchsanordnung gleicht: Maus muss den kürzesten Weg durchs Labyrinth der Laufkorridore finden, um ans Futter zu kommen. Doch das scheint dem Charakter einer Apotheke nach neuester Auslegung nicht mehr abträglich zu sein.

Ist wohl auch Geschmackssache. Genauso wie die Aktion der easyApotheken, die auf ihrer Website den Valentinstag und den Kinostart des Sadomaso-Films Shades of Grey mit „easyHöhepunkten“ und mit „(s)exklusiven Vorteilen“ verbinden: Für jeden Einkauf eines rezeptfreien Artikels ab 15 Euro gibt’s in easyApotheken „eine Körperfeder für Gänsehautmomente gratis“. Außerdem werden Dessousgutscheine verlost, und es gibt Rabatt aufs Sortiment „Sexualität und Verhütung“. Wie strange ist das denn? Danke, mein liebes Tagebuch, der Gänsehautmoment kommt mir auch ohne Feder, es reicht, wenn ich die easyApo sehe. Fehlt nur noch, dass die easyApotheker ihren Mitarbeiterinnen im Aktionszeitraum die passende Berufskleidung der Marke „Agent Provokateur“ spendieren. Im Ernst, mein liebes Tagebuch, wie fühlt sich wohl der schwerkranke Patient, wenn er sein Rezept zwischen Körperfeder und Dessous-Gutscheinen hindurch einlöst? Welche Anmutung strahlt so eine „Apotheke“ aus? Kann er annehmen, er wird hier patientenorientiert beraten und pharmazeutisch betreut? Zum Glück gibt es noch die freie Apothekenwahl.

11. Februar 2015

Nein, kein Faschingsscherz: Dem Vernehmen nach soll die ABDA kurz davor stehen, sich für ein neues Apothekerhaus in Berlin zu entscheiden. Sie soll die Wahl haben zwischen einem Haus, das erst noch in der Nähe des Hauptbahnhofs gebaut wird und 2018 fertig sein soll. Und einem anderen Objekt, das der Favorit sein soll und vermutlich irgendwo in der Gegend Behrenstraße, Französische Straße liegt. Also in durchaus edler, repräsentativer Lage, wo sich auch das First-Class Hotel de Rome befindet und der Verband der Automobilindustrie (VDA). Mein liebes Tagebuch, drunter machen wir’s nicht, damit das mal klar ist. Alles andere wäre ja auch ein Abstieg. Wenn wir schon aus dem Bank-Palais wegen Platzmangels ausziehen müssen, dann muss das Neue zumindest ein würdiges Auffanglager für rund 130 Mitarbeiter darstellen. Die ABDA und ihr Apothekerhaus – das sind echte Gänsehautmomente.

Wie schafft es die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), ein Projekt auf die Beine zu stellen zur systematischen Erfassung und Bewertung von Medikationsfehlern? Und für dieses Projekt gibt es sogar noch Geld vom Bundesgesundheitsministerium! Die Ärzte wollen untersuchen, ob und welche Fehler es bei der Arzneimittelanwendung gibt, ob Arzneimittel verwechselt oder versehentlich falsch dosiert werden, und dies in Meldebögen erfassen. Warum hat man hier die Apotheker nicht mit eingebunden? Oder noch besser: Warum legen wir Apothekers nicht selbst ein Projekt zur Erfassung von Medikationsfehlern auf? Böse Frage, mein liebes Tagebuch!

Da lässt er nicht locker, der brandenburgische Kammerpräsident Dobbert: Er wirbt bei seiner Landesregierung für einen Studiengang Pharmazie in seinem Bundesland. Gute Argumente hat er: Nachwuchsmangel, Arbeitsplatzgarantie nach dem Studium, Aufrechterhaltung der flächendeckenden Arzneiversorgung. Und die Kosten seien auch geringer, da die Ressourcen bestehender Studiengänge genutzt werden könnten. Und, na klar, wer in Brandenburg studiert, bleibt nach dem Studium in Brandenburg – hofft Dobbert. Wie heißt es: „Brandenburg. Neue Perspektiven entdecken.“ Genau, vielleicht entdeckt das Land ja auch noch die eine oder andere PTA-Schule.

12. Februar 2015

Es geht weiter bergab mit der Zahl der Apotheken. Ende 2014 gab es nur noch 20.441 Offizine – 384 haben dicht gemacht, mein liebes Tagebuch, und nur 163 trauten sich an eine Neueröffnung. Per Saldo gab’s damit 221 weniger als im Vorjahr, der niedrigste Stand seit 1992. Wenn ABDA-Präsident Schmidt die Ursachen dafür als vielschichtig bezeichnet, ist dies wohl richtig: betriebswirtschaftlich schwierige Situationen, konstant gebliebene Apothekenhonorare, gestiegene Personalkosten. Außerdem mangelt es niederlassungswilligen Apothekern an Planungssicherheit. Mein liebes Tagebuch, da sind Prognosen nicht allzu schwer: Der Trend geht weiter bergab. Denn die Ursachen werden sich dieses Jahr und in absehbarer Zeit wohl nicht so schnell ändern.

Medikationsplan – was kommt dazu aus der Jägerstraße? Eine kleine Stellungnahme: Die Rolle des Apothekers bei der Erstellung des Medikationsplans müsse besser verankert und eine Medikationsanalyse integraler Bestandteil des Medikationsplans werden. Stimmt. Und, ach ja, fast hätten wir’s vergessen: Die Kooperation aller Beteiligten und deren Vergütung müsse genauer geregelt werden. Na klar, so ein bisschen genauer hätten wir’s schon ganz gerne. Da sind wir doch gespannt, wie Gröhes Beamtenapparat diese Forderungen versteht und was er daraus macht.

13. Februar 2015

So geht Medikationsplan! Die Ärzteschaft begrüßt die mit dem eHealth-Gesetz geplante Einführung eines verbindlichen Medikationsplanes. Und fordert in ihrer Stellungnahme zur parlamentarischen Beratung neben Klarstellungen und Präzisierungen eine deutliche Erhöhung der Honorierung. Punkt. Da wird Tacheles geredet. Und: Die Ärzte machen sich schon heiße Gedanken, wie er aussehen soll, was genau aufgenommen werden soll und ob er auch die Selbstmedikationsarzneimittel beinhalten soll. Außerdem halten sie es auch für „inhaltlich nicht begründbar“, warum es einen Medikationsplan erst ab fünf Arzneimittel geben soll. Auch bei weniger als fünf gleichzeitig verordneten Arzneimitteln könnten vermeidbare Risiken auftreten. Womit sie wohl Recht haben. Warum erst ab fünf Arzneimittel, lässt sich nicht halten. Und sie lassen keine Zweifel aufkommen: Die Bundesärztekammer und die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft begrüßen die Festlegung der Erstellung und Aktualisierung des Medikationsplans als ärztliche Aufgabe. Tja, ganz klar, mein liebes Tagebuch, da werden Felder abgesteckt, aber deutlich! Mit ihrer Stellungnahme haben uns die Ärzte wieder etwas voraus. Warum ist das Statement von Apothekerseite so vage geblieben? Warum steht bei uns nicht, wie wir uns vorstellen, den Medikationsplan zu erstellen und zu pflegen? Lassen wir uns das wieder mal so nebenbei aus der Hand nehmen? Während uns die lieben Ärzte generös mehr Verantwortung übertragen wollen, indem sie uns zugestehen, dass wir die Selbstmedikationsarzneimittel in den Medikationsplan einpflegen dürfen. Hach, wie find ich das, mein liebes Tagebuch? Wenn wir da nicht aufpassen, sind wir so schnell so was von draußen aus dem Medikationsplan und Medikationsmanagement  – so schnell können wir gar nicht schauen. Und das war’s dann wohl mit der Apothekenperspektive 2030.


Peter Ditzel


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