Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

12.10.2014, 08:00 Uhr


Da kommt ein Versorgungsstärkungsgesetz auf uns zu! Honorarüberprüfung, Rezepturpreiserhöhung und neue BtM-Gebühr – sorry, mein liebes Tagebuch, die stehen leider nicht drin. Was auch im Gesetzentwurf fehlt: die Abschaffung der gesetzlichen Förderklausel für Importe. Aber ein gesetzlicher Kassenabschlag fixiert auf 1,77 Euro und die gesetzliche Aufforderung, dass Nullretax bei Formfehlern ein No-Go ist und sich Kassen und Apothekerverband darüber einigen sollen – wenigstens das steht drin. Was die letzte Woche noch brachte: Die konjunkturelle Stimmung ist mäßig, AMTS wollen auch Ärzte und Internisten machen, das Online-Vertragsportal für Hilfsmittelverträge ist grüne Banane und immer wieder: löchrige Lieferkette durch Importe.

6. Oktober 2014

Sinkende wirtschaftliche Stimmung, Besserung nicht in Sicht – so sieht die Lage Ende September in Deutschlands Offizinen aus. Ermittelt hat das der Apokix-Konjunkturindex. Wobei, mein liebes Tagebuch, ein genauer Blick zeigt: Knapp die Hälfte der Befragten beurteilte ihre Umsätze immerhin neutral und rund 14 Prozent sogar positiv. Über ein Drittel der befragten Apothekerinnen und Apotheker bewertete ihre Geschäftslage allerdings negativ. Und es gibt noch einen Unterschied: Größere Apotheken (mehr als 2 Mio. Euro Umsatz) beurteilten ihre Lage positiver als kleine Apotheken.

Mein liebes Tagebuch, was zusätzlich die Stimmung drückt, das sind die aktuellen Nachrichten über Syrien und die IS, über Ebola, die Kämpfe in der Ukraine und die anhaltenden Flüchtlingsströme aus Afrika und Syrien. Dazu kommen deutlich sinkende Wirtschaftsprognosen für Deutschland. Irgendwie wird man ständig damit konfrontiert, das zieht gewaltig runter.

Was haben neue Software und Bananen gemeinsam? Richtig, das Produkt reift beim Verbraucher. Da macht auch das neue Online-Vertragsportal (OVP) des Deutschen Apothekerverbands, das einen Überblick über die jeweiligen Hilfsmittelverträge geben will, keine Ausnahme. Ist zwar gut angedacht, funktioniert aber noch nicht, es gibt technische, datenschutzrechtliche und organisatorische Herausforderungen, sagt die ABDA. Tja, solche Probleme sind zum Lösen da! Da wird so ein tolles Portal vollmundig angekündigt, und dann läuft es nicht. Macht auch keine gute Stimmung. Vielleicht hätte man das Portal erstmal intern testen sollen, bevor man es freischaltet.

7. Oktober 2014

Schon wieder ein Manipulationsverdacht bei einem Importpräparat: Diesmal handelt es sich um eine Charge des monoklonalen Antikörpers Avastin®. Die betroffenen Fläschchen hatte ein deutscher Parallelvertreiber von einem rumänischen Großhändler bezogen. Warum nimmt das unser Bundesgesundheitsministerium nicht zur Kenntnis? Wir brauchen eine eindeutige Lieferkette Hersteller – Großhändler – Apotheke, die gesetzliche Förderung von Importen gehört abgeschafft und Importeure müssen verpflichtet werden, die eingekauften Arzneimittel zu überprüfen. Mein liebes Tagebuch, man kann es nicht fassen, dass in Deutschland, in einem Land, in dem alles und jedes geregelt ist, in dem es sogar ein Landesseilbahngesetz für Mecklenburg-Vorpommern gibt, obwohl dort keine einzige Seilbahn fährt, für Arzneimittellieferungen graue Importwege toleriert werden. Muss erst etwas passieren?

Also, mein liebes Tagebuch, Arzneimitteltherapiesicherheit, kurz AMTS, rückt im Gesundheitswesen mehr und mehr ins Bewusstsein. Auch ins Bewusstsein von Ärzten. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hat eine Arbeitsgruppe Arzneimitteltherapie-Management & AMTS gegründet. Ziel ist u. a.: „die individuell richtige Anzahl und die richtige Auswahl von Arzneimitteln zu identifizieren“. Und weiter: „Natürlich können und müssen auch Hausärzte, Fachärzte und Apotheker ihren Beitrag zur Arzneimitteltherapiesicherheit leisten. Dieser besteht aber nicht darin, die Verantwortung für internistische Arzneimitteltherapie zu übernehmen, sie zu optimieren oder zu verändern.“ Ach was. Liebe Internisten, was glaubt ihr denn, wo da des Apothekers Expertise ihren Platz hat? Zeichnet sich da schon ein Gerangel um AMTS ab? Machen alle, also Internisten, Hausärzte, Apotheker, ihr eigenes AMTS? Wird am Ende der Patient mit AMTS zugetextet und in Medikationspläne eingewickelt? Jahrelang passierte nichts und jetzt wollen’s alle machen? So wird’s wohl nichts. Es kann eigentlich nur funktionieren, wenn Ärzte und Apotheker zusammenarbeiten, sich respektieren und zulassen, dass jeder sein Wissen einbringt. Wie heißt es so schön: I have a dream…

Das kommt einer kleinen Transparenzrevolution gleich: Die EU-Arzneimittelbehörde EMA in London wird künftig Daten zu klinischen Studien offenlegen. Studien für alle zur Zulassung eingereichten Arzneimittel sollen ab dem 1. Januar 2015 veröffentlicht werden. Vom Zugang zu den klinischen Berichten sollen Gesundheitsberufe, Wissenschaft, aber auch die Industrie und nicht zuletzt die Patienten profitieren. Mein liebes Tagebuch, so geht Transparenz. Und die ABDA schafft es nicht, die Anträge des Deutschen Apothekertags, ihren Bearbeitungsstand und die Ergebnisse transparent ins Netz zu stellen.

8. Oktober 2014

Hand aufs Herz: Würde man im Ausland ernsthaft erkranken, würden sich die meisten liebend gern so rasch wie möglich zur Behandlung nach Deutschland bringen lassen. Ja, klar, unser Gesundheitswesen gehört zu den besten der Welt. Und dennoch: Die große Mehrheit der Bundesbürger findet einer Umfrage zufolge, dass unser Gesundheitssystem dringend reformiert werden sollte. Und: Viele Patienten fühlen sich offenbar nur noch als Nummer im System, sie glauben, alles drehe sich nur ums Geld, die Ärzte nähmen die Patienten nicht mehr ernst. Hmm, mein liebes Tagebuch, angesichts so mancher Berichte und Erfahrungen kann man das sogar verstehen. Es gibt sie wirklich, die Verbesserungsmöglichkeiten in unserem System.

9. Oktober 2014

Das „Versorgungsstärkungsgesetz“ ist im Anmarsch. Ein abteilungsinterner Arbeitsentwurf des Bundesgesundheitsministeriums gelangte an die Öffentlichkeit. Der Entwurf ist allerdings noch nicht mit Minister Gröhe und nicht mit der Union/SPD-Fraktion abgestimmt, erst in der nächsten Woche soll daraus ein offizieller Referentenentwurf werden. Aber das erste Papier zeigt schon, wo’s lang gehen könnte. Auch für Apotheker ist da was dabei, nämlich: Der Kassenabschlag soll gesetzlich auf 1,77 Euro fixiert werden, Nullretaxationen wegen Formfehlern soll es nicht mehr geben und Ärzte sollen ihren Notdienst besser mit Apotheken und Krankenhäusern abstimmen. Das war’s dann auch schon. Apothekers Forderungen wie jährliche Überprüfung der Honorare, mehr Geld für Rezepturen und eine höhere BtM-Gebühr: Fehlanzeige, Satz mit X, dazu steht nix im geplanten Gesetz.

Man kann sich natürlich auch mit Kleinigkeiten zufriedengeben. Der gesetzlich fixierte Kassenabschlag auf 1,77 Euro, auf den sich die Kassen und der Deutsche Apothekerverband schon geeinigt haben, bringt immerhin Ruhe an dieser Front – was das für die Zukunft bedeutet, dass er auf diesen Betrag festgeschrieben ist, ob das gut oder schlecht ist, wird sich zeigen. Und keine Nullretaxationen mehr wegen Formfehlern: na ja, hört sich gut an, aber im Gesetz wird sich dazu keine klare Regelung finden, sondern nur der Schubs (oder besser kleine Tritt?) für die Kassen und den Apothekerverband, sich hier zu einigen und etwas dazu in einem Rahmenvertrag zu vereinbaren. Bleibt die Hoffnung, dass die beiden rasch eine Lösung finden.

Bemerkenswert, dass sich das Versorgungsstärkungsgesetz auch anderer Schwachstellen im System annehmen will, z. B. dem nicht oder nur schlecht abgestimmten Notdienst von Apotheken, Krankenhäusern und Ärzten. Das neue Gesetz möchte eine Kooperationspflicht der Stellen, die den Notdienst regeln, also zwischen Kassenärztlichen Vereinigungen, Apothekerkammern, Krankenhäusern, Rettungsleitstellen.

Außerdem soll mit dem neuen Gesetz das Entlassmanagement verbessert werden. Krankenhäuser sollen im Anschluss an die Krankenhausbehandlung Leistungen verordnen dürfen. Sie sollen also beispielsweise Rezepte ausstellen dürfen: die jeweils kleinste Packung gemäß der Packungsgrößenverordnung, heißt es im Arbeitsentwurf des neuen Gesetzes. Mein liebes Tagebuch, der diesjährige Deutsche Apothekertag hatte vor kurzem die Einführung eines Entlassrezepts gefordert – und schon kommt’s. Und wenn man Krankenhausärzten noch beibringt, wie Rezepte ordnungsgemäß ausgestellt werden, ohne Formfehler, und wenn möglich mit Angabe einer Telefonnummer – dann ist das deutsche Gesundheitswesen einen großen Schritt weiter.

10. Oktober 2014

Auch der Verband forschender Pharmaunternehmen (vfa) meldet Bedenken an: Reimportierte Arzneimittel sind die „Achillesferse in der sicher geschlossenen Lieferkette“. Reimporteure müssten strengen Sorgfalts- und Dokumentationspflichten bezüglich des Vertriebsweges unterliegen. Und der vfa macht auch darauf aufmerksam: Die Förderklausel für Reimporte stellt ein Risiko für die  Arzneimittelsicherheit dar. Mein liebes Tagebuch, wie wahr! „Arzneimittelsicherheit verlangt nach einer geschlossenen Lieferkette, in die Unbefugte nicht eindringen können“, erklärte die vfa-Hauptgeschäftsführerin Fischer. Dem ist nichts hinzuzufügen. Warum stellt die Politik die minimalen Einsparpotenziale durch Importe über die Arzneimittelsicherheit? Warum wird mit dem Versorgungsstärkungsgesetz nicht die gesetzliche Förderklausel für Importe abgeschafft? Das wäre doch die Chance, hier reinen Tisch zu machen.


Peter Ditzel


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