AVR-Vorstellung

Lauterbach erinnert sich an Teppichhändler

Berlin - 23.09.2014, 17:09 Uhr


30 Jahre Arzneiverordnungs-Report – zu diesem Jubiläum fand sich heute der SPD-Fraktionsvize Prof. Dr. Karl Lauterbach mit auf dem Podium der AVR-Herausgeber und ihrer Berater ein. Er dankte Prof. Dr. Ulrich Schwabe für die „große Leistung“, die er und sein Mit-Herausgeber Dr. Dieter Paffrath seit vielen Jahren erbringen. Die berechneten Einsparvolumina seien „nie übertrieben“ gewesen – die Politik sei für dieses Werk dankbar. Lauterbach nutzte zugleich die Gelegenheit, die Arzneimittelpolitik der Großen Koalition zu verteidigen und mögliche neue Baustellen aufzuzeigen.

So erklärte Lauterbach den Rückzug der schwarz-roten Koalition vom erhöhten 16-prozentigen Herstellerzwangsrabatt: Er wäre angesichts der Überschüsse der gesetzlichen Kassen nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. Was den Bestandsmarktaufruf betrifft, so habe man auf Arbeitsebene Prioritäten setzen müssen – die zur Nutzenbewertung berufenen Gremien hätten den neuen Arzneimitteln dabei den Vorzug gegeben. Lauterbach machte aber auch deutlich, dass dies nicht heiße, der Bestandsmarkt sei ewig freigestellt – wenngleich er keine Vorschläge unterbreitete, was hier getan werden könnte.

Insgesamt zeigte sich Lauterbach zufrieden mit dem AMNOG-Verfahren. Die Berichte des Gemeinsamen Bundesausschusses und des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen seien international sehr anerkannt – mit „deutscher Gründlichkeit“ werde andernorts offenbar gerne gearbeitet. Der SPD-Politiker verwies aber auch darauf, dass sich der Arzneimittelmarkt beständig wandelt. So gebe es immer mehr biotechnologisch hergestellte Arzneimittel, die sich nicht zuletzt durch hohe Preise auszeichneten, die sie im ersten Jahr nach Markteinführung auch in Deutschland noch verlangen können.

Lauterbach sieht hier seine These vom „Teppichhändler“-Effekt bestätigt, die er schon äußerte, als der damalige Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) das AMNOG ins Leben rief. Die Verkäufer von Teppichen würden auf den eigentlich von ihnen erwarteten Preis einen Betrag X aufschlagen, den sie später in den Preisverhandlungen nachlassen könnten. Am Ende bekämen sie den gewünschten Preis und der Käufer habe den Eindruck, gut gehandelt zu haben. So sei es offenbar gegenwärtig auch im Fall des Hepatits C-Mittels Sovaldi®. „Hier ist das AMNOG vielleicht nicht schnell genug.“

Lauterbach hält es für denkbar, dass die Große Koalition wegen dieses Falls nochmal an den Arzneimittelmarkt rangeht. Allerdings stehen im Moment zunächst noch andere Gesetzgebungsvorhaben an. Es würde daher eher ein Projekt für die zweite Halbzeit der Legislaturperiode. Und wie eine Regelung aussehen könnte, mit der die Preise neuer Arzneimittel im ersten Jahr nach Markteinführung im Zaum gehalten werden können, ließ er mit Rücksicht auf den Koalitionspartner ebenfalls offen. Doch Lauterbach stellte klar: „Es mangelt uns nicht an Einfällen.“

Da sind die Vorstellungen beim AOK-Bundesverband konkreter: Der geschäftsführende Vorstand Uwe Deh nahm kein Blatt vor den Mund und forderte die Politik auf, die offensichtliche Lücke im Gesetz schnell zu schließen. Am besten dadurch, dass der ausgehandelte Erstattungsbetrag rückwirkend auch für das erste Jahr gilt. 

Letztlich sei die Arzneimittelpolitik ein „ständiges Reformprojekt“, so Lauterbach. Die Gesetze hielten in der Regel kaum länger als zwei bis drei Jahre, dann müsse nachjustiert werden. Neben den Preisen sei aber auch die Qualität der Arzneimittelversorgung etwas, worauf das Augenmerk gelegt werden müsse. Noch immer gebe es Fälle, in denen das richtige Arzneimittel – womöglich sogar zum richtigen Preis – beim falschen Patienten lande. Niemand kontrolliere den evidenzbasierten Einsatz von Medikamenten. Hier, so Lauterbach, werde in Anbetracht der immer komplexer werdenden Arzneimittel noch viel zu wenig getan.


Kirsten Sucker-Sket