Interview zu DAT-Antrag

Evidenz gängiger OTC aufarbeiten!

Berlin - 09.09.2014, 17:14 Uhr


Auf dem Deutschen Apothekertag wird nächste Woche über einen Antrag abgestimmt, der vom Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP) initiiert und von Vertretern der Allianz Aller Apotheker (AAA) und anderer Listen eingebracht wurde. Inhaltlich geht es um die Förderung der evidenzbasierten Beratung in der Selbstmedikation. DAZ.online hat bei einer der Antragsstellerinnen, der Berliner Apothekerin Dr. Kerstin Kemmritz, sowie Viktoria Mühlbauer vom VdPP, nachgefragt, was hinter dem Antrag steckt.

DAZ.online: Wie kam es zur Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Organisationen – des VdPP und der AAA? 

Kemmritz: „Schuld“ an dem Antrag ist tatsächlich die Leitbilddiskussion, die wir auf privater Ebene, dann auch länderübergreifend, geführt haben. Dabei sind wir in einer spannenden Diskussion immer wieder an der „Evidenzfrage“ hängen geblieben und dem vermeintlichen Gegensatz zwischen einem rein wissenschaftlichen Interesse auf der einen und den fehlenden Ressourcen für weitere, womöglich  zeitraubende Vorschriften und Prozeduren im Apothekenalltag auf der anderen Seite.

Nachdem sich auch in der Endfassung des Leitbildes – oder Perspektivpapiers 2030, wie es jetzt heißt – das Bekenntnis der Apothekerschaft zu einer „grundsätzlich evidenzbasierten Versorgung“ findet, geht es also gar nicht mehr um das „Ob“, sondern nur noch um das „Wie“ und „Wann“, bei dem wir gerne mithelfen, rechtzeitig praktikable Lösungen zu finden, bevor es andere tun. Der Antrag ist daher als Umsetzung dieses eigenen Anspruchs in die Praxis zu sehen, damit wir Apotheker durch einen einfachen Zugang zu diesen Daten überhaupt in die Lage versetzt werden, evidenzbasiert zu beraten – und nicht von anderen interessierten Kreisen vorgeführt werden, weil wir uns vollmundig etwas ins Stammbuch geschrieben haben, was wir bisher nicht leisten können oder wollen.

Mühlbauer: Allen Beteiligten ist die Zukunft des Berufs und die Qualität der Versorgung wichtig. Es geht hier nicht um neue Verpflichtungen, sondern um eine fundierte und praxisnahe Hilfestellung für die Beratung in der Offizin. Die Beratung zur Selbstmedikation ist eine der Kernaufgaben des Apothekers – nirgendwo sonst hat er einen so großen Handlungsspielraum. Er ist hier die letzte und oftmals einzige Fachperson, der der Patient vor der Arzneimitteleinnahme begegnet und macht den Unterschied zu Drogerien und Versandapotheken aus. In eine gute Beratung fließen also drei Aspekte ein: Der Patientenwunsch, die Erfahrung des Apothekers und das Wissen um die Studienlage.

DAZ.online: Was genau fordern Sie?

Mühlbauer: Wir möchten der Arzneimittelkommission der Apotheker die Aufgabe übertragen, zu den am häufigsten abgegebenen Arzneistoffen in der Selbstmedikation die Datenlage zu Nutzen und Risiken sowie die Aussagefähigkeit der Studienlage zusammen zu tragen und in praxisgerechter Form z.B. durch Einbindung in die Wirkstoffdossiers der ABDA-Datenbank zur Verfügung zu stellen, ohne dass damit eine automatische Bewertung des Arzneimittels verbunden ist.  Ich denke, die Patienten erwarten von uns Apothekern auch, dass unsere Empfehlungen durch wissenschaftliche Fakten untermauert sind.

DAZ.online: Inwiefern unterscheidet sich der Antrag von dem zur evidenzbasierten Pharmazie im letzten Jahr?

Kemmritz: Im letzten Jahr haben einige Kollegen einen Antrag gestellt, der die Entwicklung von evidenzbasierten Therapieleitlinien für die Selbstmedikation zum Thema hatte. Diesen Antrag haben wir nicht unterstützt, weil derartige Leitlinien – neben einem hohen Aufwand – auch die Gefahr bergen, nicht als Hilfestellung und Unterstützung gesehen zu werden, sondern eher als Verpflichtung und weitere Abgabehürde. Oder als „Vorlage“ für EDV-Programme, die eine pauschale Beratung und Auswahl anbieten. Gerade die Beratung in der Selbstmedikation ist aber eine ganz auf die persönliche Situation des Kunden zugeschnittene Leistung und weit mehr als nur die evidenzbasierte Auswahl eines Wirkstoffs! Gesundheit und Beratung gibt es eben nicht als „Pharmazie von der Stange“, denn Pharmazie, gerade auch in der Selbstbehandlung der Patienten, ist individuell und vielfältig. Diese Vielfalt dürfen wir uns auf keinen Fall nehmen lassen, diese Vielfalt will der Antrag daher in jedem Fall erhalten wissen - und die Auswahlkriterien für Arzneistoffe um das Kriterium der Evidenzlage erweitern.

Und so lautet der Antrag zum DAT im Wortlaut:

Evidenzbasierte Beratung in der Selbstmedikation fördern

Die Hauptversammlung der Deutschen Apothekerinnen und Apotheker spricht sich dafür aus, dass für die in der Selbstmedikation am häufigsten abgegebenen OTC-Arzneimittel die Evidenz zu Nutzen und Schaden aufgearbeitet wird und die Ergebnisse in geeigneter, praxistauglicher Form der Apothekerschaft zur Verfügung gestellt werden. Die Aufgabe wird ggf. federführend an die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) als eine dafür besonders qualifizierte Organisation der Apothekerschaft vergeben.


Kirsten Sucker-Sket


Das könnte Sie auch interessieren

Offener Brief an ABDA-Präsident Friedemann Schmidt

Ein Armutszeugnis

Evidenzbasiert beraten

Der VdPP-Brief im Wortlaut

AVOXA bietet neuen Newsletter zur evidenzbasierten Selbstmedikation

„EVInews“ für die OTC-Beratung

Gastbeitrag Florian Schulze, VdPP

Das alte Leidbild des Apothekers

Evidenzbasierte Beratung in der Selbstmedikation

Empfehlen, was wirkt!

BAK-Präsident Kiefer nimmt Stellung zur evidenzbasierten Selbstmedikation

Keine OTC-Ampel, aber eine Datensammlung