Neuer Wirkstoff

„ARNI“ – die neue Wunderwaffe gegen Herzinsuffizienz?

Stuttgart - 01.09.2014, 14:22 Uhr


ARNI steht für Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor und damit für ein neues Therapieprinzip bei Herzinsuffizienz, das Novartis jetzt vorgestellt hat. Die erste Substanz dieser Klasse, die derzeit noch unter der Bezeichnung LCZ696 firmiert, ist ein dualer Wirkstoff aus Valsartan und Sacubitril. Eine Studie zum klinischen Nutzen der Pharmakotherapie bei systolischer Herzinsuffizienz war vorzeitig gestoppt worden, da sich LCZ696 bei einer Zwischenanalyse dem bisherigen Goldstandard Enalapril klar überlegen gezeigt hatte.

In der Studie (PARADIGM-HF), die jetzt beim europäischen Kardiologenkongress in Barcelona vorgestellt und zeitgleich im „New England Journal of Medicine“ publiziert wurde, konnten kardiovaskuläre Todesfälle und durch Herzinsuffizienz bedingte Klinikeinweisungen (primärer Endpunkt) durch LCZ696 signifikant um 20 Prozent reduziert werden. Und auch der symptomatische Status der Patienten verbesserte sich unter LCZ696 stärker als unter dem ACE-Hemmer. Behandelt wurden 8442 Patienten über mehr als zwei Jahre, die additiv zur bestmöglichen Standardtherapie LCZ696 (200 mg zweimal täglich) oder Enalapril (10 mg zweimal täglich) erhielten.

Das Wirkprinzip von LCZ696 basiert zum einen auf der bei Herzinsuffizienz seit Langem als Therapieprinzip etablierten Blockade des Renin-Angiotensin-Aldosteron-System durch Valsartan und zum anderen auf der zusätzlichen Inhibition von Neprilysin. Ein Enzym, das für den Abbau von natriuretischen Peptiden (ANP und BNP) verantwortlich ist. ANP und BNP sind vasodilatatorische Botenstoffe, die Gegenspieler zum vasokonstriktorisch wirkenden Angiotensin II darstellen und an verschiedenen Stellen an der Blutdruckregulation beteiligt sind. Unter anderem senken sie das Plasmavolumen durch eine erhöhte Diurese und Natriurese. Blockiert man also mithilfe der neuen Substanz das abbauende Enzym, führen die erhöhten ANP- und BNP-Spiegel zu einer Senkung der Vor- und Nachlast sowie zu einer Steigerung des Herzzeitvolumens.

Bis Ende 2014 soll nun bei der FDA die Marktzulassung für die USA und Anfang 2015 die Zulassung in der EU beantragt werden. Firmenvertreter bezeichnen LCZ696 als „ einen der bedeutendsten Fortschritte der letzten zehn Jahre auf dem Gebiet der Kardiologie“. Auch in der Presse wird die Frage nach einem „neuen Goldstandard“ laut (Neue Züricher Zeitung) oder man sieht die bisherige Säule der Herzinsuffizienz-Therapie, die ACE-Hemmer, bereits wanken (Ärztezeitung). Analytiker prognostizieren bereits Höchstumsätze für LCZ696 zwischen zwei und zehn Milliarden Dollar.

Bei aller Euphorie gibt es allerdings möglicherweise auch einen Haken. Das Target der neuen Substanz, Neprilysin, wird von anderen Wissenschaftlern als mögliches Zielmolekül für Antidementiva getestet. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Neprilysin neben dem Abbau von BNP und ANP auch für den von Amyloid-Beta-Proteinen im Gehirn wichtig ist. Neprilysin-defiziente Mäuse, zeigten deutliche Demenz-Erscheinungen. Daher besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass eine längerfristige Einnahme der neuen Substanz Demenzen begünstigen bzw. deren Verlauf beschleunigen könnte.


Julia Borsch


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