Nicht besser als Placebo

Kein Vorteil für Paracetamol bei akuten Rückenschmerzen

Stuttgart - 24.07.2014, 16:53 Uhr


Zur Behandlung akuter Rückenschmerzen kommt neben den nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) oft Paracetamol zum Einsatz. Ein Vorgehen, das auch den Empfehlungen der Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Kreuzschmerz entspricht. Eine aktuelle Studie aus dem Lancet mit 1652 Rückenschmerz-Patienten stellt diese Praxis jetzt allerdings infrage.

1652 australische Patienten, die unter akuten Schmerzen im unteren Rücken litten, nahmen an der Studie teil. Die Probanden wurden angewiesen, alle sechs bis acht Stunden zwei Tabletten retardiertes Paracetamol einzunehmen. Zusätzlich stand eine schnell freisetzende Formulierung als Bedarfsmedikation zur Verfügung. Es wurde in drei Gruppen randomisiert.

Die erste Gruppe erhielt dreimal täglich retardiertes Paracetamol (insgesamt 3990 mg pro Tag) und bei Bedarf Placebo. Gruppe zwei erhielt dreimal täglich Placebo und bei Bedarf 500 bis 1000 mg Paracetamol (maximal 4000 mg pro Tag), die dritte Gruppe erhielt nur Placebo. Eine Gruppe, die sowohl wirkstoffhaltige Bedarfs- als auch Dauermedikation erhielt, existierte nicht. Der Behandlungszeitraum betrug vier Wochen. Zusätzlich erhielten alle Teilnehmer Ratschläge und die Auskunft, dass bei akutem Rückenschmerz die Chance sehr groß sei, dass er schnell und unkompliziert abklinge.

Am Ende des Beobachtungszeitraums konnte kein Effekt von Paracetamol auf Schmerzen, Beweglichkeit oder auf die Schlaf- und Lebensqualität nachgewiesen werden. Die durchschnittliche Zeit bis zur Genesung war in den Paracetamol-Gruppen mit 17 Tagen sogar einen Tag länger als in der Gruppe, die nur Placebo erhielt. Dieser Unterschied war allerdings statistisch nicht signifikant. Insgesamt erholten sich die Patienten aber schneller als vergleichbare Kohorten mit Rückenschmerzen.

Auch wenn die Studie Schwächen aufweist – so wurde beispielsweise die maximal mögliche Tagesdosis von 4000 mg/Tag nicht ausgeschöpft, sondern im Durchschnitt nur 2660 mg/Tag eingenommen – sehen die Autoren Hinweise darauf, dass bei akutem Rückenschmerz Ratschläge und eine gute Prognose, wie sie in der Untersuchung vermittelt wurden, effektiver sind als pharmakologische Maßnahmen. Auf jeden Fall sollte, so einer der Autoren, die allgemeine Empfehlung für Paracetamol als Erstlinien-Therapie bei Schmerzen im unteren Rücken überdacht werden.

Die NVL Kreuzschmerz empfiehlt bei leichtem bis mäßigem akutem nichtspezifischem Kreuzschmerz einen Behandlungsversuch mit bis zu 3 g Paracetamol/Tag, dessen Erfolg nach ein paar Tagen zu überprüfen sei. Paracetamol sei beim akuten Kreuzschmerz ebenso wirksam wie NSAR. Darauf deuteten Studienergebnisse hin, heißt es weiter. Laut den Autoren der Lancet-Studie gibt es aber keine Evidenz, die diese pauschale Empfehlung für Paracetamol stützt.

Quelle: Williams CM, et al. Efficacy of paracetamol for acute low-back pain: a double-blind, randomised controlled trial; Lancet Published Online July 24, 2014; (14)60805-9


Julia Borsch


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