„Wundermittel“ bei Kontraste

MMS – wann wachen die Behörden auf?

Berlin - 06.06.2014, 17:00 Uhr


Das Berliner Magazin „Kontraste“ hat sich mit dem als „Wundermittel“ MMS beschäftigt. Es kursiert hierzulande illegal und ist das Gegenteil von sanft: eine scharfe Chemikalie. Dennoch vertrauen Tausende auf seine heilende Wirkung, egal ob bei Krebs, Asthma, Aids oder Autismus. In ihrem Beitrag prangert das Kontraste-Team an, auf welch grausame Art hier mit dem Leben von Schwerkranken gespielt wird – und dass die Behörden bislang dennoch untätig bleiben.

Das angebliche „Wundermittel“ wird aus den Chemikalien Natriumchlorit und Salzsäure gemischt. Dabei entsteht Chlordioxid, ein aggressives Desinfektionsmittel. Der Amerikaner Jim Humble propagiert MMS seit Jahren als Medizin. Erst vor Kurzem kamen Hunderte Interessierte zu einem Kongress nach Hannover, um ihn zu erleben. Dort verbreitete er die immer gleiche Geschichte: „Wir haben tausende Fälle von Malaria behandelt. Und hatten 100 Prozent Erfolg damit.“ Seiner Meinung nach können mit MMS fast alle Krankheiten geheilt werden. Mehr über die Folgen der Einnahme erfährt das Kontraste-Team beim Giftnotruf in Mainz. Hier melden sich immer wieder MMS-Geschädigte und berichten von starken Durchfällen und Übelkeit. „Wir würden das aufgrund der Chemikalien, die hier dem Körper zugeführt werden, als Verätzung bezeichnen“, erklärt man dort. Es handle sich um eine Schädigung der Schleimhäute, gegen die sich der Körper wehre, indem dieser versuche, das Mittel durch Erbrechen oder Durchfall wieder heraus zu befördern. Zum Test wird vor laufender Kamera eine Bluse mit einer normalen MMS-Dosis beträufelt – nach wenigen Minuten ist die Farbe weggeätzt.

Auf dem Kongress bittet das Kontraste-Team – undercover – Humble um Rat: Einer von ihnen sei an Leukämie erkrankt. „Alle Leute, die mit Leukämie zum Arzt gehen, sterben letztendlich“, erklärt er und rät stattdessen eine Steigerung der MMS-Tropfen auf drei jede Stunde. In einem weiteren Beratungsgespräch mit Andreas Kalcker, führender Kopf der MMS-Szene, der gerne über die große Verschwörung gegen MMS lamentiert, rät dieser dem erfundenen, an Darmkrebs erkrankten Vater von einer Operation ab. „Ich kann erfahrungsgemäß sagen, dass Darmkrebs sich sehr gut behandeln lässt mit MMS.“ Absolut fahrlässig, warnt der Berliner Krebsspezialist Dr. Uwe Peters. „MMS ist gefährlich.“ Für die Wirksamkeit der Substanz gebe es keine wissenschaftlichen Nachweise. Die Patienten verpassten die Zeit, in der man die Erkrankung heilen könnte – und dann sei es unter Umständen zu spät. „Sie können an der Erkrankung versterben.“

„Autismus heilen mit MMS“, dieses Buch ist auf dem Kongress der Beststeller: Die Mutter eines 12-Jährigen erklärt: „Vor drei Tagen hat er sich davon fast übergeben und ihm ist immer schlechter geworden.“ Doch sie will ihrem Sohn weiter MMS geben, denn er sei ein Zappelphilip. Eine andere führt schon bei ihrer vierjährigen Tochter Einläufe mit Chlordioxid durch – alle zwei Tage. Die Mütter halten sich streng an die Regeln von Andreas Kalcker und der Amerikanerin Kerri Rivera. Das Duo verbreitet die These, Autismus sei eine Folge von Impfschäden und Parasiten im Darm der Kinder. In ihren Vorträgen zeigen sie Bilder von angeblichen Würmern, die nach den Einläufen aus den Kindern herauskommen. „Solche Prozeduren sind Kindesmisshandlung“, erklärt der renommierte Kinderpsychiater Prof. Michael Schulte-Markwort entsetzt – psychisch und physisch. Es gäbe keinen einzigen Hinweis, dass Parasiten die Ursache von Autismus seien.

Je tiefer das Kontraste-Team in die MMS-Szene vordringt, desto gefährlichere Abgründe tun sich auf. Sie stoßen auf der Internetseite vom Jim Humble Verlag auf die „Schwarze Salbe“ – in Deutschland ebenso verboten wie MMS. Eine Heilpraktikerin behauptet bei einem Vortrag, man könne Haut- und Brustkrebs damit heilen. Sie zeigt Fotos von einer Brustkrebspatientin, deren Knoten mit der Salbe herausgeätzt wurde. „Nach 27 Tagen sieht man, der Tumor kommt heraus. Ich finde, so sauber kriegt es kein Chirurg hin.“ So könne eine Operation vermieden werden. Außerdem schwärmt sie, die Schwarze Salbe sei sogar ein Diagnose-Werkzeug: Sie reagiere nur auf Krebs. „Wenn sich die Stelle entzündet, kann man davon ausgehen, dass Tumorgewebe vorhanden ist. Passiert nichts, dann war da auch nichts. Die Salbe trennt zwischen gesunden und kranken Zellen. Phantastisch.“

In der Schwarzen Salbe enthalten ist Zinkchlorid – eine aggressive Chemikalie, die zu Hautschäden führt, erklärt Dr. Matthias Heuermann vom Landeszentrum Gesundheit in Nordrhein-Westfalen – und zum Absterben der Haut bei wiederholter Anwendung. Zudem sei ein krebserregender Pflanzeninhaltsstoff enthalten. Er hält die Salbe daher für „bedenklich“. Doch viele Patienten vertrauen den falschen Versprechen. Die Folgen sind Löcher und schlimme Narben. Im schlimmsten Fall sogar der Tod. So zeigt der Krebsspezialist Dr. Alexander Herzog ein Video mit einem Patienten, der ein großes Loch im Kopf hat. Das Hirn pulsiert. Ein Hautkrebspatienten, der leicht hätte operiert werden könne. Nach einer halbjährigen Behandlung mit der Salbe hat diese sich in sein Gehirn hineingefressen und letztendlich zum Tod des Patienten geführt.

Zum vollständigen Kontraste-Beitrag in der ARD-Mediathek gelangen Sie hier.


Juliane Ziegler


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