Antikonvulsiva gegen Alkoholabhängigkeit

Keine überzeugende Evidenz

Remagen - 27.02.2014, 09:07 Uhr


Alkoholabhängigkeit ist ein großes Gesundheitsproblem, das durch eine hohe Rückfälligkeit und eine Vielzahl medizinischer und psychosozialer Komplikationen gekennzeichnet ist. Die Patienten werden mit psychosozialen Therapien und auch mit verschiedenen pharmakologischen Ansätzen behandelt. In einem jüngst aktualisierten Cochrane Review evaluieren italienische Wissenschaftler die Datenlage zur Wirksamkeit von Antikonvulsiva bei Alkoholabhängigkeit.

Eingeschlossen in die Bewertung wurden 25 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und kontrollierte klinische Studien (CCT) mit insgesamt 2641 erwachsenen Teilnehmern, 80 Prozent davon männlich mit einem mittleren Alter von 44 Jahren.

Die meisten Studien verglichen Antikonvulsiva mit Placebo (17 Studien), weitere gegen andere (sieben Studien) oder gar keine Medikation (zwei Studien). Die mittlere Dauer betrug 17 Wochen (Bereich von vier bis 52 Wochen). Die Hälfte der Versuche fand in den USA, die andere Hälfte zum Teil auch in Europa (Deutschland, Spanien, Griechenland, Italien) statt. Das am häufigsten in den Studien eingesetzte Antikonvulsivum war Topiramat. Außerdem kamen Gapapentin, Valproinsäure, Levetiracetam, Oxcarbazepin, Zonisamid, Carbamazepin, Pregabalin und Tiagabin zum Einsatz. 

In den 17 Studien zum Vergleich mit Placebo waren Antikonvulsiva wirksamer in Bezug auf die Anzahl der Getränke pro Trink-Tag und Durchschnitt des starken Alkoholkonsums. Ob sie mehr Teilnehmer dazu bewegten, gänzlich auf Alkohol zu verzichten, oder ob unter Antikonvulsiva weniger Teilnehmer schwer tranken oder die Behandlung abbrachen (Dropouts), wurde allerdings nicht deutlich. Die Abbrecherquote wegen Nebenwirkungen war in beiden Gruppen gleich.

Im Vergleich mit Naltrexon, das für die Behandlung der Alkoholabhängigkeit als wirksam gilt, konnten Antikonvulsiva mit einer geringeren Anzahl von schweren Trink-Tagen, einer höheren Anzahl von Tagen bis zum nächsten schweren Rückfall und mit einer niedrigeren Rate von Therapieabbrechern aus medizinischen Gründen punkten. In der Rate der Teilnehmer mit schweren Rückfällen sowie Abstinenzlern während der Studie bestand jedoch kein Unterschied.

Die Qualität der Evidenz der eingeschlossenen Studien im Hinblick auf die primären Endpunkte (Dropouts, Alkohol-Abstinenz während der Studie, Anzahl der Getränke pro Trink-Tag, starker Alkoholkonsum, Rate der Therapieabbrecher aus medizinischen Gründen) bezeichnen die Reviewer als mittel (moderate). Subgruppen-Analysen, etwa zum Vergleich der verschiedenen Studien-Medikationen untereinander, geben allerdings aus der Sicht der Autoren nicht viel her.

Insgesamt halten sie die klinischen Nachweise für den Einsatz von Antikonvulsiva zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit nach dem derzeitigen Stand der Forschung für unzureichend. Dies ist auch bedingt durch die Heterogenität und durch die geringe Anzahl und Qualität der Vergleichs-Studien mit anderen Medikamenten. Angesichts der Unsicherheit dieser Ergebnisse müssen wohl die Kliniken selbst entscheiden, so das Fazit, ob sie Alkoholkranken Antikonvulsiva verordnen wollen oder andere Therapeutika, deren Wirksamkeit besser belegt ist.

Quelle: Pani PP, Trogu E, PaciniM,Maremmani I. Anticonvulsants for alcohol dependence. Cochrane Database of Systematic Reviews 2014, Issue 2. Art. No.: CD008544. DOI: 10.1002/14651858.CD008544.pub2.

www.thecochranelibrary.com


Dr. Helga Blasius


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